Warum bemalen Sie Schützenscheiben, Frau Zeisbrich?

Carola Zeisbrich (Foto: Zeisbrich)
 
Die Schützenscheibe Abbensen 2011 (Foto: Zeisbrich)
Im Interview verrät die Abbenserin Carola Zeisbrich, wie sie zu dieser außergewöhnlichen Tätigkeit gekommen ist.


Frau Zeisbrich, Sie sind Künstlerin und bemalen unter anderem Schützenscheiben. Wie kam es dazu?

Als mein Mann und ich 2006 nach Abbensen gezogen sind, klingelte es eines Tages an der Tür. Herr Littau, der Vorsitzende des hier ansässigen Schützenvereins hatte Kenntnis von meiner Tätigkeit als Kunst- und Auftragsmalerin bekommen. Er fragte mich, ob ich die Königsscheibe malen würde, ich sagte zu, und der Anfang war gemacht.

Gewähren Sie uns einen Einblick: Wie viele Schützenscheiben-Bemaler gibt es in Deutschland?

Das weiß ich wirklich nicht! Was ich weiß ist, dass es viele Hobbymaler gibt. Die sind natürlich nicht angemeldet. Daher verfüge ich über keine Zahlen. Aber Profis, die hauptberuflich dieser alten Traditionsmalerei nachgehen, gibt es bestimmt nur wenige.

Wenn Sie an Ihre Auftraggeber denken: Wie groß ist Ihr „Einzugsgebiet"?

Neben den Vereinen in der näheren Umgebung male ich auch für Kunden von Kästdorf (Gifhorn) bis Bissendorf (Wedemark), von Lengede bis Sarstedt. Mittlerweile sind auch Vereine aus Lenglern bei Göttingen hinzugekommen. Der am weitesten entfernte Kunde wohnt im etwa 400 Kilometer entferntem Willanzheim in der Nähe von Würzburg.

Viele Schützenvereine leiden darunter, immer weniger Nachwuchs für Ihre Vereine gewinnen zu können. Lässt sich das an Ihrer Auftragstasche ablesen?

Die Nachwuchsprobleme kann ich bestätigen. Meine Vereinskunden berichten mir davon. Trotzdem ist ein Rückgang bei mir nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil, ich bekomme von Jahr zu Jahr mehr Vereine hinzu, für die ich Malen darf. Die Gründe dafür sind sicher verschieden. Aber drei werden am häufigsten genannt. Erstens die Unzuverlässigkeit des bisherigen Scheibenmalers. Zum anderen sterben Maler und es werden Nachfolger gesucht. Und drittens ist eine Rückkehr zur Qualität festzustellen. Aus Kostengründen griffen in den vergangenen Jahren viele Vereine auf bedruckte Scheiben zurück. Nun nach wenigen Jahren sind diese Scheibenmotive oft total verblichen. Die Farben mit denen die Folien bedruckt wurden sind nicht lichtecht geschweige denn wetterfest. Also kehren einige Vereine zur handgemalten Holzscheibe zurück.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie durch Abbensen gehen und eine „Ihrer“ Scheiben sehen?

Es erfüllt mich mit Stolz! Es ist schön zu sehen, wie viel Freude die Scheiben den Besitzern bereiten. Am schönsten ist es für mich, dass Strahlen in den Augen der Schützen zu sehen, wenn Sie die Scheiben abholen. Das Lächeln und die Begeisterung eines zufriedenen Kunden sind für mich mehr wert, als das Geld was ich für meine Arbeit erhalte.

Wenn Sie an den Herstellungsprozess denken: Wie langen brauchen Sie im Schnitt für eine Scheibe?

Das ist ganz unterschiedlich. Wie gut ist der Holzrohling? Muss er noch geschliffen und gespachtelt werden? Wie aufwendig ist das Motiv? Es gibt Scheiben, bei denen ich nach sieben bis acht Stunden fertig bin. Für die meisten benötige ich aber zehn und mehr Stunden. Für Sonderscheiben brauche ich auch schon mal 20 bis 25 Stunden. Natürlich arbeite ich nicht in einem Stück daran. Es sind oft Trockenzeiten zwischen den einzelnen Arbeitsschritten nötig. Eine mit Acrylfarben bemalte Scheibe braucht nur ein paar Tage. Eine mit Öl bemalte Scheibe genötigt mehrere Monate, wegen der langen Trockenzeiten. Einige Vereine bringen ihre Scheiben deshalb bereits ein Jahr im Voraus. Manche kommen aber auch erst acht Wochen vor Abholtermin.

Was gehört denn noch alles zu Ihrer „Angebotspalette“? Womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie nicht gerade Schützenscheiben bemalen?

Als Kunst- und Auftragsmalerin bin ich oft selbst überrascht, mit welchen Wünschen Kunden an mich herantreten. Das macht es besonders abwechslungsreich.
Ich male eigentlich alles, was man sich vorstellen kann. Porträts von Menschen und Tieren bis hin zur Aktmalerei. Ich habe schon I-cons für Internetseiten entworfen, und Bilder passend zum Wohnambiente gemalt. Auch eine Anfrage zur Illustration eines Kinderbuchs ist an mich herangetragen worden. Ich durfte riesige Bilder für die Kirche in Eickenrode malen. Schilder für Werbezwecke und vieles mehr. Die La Petite Galerie in Peine hat mich als Portraitmalerin in ihr Sortiment aufgenommen. Nicht zuletzt gehört auch das Reinigen von alten Ölbildern zu meinen Aufgaben.
Regelmäßig stelle ich eigene Bilder in öffentlichen Gebäuden aus.
Die Malerei wir ergänzt durch das Unterrichten. Ich gebe Malunterricht sowohl bei mir im Atelier, als auch an den Volkshochschulen Peine und Ostkreis Hannover. Den Unterricht an den Schulen in Edemissen und Vöhrum habe ich aus Zeitgründen vor einem halben Jahr eingestellt. Die Auftragsmalerei nimmt immer mehr Platz ein. Seit einiger Zeit besteht auch die Möglichkeit sich per Webcam Live übers Internet unterrichten zu lassen.
Die Zeit, die neben all diesen Dingen noch übrig bleibt, verbringe ich vorzugsweise mit meinem Mann, meinen Haustieren und guten Freunden.

Seit fünf Jahren leben Sie in Abbensen. Dort gibt es so ungewöhnliche Straßennamen wie zum Beispiel „Zu den Kniekuhlen“. Woher stammt denn dieser Straßenname?

Mir wurde die Geschichte erzählt, dass ein Riese aus dem Harz, der auf der Durchreise war, hier auf die Knie gefallen ist und dabei zwei große Kuhlen hinterlassen hat.

Mal abgesehen von Ihrer künstlerischen Tätigkeit: Was macht Abbensen lebenswert?

Mein Mann und ich fühlen uns in Abbensen sehr wohl. Als Zugezogene wurden wir freundlich aufgenommen. Alles ist in wenigen Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen. Der Schützenverein Abbensen organisiert jedes Jahr ein tolles Schützenfest mit buntem Umzug. Den Altgesellen und der „Alten Garde“ haben wir das Maibaumfest und das bekannte Entenrennen zu verdanken. Und natürlich ist der Kunsttreff eine große Bereicherung für Kulturinteressierte hier im Ort. Dann wäre da noch die freiwillige Feuerwehr, die genau wie all die anderen Vereine eine tolle Jugendarbeit leistet. Eine kleine Kirche mit regelmäßigen Gottesdiensten haben wir natürlich auch.

Und was könnte besser sein?

Es könnte schönere Wege zum Spazieren gehen geben. Der Ortsrand Richtung Klein Oedesse hat einfach nicht viel zu bieten. Außerdem werden die Gemeindeflächen im Ortsinnern zu selten gemäht. Weiterhin wünschte ich mir mehr Eigenverantwortung von hier lebenden Bürgern. Einige Wege in der Feldmarkt sind mit Taschentüchern, Getränkeflaschen und Plastikverpackungen verunreinigt. Das ist kein schöner Anblick.

Weitere Informationen zu Carola Zeisbrich gibt es auf www.diemalinsel.de.
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Weiterveröffentlichungen:

Uetze & Edemissen kompakt | Erschienen am 18.10.2011
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