Landwirte greifen Wiesenbrütern unter die Fittiche

  Wiesenbrüter wie der Große Brachvogel sind selten geworden. Landwirte und Naturschützer setzen sich in Schwaben gemeinschaftlich für das Überleben der seltenen Schnepfenart ein.

Ein Rückblick auf die Wiesenbrütersaison 2016 am Beispiel des Gebietes Deiningen/Alerheim im Nördlinger Ries

Acht Hektar sind in der Gemeinde Alerheim im Landkreis Donau-Ries eingezäunt. Ein Elektrozaun mit vier Litzen und einem Sichtband umgibt eine Wiesenfläche und einen Acker. Judith Kronberg, die Gebietsbetreuerin Nördlinger Ries, sitzt außerhalb der Umzäunung und beobachtet die Brachvögel auf der Wiese. Paarweise sind sie derzeit unterwegs. Die Unterscheidung zwischen Männchen und Weibchen fällt am Anfang nicht ganz leicht, klappt mit der Zeit aber immer besser: Die Weibchen haben den längeren Schnabel. Die eingezäunten Wiesen sind im Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) und werden erst ab Mitte Juni gemäht. Angrenzend befinden sich Wiesen, die intensiv genutzt werden. Solch ein Nutzungsmosaik ist ideal für den Großen Brachvogel. „Wenn er dann, wie hier, auch noch auf einer VNP-Fläche brütet, dann hat er erst mal Ruhe bis Mitte Juni und die Jungen finden Deckung. Gemähte Flächen sind wichtig für die Nahrungssuche. Dort können die Jungvögel durch die Vegetation hindurchschreiten und mit ihrem noch biegsamen Schnabel Insekten von der Bodenoberfläche absammeln.“, erklärt die Gebietsbetreuerin.
37 Gebiete in Bayern werden von Gebietsbetreuern betreut. Sie haben dabei die Funktion als Vermittler und Repräsentanten der Natur einerseits und der vor Ort lebenden und arbeitenden Menschen andererseits. Judith Kronberg ist gleichzeitig eine der sogenannten „Wiesenbrüter-Berater“. Seit 2015 sind Wiesenbrüter-Berater in fünf ausgewählten Wiesenbrütergebieten in Schwaben (Mindeltal, Leipheimer Moos, Donauried-Mitte, Donauried-Ost, Nördlinger Ries) im Einsatz, um den bedrohten Wiesenbrüterarten unter die Fittiche zu greifen. Sie grenzen die ungefähren Nistplätze ein, gehen auf die Landnutzer zu und versuchen sie für das Artenhilfsprogramm Wiesenbrüter zu begeistern, bei dem die Landwirte die Gelege des Brachvogels bei der Bewirtschaftung schützen. „Im Nördlinger Ries haben alle Landwirte mitgemacht“, erzählt die Gebietsbetreuerin begeistert. „Ohne das Mitwirken der Landwirte könnten wir die Schutzmaßnahmen nicht umsetzen“.

Schwabenweites Pilotprojekt


Da der Bestand des Großen Brachvogels durch Wiesenrückgang und häufigeren Schnitt, schlechtere Nahrungsverfügbarkeit, den Druck durch Beutegreifer vom Boden und aus der Luft sowie durch Störungen durch Freizeitnutzungen bayernweit abgenommen hat, wurde 2015 ein Pilotprojekt zum Wiesenbrüterschutz ins Leben gerufen. Dieses vorerst auf drei Jahre angelegte Projekt soll als Notbremse dienen, um die Vogelart vor dem Aussterben zu bewahren. Akteure und Ansprechpartner vor Ort sind die „Wiesenbrüter-Berater“. „Wir kennen die Wiesenbrütergebiete und auch die Landwirte. Jede Saison versuchen wir zusammen mit den Landwirten den Vogelarten bestmögliche Chancen für einen guten Bruterfolg zu bieten.“, erklärt Kronberg. Aus dem Grund wurden dieses Jahr in Alerheim acht Hektar mit einem Elektrozaun umgeben. Jeder Landwirt, der eine zu bewirtschaftende Fläche innerhalb der Umzäunung hat, erhielt ein eigenes Tor, sodass er weiterhin auf seine Flächen fahren konnte. Grund für die Zäunungen ist der hohe Druck durch Bodenräuber wie z. B. den Fuchs. Durch den Einsatz von Elektrozäunen soll der Fuchs von den Brutflächen fern gehalten werden. „Das Pilotprojekt ist als Krücke gedacht, soll wenigstens kurzzeitig den Bruterfolg deutlich erhöhen, um den Brutbestand zu stabilisieren“, so Anton Burnhauser von der Regierung von Schwaben. „Langfristig brauchen wir aber wieder einen wirksamen Lebensraumschutz.“ In der Saison 2015 wurden neun Brachvogelküken in den in Schwaben betreuten Gebieten flügge, acht davon im Wiesenbrütergebiet bei Deiningen und Alerheim. 2016 blieb der Erfolg gänzlich aus. Die Starkregenereignisse Ende Mai hatten die eingezäunte Fläche unter Wasser gesetzt. Stellenweise standen die beiden unteren Litzen unter Wasser. Kronberg musste den Strom ausschalten. So erfüllte der Zaun seinen Zweck nicht mehr. Brachvögel waren noch anwesend, der Bruterfolg blieb aber aus. Für Rastvögel kam die überstaute Fläche allerdings wie gerufen. Rot- und Grünschenkel, Bruchwasserläufer und Flussregenpfeifer rasteten dort Ende Juni/Anfang Juli auf ihrem Rückzug und stocherten nach Nahrung. Auch Kiebitze, die in den umliegenden Äckern gebrütet hatten, führten die Jungvögel aller Altersstufen an die Wasserfläche. So konnten einige Arten von den überstauten Wiesen profitieren. Für die Landwirte war das auf den Wiesen stehende Wasser allerdings schlecht – sie konnten wochenlang nicht mähen.

Träger der Gebietsbetreuung Nördlinger Ries sind der Rieser Naturschutzverein, die Schutzgemeinschaft Wemdinger Ried sowie der Landkreis Donau-Ries. Gefördert wird das Projekt vom Bayerischen Naturschutzfonds (BNF). Unterstützend und beratend wirkt die Regierung von Schwaben mit.
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