"Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben!"
Diese zweifellos nicht allzu gängige Anschauung Goethes manifestiert sich niemals unmittelbarer als im Frühling: noch starrt uns hie und da der Winter an, Laub liegt noch da, dürr sind manche Sträucher noch, und doch kommen an so vielen Stellen Blüten, frisches Grün, zarte purpur-gehauchte Triebe hervor ...
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Ich weiß nicht, wie es Euch ergeht: Was ist schöner als ein Garten nach einem Frühlingsregen, wenn kraftvoll die Sonne hervorkommt und alles in ein funkelndes Meer zahlloser Diamanten verwandelt wird?
Wir empfanden gewiss die letzten Tage als unfreundlich, nasskalt - brrrrrrr ... eben: die Natur wachte am Regen erst so richtig auf, schien wie neugeboren.-
Geh aus, Mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Frühlingszeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie dir und mir
sich ausgeschmücket haben.
Die Bäume stehen bald voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.
Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir wird ein guter Baum
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Ja, Paul Gerhardt beschreibt dieses wichtige, einfache und doch komplexe Verhältnis des menschlichen Geistes zur Natur: dort kann - in der Natur - der Mensch neu sich und die Krone der Menschlichkeit entdecken, ein Erleben, das ihn dahin führt, wo er sich wiederfindet.
Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
Wenn es den Tod nicht gäbe, dann wäre das Leben nicht so wertvoll. Da hat Goethe schon recht. Dann würde alles so ziemlich stillstehen, könnte ich mir vorstellen. Denn wenn nichts wegsterben würde, dann könnte ja nicht immer neues Leben dazu kommen. Das wäre auch langweilig, oder?
Jedes Lebewesen hat seinen Platz in der Natur, aber das nicht nur räumlich, sondern eben auch zeitlich.
Stellt Euch doch mal vor, die Dinosaurier wären nie ausgestorben - na hoppla! :-)
Geburt und Sterben auch tauchen im Jahreslauf wie ganz natürlich auf: die Lilie treibt aus, wächst, sprießt, sie erblüht; wir bewundern ihre Schönheit, blicken vielleicht mit Wehmut auf ihr Welken, da ihre ganze Pracht nach so kurzer Zeit vergeht: aber was ist lang, was ist kurz?
Wir sehen, der Sinn kann nicht in der Erscheinung existieren, die bald kommt, bald vergeht; obgleich durch die Existenz alles sich manifestiert, was Leben im irdischen Sinn ausmacht, fühlen wir uns bald veranlasst, Sinn und Erfüllung über die sich beständig wandelnde Natur hinaus zu suchen, wenngleich sie es immer sein wird, von der wir als Menschen ausgehen können.
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