Philomena Auer

Philomena Auer geborene Zöschinger Bild Stiftung Cassianeum in Donauwörth
 
Wohn- und Geschäftshaus der Familie Zöschinger in Burgau
 
Johann Zöschinger, Vater von Philomena Auer Porträt in Privatbesitz
„Als der schwierige Umzug von Neuburg nach Donauwörth eben beendet war, als am 31. Dezember 1875, früh 10 Uhr, der letzte Wagen von Neuburg vor meiner Thüre hielt, da starb meine liebe Frau und ich stand mit meinen vier kleinen Kindern und mit meinem Hauswesen allein. Das war eine Situation zum Verzweifeln.“ So beschreibt Ludwig Auer 1898 in seiner Veröffentlichung „Alte Ziele, neue Wege oder die Aufgaben des Cassianeums“ seine damalige Situation bei der Ankunft in Donauwörth. Maria Auer, die zweite Frau Ludwig Auers war 34jährig an Lungen- und Darmtuberkulose verstorben und hinterließ mit Franz, Sophie, Alois, und Ludwig vier kleine Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren. Der tiefgläubige Ludwig Auer schreibt weiter „…nur der Gedanke: Gott hat es gethan – Er wird wissen, warum? Hielt mich aufrecht.“ Trotz seiner Trauer machte sich der Witwer bereits Gedanken, wie seine neue Lebensgefährtin ausschauen soll: sie soll ein großes Hauswesen durchschauen und regieren und „… diese Frau musste auch eine hübsche Geldsumme für den Ausbau meiner Anstalt mitbringen und sie musste verstehen, mich und meine Familie zu ernähren…“
Am 22. März 1876, bereits drei Monate nach dem Tod seiner Frau Maria, heiratete Ludwig Auer zum dritten Mal. „Eine treue Freundin und Mitarbeiterin der Anstalt drängte Onkel Ludwig energisch zur baldigsten Wahl einer neuen Lebensgefährtin, ihn auf Fräulein Mina Zöschinger in Burgau hinweisend. Onkel Ludwig folgte, der Not gehorchend, diesem Rate und fand in der sehr achtbaren Familie des wohlhabenden Kaufmanns Zöschinger in Burgau herzliches Entgegenkommen.“ So schreibt Marie Ungewitter, die Tochter Ludwig und Philomena Auers über die Eheschließung ihrer Eltern. Philomena Zöschinger (20.5.1842-15.12.1921) stammte aus einer angesehenen und vermögenden Kaufmannsfamilie in Burgau. Ihr Vater Johann (20.12.1802-16.11.1878) hatte 1828 als Strumpfstricker begonnen und war 1846 bereits Handelsmann, 1848 gründete er ein „Spezereien-Geschäft“ - Lebensmittel-Geschäft - und ab 1867 war er zusätzlich als Versicherungskaufmann für die Magdeburger Hagel-Versicherungs-Gesellschaft tätig. 1848 kaufte Johann Zöschinger ein großes Haus neben dem Blockhausturm in Burgau, das heute noch in Familienbesitz des Urgroßneffen von Philomena Auer, Hermann Mühlbauer, ist. Dem Ehepaar Viktoria und Johann Zöschinger werden 10 Kinder geboren, von denen nur fünf – die Töchter- überlebten. Da die Mutter Viktoria Zöschinger 1865 verstorben war, die Schwestern bereits verheiratet oder ins Kloster gegangen waren, war Philomena zehn Jahre lang wahrscheinlich nicht nur für den großen Haushalt sondern auch für das Geschäft in Burgau zuständig. Am 22. März 1876 feierte Ludwig Auer dann in Burgau seine Vermählung mit der Kaufmannstochter Philomena Zöschinger, zu der die Cassianeums-Mitglieder selbstverständlich eingeladen waren. Die Trauzeugen waren ihr Vater Johann Zöschinger und ihr Schwager Johann Waymaier, der das Geschäft in Burgau weiterführte.
Auf die neue Frau Generaldirektor warteten große Aufgaben, denn die ledigen Mitarbeiter bildeten mit der Familie Auer eine große Lebens- und Arbeitsgemeinschaft und mussten versorgt werden. Die neue Frau erwartete also ein ungewöhnliches Maß an Arbeit und Verantwortung. „Aber die junge Frau schritt nicht in die Ehe, um ein sorgenloses Leben zu führen oder sich im Glanze eines berühmten Gatten zu sonnen, sie war sich vielmehr der großen Verantwortung und der vielen Sorgen, die im Cassianeum auf sie warteten, ganz bewußt.“ Es ist anzunehmen, dass Philomena eine beträchtliche Summe als Heiratsgut und als Erbe mitgebracht hat. Vor allem aber hat sie tatkräftig, kompetent und ungemein fleißig einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau des Cassianeums geleistet. Und die Aufgaben wuchsen, als im Jahre 1889 das Knaben-Institut-Heilig-Kreuz und im Jahre 1896 die Erziehungsanstalt für Studierende des Progymnasiums im Cassianeum eingerichtet wurden. In den Institutsblättern aus den Jahren 1922 bis 1932 berichten zahlreiche ehemalige „Zöglinge“ über das segensreiche und mitfühlende Wirken von Philomena Auer. „Von ihr strahlte eine Quelle von Liebe und Wärme aus, die das ganze Haus erhellte und durchsonnte. Sie kannte alle Zöglinge bei Namen und manchen Heimwehkranken nahm sie beiseite und kurierte ihn mit Butterbrot und Trostesworten.“ Am 4. Februar 1877 wird nach einer schweren Geburt die Tochter Maria Philomena geboren, die am 14. Oktober 1899 Dr. Joseph Ungewitter heiratete. In den 45 Jahren ihres Donauwörther Lebens war Philomena nie längere Zeit von Donauwörth abwesend; nur eine größere Reise hat sie unternommen, als sie Ludwig Auer auf einer Reise nach Rom zu Papst Pius IX. im Jahre 1877 begleitete. An öffentlichen Veranstaltungen der Stadt nahm sie nur teil, wenn ihr Ehemann es ausdrücklich wünschte. Kaffeekränzchen der angesehenen Donauwörther Damenwelt waren ihr zuwider, sie war lieber zu Hause in den weiten Gärten und Wirtschaftsräumen unterwegs. Ludwig Auer schreibt in seinen Erinnerungen „Alte Ziele, neue Wege“ über seine Frau „…daß diese seltsame Frau von sehr vielen mittelmäßigen Menschen nicht verstanden wurde – selbst von angekränkelten Mitgliedern der Anstalt – das ist sehr klar, es konnte gar nicht anders sein.“ Umso dankbarer waren die Schüler des Internats, die sie mit zusätzlichen Leckerbissen versorgte, vor allem wenn den Jungen als disziplinäre Maßnahme das Abendessen gestrichen wurde. In den Institutsblättern von 1932 wird unter dem Thema Humor folgende Episode erzählt:
Die alte Frau Generaldirektor (Tante Mina genannt) hatte die Gepflogenheit, in ihrer christlichen Nächstenliebe und Besorgnis um die Zöglinge, nach dem Essen an der Speisesaaltüre zu warten, um demjenigen, der aus irgendeinem Grunde eine Karenz bekommen hatte, in der Küche hinten heimlich etwas zuzustecken. Ein neu eingetretener Sachse nun saß schon in den ersten acht Tagen seines Hierseins zum dritten Male auf dem Sünderbänkchen, und als ich ihn verwundert fragte: „Ja, was hast du denn dir schon wieder zuschulden kommen lassen?“, flüsterte er mir leise ins Ohr: „Nichts! Ich tu bloß so, weil ich bei der Frau Direktor eine scheenere Portion und was Besseres bekomme!“
In der Philomena-Grotte, die sich versteckt im Garten befand und die mit elektrischen Lampen und prächtigen Glasmalereien ausgestattet war, die das Leben der heiligen Philomena darstellten - die Heilige war die Patronin der Kinder, der Gefolterten und der Gefangenen - flickte „Tante Mina“, wie sie liebevoll genannt wurde, die zerschlissene Wäsche der Internatsschüler und betete mit ihnen den Rosenkranz. Auch für die zahlreichen Hausangestellten war sie wie eine gütige Mutter, wobei Philomena „bei den Dienstboten streng auf Zucht und Ordnung sah.“ Besonders aber lagen Philomena Auer die Armen und Notleidenden am Herzen. Auf dem Krankenlager war ihre letzte Bitte und Sorge: „Vergeßt mir meine lieben Armen nicht!“ So schreibt Marie Ungewitter 1922 in der Zeitschrift „Notburga“ im Nachruf für ihre Mutter.
Philomenas Liebe zu den Kindern, ihre Sorge um die Armen und Kranken, ihre Strenge mit dem Hausangestellten und ihre Verehrung des „Heiligen Kreuzes“ inspirierten Ludwig Auer bei der Charakterisierung der Herzogin Maria von Brabant. Im 1896 uraufgeführten Trauerspiel Maria von Brabant hat Ludwig Auer seiner Ehefrau ein Denkmal gesetzt: die Titelrolle der Herzogin, bei der Uraufführung gespielt von der Tochter Marie Auer, ist ein Spiegelbild von Philomena Auer. So werden wir jedes Mal, wenn wir die Herzogin Maria von Brabant auf der Bühne sehen, auch an Philomena Auer erinnert.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
17.158
Basti S. aus Aystetten | 19.09.2015 | 17:27  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.