Die Herzogin, Donauwörth und der Raubritter

Das Schloss in Friedberg, der Witwensitz Margarethes
 
Margarethe von Brandenburg, Porträt aus dem Rathaussaal in Friedberg
 
Grabstein Jörg von Riedheims in Herbrechtingen (Foto: Maximilian von Riedheim)
Gehen wir auf Zeitreise in die erste Hälfte des 15. Jahrhundert. Bayern, Altbayern ohne Schwaben und Franken, ist in drei Teile geteilt: Bayern-Landshut, Bayern-Ingolstadt und Bayern-München. Alle drei Teile werden von Herzögen aus dem Haus Wittelsbach regiert, die alle Ururur-Enkel Herzogs Ludwig des Strengen sind. Es ist die Zeit der Agnes Bernauer, die 1435 im Auftrag Herzogs Ernst von Bayern-München in Straubing in der Donau ertränkt wird. Es ist die Zeit der Johanna von Orleans, die 1431 in Rouen verbrannt wird, ohne dass ihr der französische König Karl VII. beim Prozess geholfen hat. Der französische König war ein Neffe Herzogs Ludwig des Bärtigen von Bayern-Ingolstadt. Und es die Zeit, in der mit Friedrich von Zollern, Burggraf von Nürnberg, ein neues Fürstengeschlecht die Bühne betritt. 1415 wird Friedrich von Zollern oder Hohenzollern von Kaiser Sigismund aus Dankbarkeit für seine Treue mit der Markgrafschaft Brandenburg belehnt. Für den bayerischen Herzog Ludwig den Bärtigen von Bayern-Ingolstadt ist der neue Kurfürst Friedrich von Brandenburg ein Parvenü, ein Emporkömmling. Umso mehr empört es den bayerischen Herzog, der als Bruder der französischen Königin Isabeau in Frankreich lebte, dass sein Sohn Ludwig beabsichtigt, die Tochter des Kurfürsten Friedrich I. zu heiraten. Margarete von Brandenburg, die Tochter der „schönen Elise“, einer Prinzessin aus dem Haus Bayern-Landshut, dürfte ca. 1410 in Ansbach geboren worden sein. Ihr Bruder war der berühmt berüchtigte Albrecht Achilles, der in der kleinen Reichsstadt Donauwörth kein Unbekannter war. 1439 heiratet Herzog Ludwig der Bucklige von Bayern-Ingolstadt gegen den Willen seines Vaters Margarethe und geht mit den Erzfeinden seines Vaters, dem Kurfürsten von Brandenburg, dem Vater Margarethes und ihren Brüdern Johann und Albrecht ein Bündnis ein.
Die „neue Gretel“ nennt Ludwig der Bärtige abfällig seine Schwiegertochter Margarethe, ihren Bruder Albrecht Achilles den „newlich Adelich“.
Margarethes Äußeres hatte anscheinend wenig Anziehendes. Die „dicke Gretel“, wie sie auch abfällig genannt wurde, litt an Körperfülle und zeitweilig an eitrigem Gesichtsausschlag und Gesichtsröte. Der bayerische Abt und Chronist Jakob Suntheimer beschreibt sie wenig galant als „ein großes, fettes, fleischiges und geiles Weib“. Nach dem Tod ihres Mannes am 13. April 1445 richtet sie ihm ein standesgemäßes Begräbnis aus und lässt dann den alten Herzog, ihren Schwiegervater als Unterpfand für ihr Witwengut gefangen nehmen und auf die Cadolzburg bei Ansbach schaffen, wo ihn schließlich ihr Bruder Kurfürst Albrecht Achilles an den Landshuter Herzog Heinrich den Reichen „verkaufte“. In ihrem Witwensitz auf der Burg in Friedberg heiratete Margarethe heimlich ihren ehemaligen Höfling Martin von Waldenfels und soll mit ihm drei Töchter gehabt haben. Ihr Bruder Albrecht Achilles durfte von dieser unschicklichen Liaison nichts wissen, denn „si wolt den nam der herzogin nit verlieren“, so berichtet der bayerische Schriftsteller Aventin.
Auf die kleine freie Reichsstadt Donauwörth, war Herzogin Margarethe nicht gut zu sprechen. Im Jahr 1441 ereignete sich ein bühnenreifes Schauspiel, in dem es um gebrochene Versprechen, um Macht, um Verrat, um Rechtsbruch und um Amtsanmaßung ging, über das in unterschiedlichen Darstellungen in den „Chroniken der schwäbischen Städte“, in der Chronik von Johannes Knebel und in Briefen, die im Stadtarchiv Nördlingen liegen, berichtet wird. Der aus der Nähe von Günzburg stammende Ritter Jörg von Riedheim, der als Pfleger in Höchstädt im Dienste Herzogs Ludwig des Buckligen und der Herzogin Margarete von Bayern-Ingolstadt stand, überfiel „im Nebenberuf“ als Raubritter die Reichsstädte Ulm, Augsburg und Donauwörth. Um dem Ritter habhaft zu werden, warben die Städte Söldner an. Aber nur durch eine List konnte Jörg von Riedheim in Donauwörth gefangen genommen werden.
Im Februar 1441 hielt sich Jörg von Riedheim, der im Auftrag des bayerischen Herzogs nach Graisbach unterwegs war, in Donauwörth auf. Denn der Bürgermeister hatte ihm ausdrücklich freies Geleit zugesagt. Obwohl er in der Stadt Freunde hatte, so berichtet sein Sohn Albrecht in einem Brief, der im Stadtarchiv Nördlingen liegt, wurde sein Aufenthalt durch einen Spion den Augsburgern verraten. In der Nacht kamen Soldaten aus Augsburg, denen die Donauwörther die Stadttore öffneten und ebenso freies Geleit gewährten. Die umfangreichste Schilderung der abenteuerlichen Gefangennahme des Raubritters und seines Knechtes liefert der Augsburger Chronist Hector Mülich. Die Augsburger Soldaten versteckten den Söldner Klebsattel als Mönch verkleidet in der Nähe der unteren Wörnitzbrücke. Um den Ritter aus seiner Herberge zu locken, blies der Wächter mitten in der Nacht Signal. Neugierig verließ Jörg von Riedheim sein sicheres Versteck und „fraget, wen der wechter anpließ“. „Da ward im gesagt, die von Augspurg“ und Jörg von Riedheim wurde bewusst, dass er verraten worden war. Auf der Flucht mit seinem Knechten „die stat hinab“ kamen sie an „Alexanders Haus“ vorbei, in dem sich die Augsburger Söldner versteckt hatten und „hinter den Glesern“ auf der Lauer lagen. Frech rief Riedheim den Soldaten „wol nachher!“ , und die Augsburger nahmen sofort die Verfolgung auf. Als die Fliehenden an „die Schrancken“ kamen, da schlug der verkleidete Söldner Klebsattel das Stadttor zu, und der Ritter und sein Knecht Cuntz sprangen in die Wörnitz. Sie wurden herausgezogen, während der zweite Knecht entkommen konnte. Am Gerichtstag kamen der mächtige Augsburger Bürgermeister Konrad Vögelin, 12 Zunftmeister und 60 Wagen mit gewappneten Knechten nach Donauwörth. Auch Margarethe von Brandenburg, die Herzogin von Bayern-Ingolstadt, eilte nach Donauwörth um Jörg von Riedheim zu retten. Daraufhin ließ der Bürgermeister von Augsburg das Donauwörther Rathaus zu sperren und verweigerte der Fürstin den Zutritt, da er befürchtete, die Herzogin würde den Riedheimer „unter ihren Arm nehmen“. Denn konnte eine Fürstin einen Verbrecher umarmen, so wurde er nach mittelalterlichem Recht frei, auch wenn er schon fast am Galgen hing. Und als Rechtfertigung zeigte der Augsburger Bürgermeister der Herzogin einen Brief seiner Rats-Kollegen und sagte: „Gnädige Frau, wenn ich dem Recht nicht nachkomme, so traue ich mich weder zu Weib noch Kindern heim.“ Obwohl sich auch ein Graf von Öttingen für den Riedheimer einsetzte, wurden er und sein Knecht Cuntz enthauptet. Margarethe verließ daraufhin wütend und tief gekränkt Donauwörth „ohne zu essen und zu trinken“ wie Hector Mülich schreibt.
Albrecht von Riedheim, der Sohn Jörg von Riedheims erwirkte, unterstützt durch Herzöge Ludwig von Bayern-Ingolstadt und Albrecht Achilles von Brandenburg, von Kaiser Friedrich III. einen Achtbrief gegen die Stadt Donauwörth wegen Geleitsbruch und forderte als Entschädigung für die Hinrichtung seines Vaters 100 000 Mark Gold von der Stadt. Beim Reichstag 1442 im Rathaus zu Nürnberg, als Albrecht von Riedheim den Achtbrief bestätigen lassen wollte, da „gieng der Augsburger Bürger Peter von Argon in den Ring und bat den König die von Wörth nicht zu verunglimpfen“. Peter von Argon, ein Vertrauter Kaiser Friedrichs, erreichte, dass auch die Donauwörther die Möglichkeit hatten, ihre Version der Ereignisse darzustellen. Der Achtbrief wurde zurückgewiesen und Donauwörth entging nur knapp der Reichsacht.
Herzogin Margarethe und ihr Mann Herzog Ludwig der Höckrige haben der Stadt Donauwörth die Hinrichtung ihres Pflegers nie verziehen.
Zehn Jahre später, 1451 besuchte der Abt Heinrich Sulzer des Benediktiner-Klosters Heilig Kreuz in Donauwörth auf Anraten Herzogs Ludwig des Reichen von Bayern-Landshut die Herzoginwitwe Margarethe in Friedberg und bittet sie, die Schirmherrin des Klosters zu werden. Freudig nimmt die Margarethe die Schirmherrschaft an und ernennt den Abt zu Ihrem Kaplan und Ratgeber. Margarethe, die einzig weibliche Schirmherrin des Benediktinerklosters Heilig-Kreuz, blieb dem Konvent, so schreibt der letzte Abt des Klosters Coelestin Königsdorfer in seiner Klostergeschichte, so lange sie lebte mit wahrhaft fürstlicher Huld und Sorgfalt zugetan. Am 25. Juli 1465, vor 550 Jahren, starb Margarethe von Brandenburg, Pfalzgräfin bei Rhein und Herzogin von Bayern-Ingolstadt und wurde im Kloster Seligenthal in Landshut begraben.
Dass 300 Jahre später mit Maximilian Freiherr von Riedheim, als Hauskomtur mitverantwortlich für den Neubau des Deutschorden-Hauses, ein weiteres Mitglied der Adelsfamilie Riedheim in Donauwörth Spuren hinterlässt, ist bereits eine neue Geschichte.
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