Ein wunderbares Lied - Teil VII, letzter Teil der "Geheimnisse"

Cosmea, eine dankbare, einjährige Blütenpflanze

"Goethe war gut - Mensch, der konnte reimen".
Dies hat Heinz Schenk in seiner Show "Zum Blauen Bock" gesungen und er hat ja auch Recht. :-)
"Wenn einen Menschen die Natur erhoben,
Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;
Man muß in ihm die Macht des Schöpfers loben,
Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt:....."
Manchmal schwer zu verstehen und dennoch so einfach!
Da geht es Dir wie mir, Corinna: Es gehört vielleicht auch zu seinem Genie, dass manches, was er aussprach, mehr als ein "Ideenprojekt" anzusehen ist, das er selber nicht mehr ausführen konnte - oder aber, dass, selbst wenn er Zeit dazu gehabt hätte, nie über einen Projektstatus hinausgekommen wäre.
Gerade wenn Ideen nur so sprudeln, ist es doch notwendig, dass vieles daran eben ausprobiert, gleichsam ausgetestet wird - und nachdem vielleicht zunächst etwas plausibel aussah, doch verworfen werden muss.
Mir fiel diese Stelle auch auf: Was soll das heißen - "Die Natur erhebt einen Menschen"?
Und wo ist Eigenleistung, wenn die "Natur nicht mitspielt"?
Wahrscheinlich meint Goethe mit "Natur" in diesem Kontext nicht nur das Biologische, sondern die soziale Umwelt eines Menschen, günstige Faktoren seiner Genetik s o w i e ein für ihn kreativ-günstiges, anregendes und förderliches Umfeld und Milieu ... .
Zuletzt bleibt die Frage: Was kann ein solches Gedicht, das offensichtlich aus sehr konkretem, auch geschichtlichem Kontext heraus (ein Aspekt, auf den ich nicht näher eingegangen bin) entstanden ist, heute noch einem Leser bedeuten?
Oft mag es einem Menschen, der Sinn im Leben sucht, so ergehen: Was will ich überhaupt im Leben? Ist alles nicht doch bloß "Zufall"? Gibt es etwas, etwas wie einen tieferen Sinn?
Menschlichkeit unter dem Aspekt, eine Zielsetzung im eigenen Leben darzustellen, taucht als zentrales Thema, sehr konkret, in diesem epischen Gedicht auf: Gerade religiöse Menschen fragen sich nach dem Gut-sein, oft im Hinblick durchaus auf "Vollkommenheit".
Seinen Lebensweg als W e g zu verstehen, aufzubrechen, um zu lernen, das könnte eine wichtige Botschaft dieses Gedichtes darstellen.
Das Symbol des Rosenkreuzes manifestiert sich so als jene Metapher, die wie eine Frage über allem schwebt. Dabei erweist sich dieses Bild als Pendant zum Begriff der Humanität ... .
Ja, "Der Weg ist das Ziel", sagt schon eine altgriechische Lebensweisheit.
Es gibt auch Hin- und Rückwege, Um- und Irrwege, Schleich- und Stolperwege und ganz sicher immer wieder Auswege.
Dir eine schöne Woche Wolfgang und Danke für das Vorstellen des Gedichtes, "DIE GEHEIMNISSE", von Goethe. :-)
Danke, Dir auch Corinna :-)
Ps: Ist Dir aufgefallen, wie unsere kleine Diskussion zu "Englischen Sprichwörtern" auch und gerade nach Abschluss sich großer Beliebtheit erfreut und viel gelesen wird?
:-) E s scheint viele zu geben, die diese Facette der Sprichwörter in Englisch genau so sehr schätzen wie wir - vielleicht Schüler? Wer weiß ...
Ja, es wurde und wird sehr oft gelesen und es hat auch wirklich großen Spaß gemacht! :-)
Mit diesem siebten Teil des Gedichts "Geheimnisse" geht das epische Fragment zu Ende. Es ist zweifellos immer ein Experiment, wenn im Internet Lyrik präsentiert wird, zumal wenn sie von Goethe stammt, beträchtlich umfangreich ist - und dem Leser einiges abverlangt.
Aber selbstverständlich zielt diese kleine Beitragsserie "Ein wunderbares Lied - Teil I bis VII" nicht darauf, massenhaft gelesen und/oder kommentiert zu werden; wenn dieses kleine Experiment einige wenige erreicht, sehe ich es bereits als geglückt an (und wie ich bereits erfahren habe, kann das durchaus geschehen).
Hier also der Schlussteil des "wunderbaren Lieds":
"Kein Schmuck war hier, die Augen zu verblenden,
Ein kühnes Kreuzgewölbe stieg empor,
Und dreizehn Stühle sah er an den Wänden
Umher geordnet, wie im frommen Chor,
Gar zierlich ausgeschnitzt von klugen Händen;
Es stand ein kleiner Pult an jedem vor.
Man fühlte hier der Andacht sich ergeben,
Und Lebensruh und ein gesellig Leben.
Zu Häupten sah er dreizehn Schilde hangen,
Denn jedem Stuhl war eines zugezählt.
Sie schienen hier nicht ahnenstolz zu prangen,
Ein jedes schien bedeutend und gewählt,
Und Bruder Markus brannte vor Verlangen
Zu wissen, was so manches Bild verhehlt;
Im mittelsten erblickt er jenes Zeichen
Zum zweitenmal, ein Kreuz mit Rosenzweigen.
Die Seele kann sich hier gar vieles bilden,
Ein Gegenstand zieht von dem andern fort;
Und Helme hängen über manchen Schilden,
Auch Schwert und Lanze sieht man hier und dort;
Die Waffen, wie man sie von Schlachtgefilden
Auflesen kann, verzieren diesen Ort:
Hier Fahnen und Gewehre fremder Lande,
Und, seh ich recht, auch Ketten dort und Bande!
Ein jeder sinkt vor seinem Stuhle nieder,
Schlägt auf die Brust in still Gebet gekehrt;
Von ihren Lippen tönen kurze Lieder,
In denen sich andächtge Freude nährt;
Dann segnen sich die treu verbundnen Brüder
Zum kurzen Schlaf, den Phantasie nicht stört:
Nur Markus bleibt, indem die andern gehen,
Mit einigen im Saale schauend stehen.
So müd er ist, wünscht er noch fort zu wachen,
Denn kräftig reizt ihn manch und manches Bild:
Hier sieht er einen feuerfarbnen Drachen,
Der seinen Durst in wilden Flammen stillt;
Hier einen Arm in eines Bären Rachen,
Von dem das Blut in heißen Strömen quillt;
Die beiden Schilder hingen, gleicher Weite,
Beim Rosenkreuz zur recht' und linken Seite.
Wohin er auch die Blicke kehrt und wendet,
Je mehr erstaunt er über Kunst und Pracht,
Mit Vorsatz scheint der Reichtum hier verschwendet,
Es scheint, als habe sich nur alles selbst gemacht.
Soll er sich wundern, daß das Werk vollendet?
Soll er sich wundern, daß es so erdacht?
Ihn dünkt, als fang er erst, mit himmlischem Entzücken,
Zu leben an in diesen Augenblicken.
Du kommst hierher auf wunderbaren Pfaden,
Spricht ihn der Alte wieder freundlich an;
Laß diese Bilder dich zu bleiben laden,
Bis du erfährst, was mancher Held getan;
Was hier verborgen, ist nicht zu erraten,
Man zeige denn es dir vertraulich an;
Du ahnest wohl, wie manches hier gelitten
Gelebt, verloren ward, und was erstritten.
Doch glaube nicht, daß nur von alten Zeiten,
Der Greis erzählt, hier geht noch manches vor;
Das, was du siehst, will mehr und mehr bedeuten;
Ein Teppich deckt es bald und bald ein Flor.
Beliebt es dir, so magst du dich bereiten:
Du kamst, o Freund, nur erst durchs erste Tor;
Im Vorhof bist du freundlich aufgenommen,
Und scheinst mir wert ins Innerste zu kommen.
Nach kurzem Schlaf in einer stillen Zelle
Weckt unsern Freund ein dumpfer Glockenton.
Er rafft sich auf mit unverdroßner Schnelle,
Dem Ruf der Andacht folgt der Himmelssohn.
Geschwind bekleidet eilt er nach der Schwelle,
Es eilt sein Herz voraus zur Kirche schon,
Gehorsam, ruhig, durch Gebet beflügelt;
Er klinkt am Schloß, und findet es verriegelt.
Und wie er horcht, so wird in gleichen Zeiten
Dreimal ein Schlag auf hohles Erz erneut,
Nicht Schlag der Uhr und auch nicht Glockenläuten,
Ein Flötenton mischt sich von Zeit zu Zeit;
Der Schall, der seltsam ist und schwer zu deuten,
Bewegt sich so, daß er das Herz erfreut,
Einladend ernst, als wenn sich mit Gesängen
Zufriedne Paare durcheinander schlängen.
Er eilt ans Fenster, dort vielleicht zu schauen,
Was ihn verwirrt und wunderbar ergreift;
Er sieht den Tag im fernen Osten grauen,
Den Horizont mit leichtem Duft gestreift,
Und - soll er wirklich seinen Augen trauen? -
Ein seltsam Licht, das durch den Garten schweift:
Drei Jünglinge mit Fackeln in den Händen
Sieht er sich eilend durch die Gänge wenden.
Er sieht genau die weißen Kleider glänzen,
Die ihnen knapp und wohl am Leibe stehn,
Ihr lockig Haupt kann er mit Blumenkränzen,
Mit Rosen ihren Gurt umwunden sehn;
Es scheint, als kämen sie von nächtgen Tänzen,
Von froher Mühe recht erquickt und schön.
Sie eilen nun und löschen, wie die Sterne,
Die Fackeln aus, und schwinden in die Ferne..."