Zu Fuß durch Zululand - den Nashörnern auf der Spur
Johannesburg |
Kurz nach 7 Uhr morgens hebt die Fokker 27, eine Zwei-Propeller Maschine der Fluggesellschaft COMAIR, von der Startbahn des Flughafens Johannesburg International sanft ab. Ziel meiner Reise ist es, zwei verschiedene Wildreservate im Zululand, Teil der Provinz KwaZulu-Natal, zu erkunden. Kaum haben wir Reiseflughöhe erreicht - immer noch sind Details der unter uns weggleitenden märzgrünen Landschaft gut zu erkennen-beschreibt der Kapitän die Flugroute und gibt das Wetter in Richards Bay, unserem Zielflughafen durch. Flugdauer: 1 Stunde und 20 Minuten. Durch den Flug spart man sich 5-6 Stunden Autofahrt.
Enorm die Beinfreiheit in der Maschine. Außerdem sind von Fenster zu Fenster nur 4 Sitze installiert. So komfortabel bin ich lange nicht mehr gesessen! Als wir mit leisem Fluggeräusch über den Ebenen des Highveldes schweben, genießen wir das Frühstück.
Blick aus dem Fenster: Merkwürdig flach wirkt das "Escarpment" (Steilabfall der Highveld-Platte zum Nataler Tiefland), das wir in kurzer Flugzeit erreicht haben. Wenn ich bedenke, wie viel Schweiß und Pfunde ich schon auf Wanderabenteuern in dieser Gegend, vor allem rund um Newcastle, gelassen habe, wirkt von oben gesehen die Landschaft durch die Perspektivenverkürzung geradezu unglaublich platt.
Pünktlich setzt die COMAIR-Fokker nach einmaliger Umkreisung des kleinen Flughafen Richards Bay auf der Landebahn auf, in unmittelbarer Nähe einer Ausbuchtung des Indischen Ozeans. Der Rückflug, den ich hier zeitlich vorziehe, wird mir ebenfalls erfreulich in Erinnerung bleiben: Ein ruhiger Flug, zum Abendessen drei hübsch dekorierte Brote (Fisch, Rindfleisch und Hühnchen), eine kleine Hühnchenkeule, und, als besondere Leistung, im Preis eingeschlossene alkoholische Getränke. Zum ersten Mal probiere ich das Afrika-Getränk der Engländer, als Malaria-Prophylaxe benutzt: "Gin Tonic on the rocks". Für die Wirkung dieser "Arznei" kann ich jedoch keine Garantie übernehmen.
Gleich beim Aussteigen aus dem Flugzeug bemerke ich, wie feucht und warm die Luft hier ist: Gewohnt, in der relativ trockenen, dünnen Luft des Highveldes zu leben, brauche ich schon einige Zeit, mich diesem Klima hier anzupassen. Schützen muß ich mich auch vor der hier häufig vorkommende Malaria. Die bisher in Südafrika erhältlichen Tabletten gegen die gefährliche Krankheit sind (bei meiner Recherchereise anfangs 1994) wirkungslos, weil sich die Malaria-Erreger daran gewöhnt haben. Doch in südafrikanischen Apotheken haben sich schon etliche neue Mittelchen etabliert.
Ich muß jeden Tag zwei Tabletten der einen Sorte und jeden Mittwoch zwei Tabletten der anderen Sorte nehmen. Damit soll der Erreger, den die Anopheles-Mücke trägt, angeblich keine Chance mehr haben. Leider kommen immer mehr Deutsche und Österreicher mit dem Medikament "Lariam" als Prophylaxe ins Land. Vor Jahren war "Lariam" noch als Kur gegen Malaria verwendet worden, jetzt, mit der Anwendung als Prophylaxe, besteht die Gefahr, dass die Arznei bald nicht mehr wirkt, weil die Erreger sich daran gewöhnt haben. Die Chemiefirmen müssen neue Mittelchen zur Heilung erfinden.
Drei volle Tage Wanderung durch die Wildnis habe ich nun vor mir. Mike, ein Angestellter vom Umfolozi Game Reserve, holt mich nach einer längeren Wartezeit mit einem Lieferwagen ab. Ich bin dankbar für diesen Service, muß ich auf diese Weise keinen Mietwagen nehmen, um zum ca. 1 Stunde entfernten Wildreservat zu kommen. Erst gegen Mittag treffen wir im Basiscamp des Umfolozi-Wildreservates ein, da Mike in Richards Bay und Empangeni Erledigungen zu machen hat.
Am erdbraunen "Weißen Umfolozi"-Fluß, der hier eine Biegung macht, liegt das Mdindini-Rastlager, das nur Wanderern zur Verfügung steht, am sanft zum Wasser abfallenden baumbestandenen Hang. Auf der anderen Seite steigt das schilfbestandene Ufer leicht Richtung Süden an, ideal zur Wildbeobachtung.
Zu unserer Linken erhebt sich ein Steilufer mit zerklüfteten Klippen, bevorzugter Aufenthaltsort von Pavianen, deren Bellen ab und zu vom Wind getragen herüber weht. Das Camp selbst besteht aus Zelten, die auf hölzernen, auf Stelzen errichteten Plattformen stehen. Je zwei Betten befinden sich in den grünen Leinwandzelten, über den Betten Moskitonetze, daneben zwei Nachtkästchen. Sanitäranlagen: Oben offene Dusche mit heißem Wasser, eine geschlossene Toilette aus Holz und Binsen. Eine einfache strohgedeckte Küche ganz aus Holz: Erstaunlich, welch schmackhaften Gerichte der Zulu-Koch Nelson mit einfachsten Mitteln zaubert!
In den Hang ist ein strohgedeckter Aufenthaltsraum hinein gebaut. Rattansessel, ein großer hölzerner Tisch, eine Karte des Umfolozi-Wildnisgebietes an der Wand, ein Gästebuch mit Eintragungen aus aller Welt. Nach einem wohlschmeckenden und reichlichen Abendessen, nur von friedlichen Geräuschen des Busches umgeben, versinkt die Sonne sehr schnell, wie üblich in diesen Breiten.
Schon verbreitet ein Lagerfeuer romantische Stimmung, während wir uns kennenlernen und die eben beobachteten Vögel rund ums Camp mit den Abbildungen im Vogelbuch vergleichen. Mit auf dem Trail, der morgen in aller Herrgottsfrühe startet, werden sein: Ian, ein Ranger von englischer Abstammung um die 50, Sippho, ein etwa 25 Jahre alter Zulu, beide in Khaki-Uniform mit dunkelgrünen Schulterklappen (Aufdruck "Natal Parks Board") und mit je einer dreischüssigen großkalibrigen Flinte versehen, ein älteres Ehepaar aus Cambridge in England, zwei junge athletisch gebaute Neuseeländer und meine Wenigkeit. Normalerweise können 8 Besucher auf einer Wildnis-Wanderung teilnehmen.
Schon um fünf Uhr morgens heißt es aufstehen: Nelson hat ein ausgiebiges Frühstück gemacht, das auf eine anstrengende Wanderung schließen lässt. Doch vorerst müssen wir eine vierzig Kopf starke Büffelherde passieren lassen, die in einer langen Reihe durch den hier etwa 20 m breiten Weißen Umfolozi watet, und direkt unsere Wanderroute schneidet. Bald ist das letzte der schwarzen Ungetüme, deren Hörner sichtbar mit einer festen Hornplatte verbunden sind, verschwunden, und wir ziehen los.
Im Nu sind wir auf etwa 40 m Höhe über dem Fluß angelangt, ein bevorzugter Aufenthaltsort von "Baboons" (Pavianen), die die relativ kühle Luft, die als Aufwind vom Fluß herauf zieht, genießen. Die Paviane sitzen tagsüber direkt auf den Klippen, die steil zum Flußufer hin abfallen.
Durch schütteren Bewuchs ziehen wir flußabwärts. Langsam wird es heiß. Wir erfahren, was es heißt, an einem der ersten "trails" in der Saison teilzunehmen. Im Sommer (November bis Mitte März) werden keine Wanderungen durchgeführt. Dann artet der Spaß der Wanderung durch die stechende Hitze eher in Folter aus.
Willkommen ist ein Wäldchen von schattenspendenden Sycamor-Bäumen (Ficus sycomorus) direkt am Flußufer, wo wir Rast machen. Sycamoren wachsen in der Regel entlang von Flußbetten, die Rinde grün bis grünlichgelb, manchmal auch hellbraun. Die Blätter sind behaart. Die Früchte wachsen in großen Trauben an Zweigen und Ästen. Bis in Brusthöhe sind die Bäume mit einer braunen Schicht bedeckt. "Die Rhinos werden von Zecken geplagt. Sie wälzen sich deshalb im Schlamm, lassen diesen trocknen, und reiben sich dann an Bäumen die festgebackenen Zecken von der Haut", erklärt Ranger Ian.
Zunächst betrachten wir skeptisch, wie er sich seiner Kleidung entledigt, und im schlammbraunen Wasser bäuchlings plantscht. Denn im Sitzen reicht das Wasser nur bis zum Bauchnabel. Bald tun es ihm einige von uns gleich. Abkühlung bringt das ca. 30 Grad warme Wasser ja nicht, doch es spült das Salz des angetrockneten Schweißes weg.
Nach dieser etwas seltsam anmutenden Zeremonie (man kommt dreckiger heraus als man hinein geht) durchwaten wir den knietiefen Fluß, die Wanderschuhe und -Socken in der Hand, wobei wir zunächst im lockeren nassen Sand leicht einsinken. Auf der gegenüberliegenden Sandbank machen wir Rast, um sorgfältig den Sand zwischen den Zehen zu entfernen. Der geübte Wanderer weiß, dass jeder Fremdkörper auf der Haut wegen der Reibung zu schlimmen Hautabschabungen führen kann.
Immer wieder wird auf der Wanderung Rast gemacht. Ian, der unserer Gänsemarsch-Gruppe vorangeht, nützt den Schatten, um Interessantes über Vögel, Bäume und das ab und zu vorsichtig hinter einer Deckung hervorlugende Wild zu erzählen. Hier ein Rudel Impalas, dort der weiße runde "Klodeckel" um den Schwanz eines grauen Wasserbockes, hier ein bunter Vogel mit dem Namen "Lilac Breasted Roller" in der ganzen Farbenpracht seiner Federn, dort ein Mopanebaum (Colophospermum mopane) mit seinen schmetterlingsmäßig angeordneten Blättern, eine wertvolle Futterquelle für das Wild.
Zwei schwarze "Lehrlinge", Eric und Isaac, aus den beiden anderen staatlichen Wildreservaten der Gegend Hluhluwe und Mkuze, begleiten uns. Sie lernen begierig, was Ian und Sippho zu erzählen wissen. Oft fragen sie nach der genauen Schreibweise der englischen Namen von Bäumen und Vögeln, die sie eifrig mit Notizblock und Kugelschreiber festhalten, denn schon eine Woche später werden sie die Morgenwanderungen für Touristen in den genannten Wildreservaten leiten.
Wir genießen die leichte Wanderung, abgesehen von der nun herunterknallenden Sonne: Wir folgen den Nashornpfaden durch eine Landschaft mit einmal mehr, einmal weniger dicht zusammenstehenden Bäumen und Büschen. Die Vegetation ändert sich ständig: In der Nähe des Flusses wächst "Kriechgras", ähnlich dem "LM-Lawn" in den Gärten in Pretoria, doch hier in Umfolozi bäumt es sich auf, wächst über der Erde und bildet Fallen, die es zu meiden gilt, sonst stolpert man schnell.
Unsere 2-Liter-Wasserflaschen, die als Ausrüstung neben einem Rucksack bereitlagen, werden immer häufiger benützt, vor allem jetzt, da es gilt, einen mittleren Anstieg zu bewältigen. In gutem Tempo ziehen wir bergan: Der Gruppendruck hilft uns, auch bei der großen Hitze zusammenzubleiben. Die jungen Neuseeländer, die noch nie eine derartige Wanderung unternommen haben, und die welterfahrenen drahtigen Engländer geben ihr bestes.
Die willkommene Mittagsrast auf einem Berg mit malerischer Aussicht (360 Grad) bringt nicht nur Entspannung und ein kräftiges Mittagessen, sie verwirrt mich auch. Macht doch der ohnehin schon ohne erkennbare Ordnung dahinziehende Weiße Umfolozi hier eine 180-Grad-Wendung. Auf der Karte sieht es tatsächliche so aus, als wüßte der Fluß nicht, wo er sich mit dem etwas tieferen Schwarzen Umfolozi treffen sollte, um dann den Namen "Umfolozi" zu tragen, dessen Wasser sich in 30 km Entfernung in den Indischen Ozean ergießen.
Offenbar befinden wir uns hier auf einer durch den Fluss gebildeten Halbinsel. Beeindruckt stehen wir auf einer Felsenklippe, die 150 m steil zum Fluss hin abfällt, und genießen unser Mittagspicknick, mit Leberpastete, Käse, allerlei Gemüse und mehreren Tassen Tee. Da die verbeulte rußgeschwärzte Teekanne immer dabei ist, und Sippho ein Meister im Feuermachen ist, können wir inmitten unberührter Natur unseren Tee genießen.
Im allmählich sich orangefarben über die unberührte Flusslandschaft ausgießenden Spätnachmittagslicht erreichen wir, nachdem wir mehreren Breitmaulnashörnern in einer spannenden Aktion ausgewichen sind, das Ufer des Umfolozi, dem wir flussabwärts folgen. Auf der gegenüberliegenden Seite weidet eine große Herde Büffel, die sich, als sie uns wahrnimmt, langsam vom Ufer zurückzieht. Das heißt, alle, bis auf zwei Büffel: Ein Büffelkind hat noch keine Angst vor dem zweibeinigen Raubtier, dem Menschen. Seine Mutter versucht mit allen Tricks, ihr Junges in den Uferwald zu locken, doch dieses will nicht. Wir beobachten das Geschehen gespannt. Bald hat die Mutter genug von dem Spiel, und nach einer Viertelstunde ist das unfolgsame Tierchen allein am Ufer...bis plötzlich zwei erwachsene Büffel am Rande des Uferwaldes erscheinen. Hat die Mami zur Durchsetzung ihrer Wünsche Hilfe geholt? Unsere Gruppe will nicht mehr warten, denn es ist noch weit bis zum Camp, und so verlassen wir die Stätte des Familienstreites, von dem wir nicht wissen, wie er ausgehen wird.
Die seit einer Stunde wehende kühlende Brise empfinden wir als sehr angenehm. Die Sonne kommt nun von hinten, was unser Wohlbefinden erheblich steigert. Allerdings nähert sich der Wasserspiegel in unseren Feldflaschen dem Nullpunkt!
Endlich erblicken wir in der Ferne dunkelgrüne Flecken inmitten des dichten Busches: Die Zelte des Camps! Bevor wir den Fluss überqueren, gibt es erst einmal eine Schlammschlacht: Genüsslich lassen wir das schmutzigbraune Wasser über unsere ausgepowerten Körper fließen. 18 km sollen das gewesen sein? Uns kam die Strecke eher wie 25 km vor! Macht nichts, jetzt sind wir ja da, und es hat sich allemal gelohnt. Das Camp liegt auf sauber festgestampftem Urwaldboden im Schatten von hohen Bäumen. Zelte diesmal nicht auf Stelzen, sondern direkt am Boden, der Esstisch unter einer Zeltplane: Ein Brett auf vier Pfosten. Einige Matratzen sind fein säuberlich aufeinander gestapelt, eine Reihe Holzklötze liegen herum, offensichtlich unsere "Stühle". In einigen Metern Abstand die "Küche", von Zulu-Koch Shedrick betreut: Unter einem Sonnendach ein Lagerfeuer, mit Töpfen und Kochinstrumenten, daneben ein einfacher Tisch mit Schüsseln zum Abwaschen. Fertig ist das Rastlager!
"Minimum Impact", "kleinstmögliche Einwirkung durch den Menschen", lautet die Devise des Natal Parks Board in diesem "Wilderness Area" (Wildnisgebiet). Das heißt: Keine festen Strukturen, also keine Bauten aus Stein, keine festen Hütten. Alles muß innerhalb kurzer Zeit abgebaut werden können. "Natur pur!" Das gilt auch für die Sanitäreinrichtungen: Eine "Spatentoilette" (bestehend aus einem Spaten und einer Toilettenrolle - "bitte nach links gehen!"), eine "bucket shower", also "Kübeldusche". So funktioniert sie: Über einen starken Ast wird eine Schnur mit Hilfe einer Rolle geleitet, ein Eimer wird mit Wasser gefüllt (bereit stehen je ein Eimer kaltes und heißes Wasser zum Mischen), dann wird der Eimer in Kopfhöhe gezogen, die Schnur an einem Pfosten befestigt. Nun öffnet man den Wasserhahn an der Brause, die am unteren Ende des Eimers angebracht ist: Eine perfekte Buschdusche! Damit die anderen Gäste des Buschcamps nicht im Schlamm waten müssen, ist der Boden mit Steinen belegt. Übrigens: Die Dusche ist im Freien, nur über einen schmalen festgestampften Pfad zu erreichen, durch Büsche ausreichend von potentiellen Blicken der Mitwanderer abgeschirmt.
Kaum komme ich aus der "Dusche" zurück, stellt Shedrick einen schweren Eisentopf auf den "Tisch": Hat doch der Koch tatsächlich in diesem "potjie" ein "Buschbrot" gebacken! Schnell in dampfende Scheiben geschnitten, mit Margarine bestrichen: Dickes Lob reihum! Dazu gibt?s Kaffee, Tee, Kakaogetränk.
Wir kauen mit vollen Backen, den Blick auf den Umfolozi gerichtet, der von einem dichten Schilfgürtel gesäumt wird. Nach der Vorspeise sind wir beschäftigt, die "Pepperticks" (etwa ein Millimeter kleine Mini-Zecken) zu finden, die langandauerndes Jucken verursachen und Krankheiten übertragen können. Es ist ratsam, sich nach dem Baden oder Duschen erneut einzusprühen bzw. mit einem Abwehrmittel einzureiben.
Das eigentliche Abendessen (Hamburger) wird durch ein niedergehendes Gewitter gestört. Wir stehen unter dem Sonnendach, das sich durch die niedergehenden Wassermassen stark ausbeult. Das hat aber auch seine praktische Seite: Frischwasser! Wo meinen Sie kommt denn hier in der Wildnis Trinkwasser her? Die wissen sich zu helfen: Vom Fluß. Pfui, entfährt es nun sicherlich dem Leser, so eine ekelhafte Brühe! Nicht ganz: In den Sand, unweit des Ufers, wird ein Loch in das Flussbett gegraben, dann wartet man, bis genügend Wasser durch den als Filter wirkenden Sand gesickert ist, und nach einer gewissen Zeit hat diese Schöpfaktion genügend relativ sauberes Wasser zum Duschen, Zubereiten von Tee und Kaffee und zum Geschirrwaschen hervorgebracht.
Einen zweiten Vorteil hat das Gewitter: Die Temperatur hat erheblich angekühlt. Wir schlafen gut und fest, nur einmal vom Geheul einer Hyäne unterbrochen. Es soll hier eindeutig hervorgehoben werden, daß dieses Camp mitten in der Wildnis liegt, kein Zaun zwischen uns und den umherstreifenden Raubtieren (Löwen, Leoparden, Schakalen, Hyänen, Geparden) oder Büffeln und Nashörner (Schwarz und Weiß). Wer nachts seine Blase spürt, überlegt sich da schon zweimal, ob er den Schutz seines Zeltes verläßt. Es ist mir nicht ganz geheuer, wenn ich als letzter wach bin und am Rande des Camps die Zähne putze, immer auf der Suche nach grün-glühenden Augen, die aus dem Dickicht funkeln.
Kurz war die Nacht, aber erholsam. Draußen scheppert es - keine Hyäne, wie sich herausstellt, es ist Shedrick, der Ordnung macht. Gestern war es wohl zu feucht und schlammig. Um 6 Uhr gibt?s Frühstück (Omelett mit verschiedenfarbigen Paprikas, Brötchen, Tee, Kaffee). Das Flussbett des Umfolozi ist vollständig mit braunen Fluten gefüllt - dank des ergiebigen Regens in der Nacht. Unsere Führer beschließen, heute den Fluss nicht zu überqueren, und so wandern wir an einem schilfumstandenen Tümpel entlang, der außer einigen Reihern und Fußspuren von Rhinos nur mit ein paar Wasserböcken aufwarten kann, dann den Berg hinan, wo sich Impalas herumtreiben, und wieder einige Wasserböcke.
Interessant das über Nashorn-Höhe angebrachte Wagenrad- große Netz einer "Bark-Spider", einer der Farbe der Baumrinde (=Bark) ähnlichen Spinne. Gut, daß der Ranger vorangeht. Auf diese Weise "sammelt" er die Spinnweben ein, und die einzige Gefahr der im Gänsemarsch hinterher Wandernden ist es, an einem "Wag-?n bietjie"-(Wart? ein bißchen-) Baum hängenzubleiben: Rückwärts gebogene Dornen verursachen Kratzer in der Haut, reißen den Sonnenhut weg oder zerreißen Hemden und Hosen. Genau genommen ist es nicht der Baum, der auch in Pretoria vorkommt, sondern ein Verwandter, der "buffalo thorn"-Baum, 3-6 Meter bis zu 20 Meter hoch (Ziziphus mucronata), mit je einem geraden und einem gebogenen Dorn nebeneinander auf den Zweigen verteilt. Der Zulu-König Shaka nahm diesen Baum zum Anlaß, seinem mächtigen Zuluvolk den folgenden Ratschlag mit auf den Weg zu geben: "Der gerade Dorn: Blicke fest in die Zukunft! Der gekrümmte Dorn: Vergesse nie Deine Vergangenheit!" Bleibt nur noch hinzuzufügen: Trotz der Anzahl von Stacheln werden die Früchte und Blätter gerne von Wildtieren, natürlich auch Büffeln, gefressen. Die Einheimischen machen sogar Kaffee aus seinen Früchten!
Nach einem kurzen Mittagessen nehmen wir eine andere Route durch schattigen Dornenwald, wobei wir unter Schirmakazien von Zeit zu Zeit rasten. Mehrere Gruppen Zebras, sonst recht scheu, lassen sich ruhig von uns mit dem Fernglas beobachten. Andere Antilopen, wie Duiker und Impalas, um nur einige zu nennen, sind ebenfalls zu sehen. Als Sippho, der nachmittags der kleinen Schar vorangeht, eine Familie Breitmaulnashörner entdeckt, bedeutet er uns, hinter Bäumen Schutz zu suchen. Von dort aus können wir in Ruhe die bräunlichen Dickhäuter beobachten, die sich nicht im mindesten von uns stören lassen. Ganz im Gegensatz zu den "ungezogenen" Nashörnern, von denen uns das Gästebuch im Basiscamp berichtet hat: Unglaublich, wie schnell ein sonst eher behäbiger Mensch auf einen mit Dornen gespickten Baum klettern kann, wenn er, wie zu lesen war, von einem wütenden Nashorn angegriffen wird. Hinauf kam er ja, nur das "Herunter" ging langsam und äußerst mühevoll vor sich, nachdem sich das Nashorn wieder verzogen hatte und die Luft rein war. Einer der Unterschiede zwischen Spitz und Breitmaulnashorn zeigt sich im Verhalten: Wird der Mensch vom Spitzmaulnashorn angegriffen, kann er den Angriff durch lautes Geräusch abbrechen - das "White Rhino" dagegen läßt sich nicht aufhalten. Also: Auf die Bäume, mein Lieber!
Abends liege ich auf dem Bauch im stark strömenden Umfolozi und beobachte den Sonnenuntergang. Ah, tut das gut! Ein romantisches Bild. Ich komme mir vor wie ein sich im Schlamm suhlendes Warzenschwein. Im Wasser treiben nun Äste, Schilfbüschel und andere Feststoffe. Doch was soll?s. Heute muß man mit dem Wasser sparen, da das Loch zur "Wassergewinnung durch Filterung" vom Umfolozi überschwemmt wurde, und man mit dem gestern geschöpften Wasser auskommen muß. Somit bleibt zur Abkühlung einzig und allein der braune Fluss, offenbar fälschlicherweise "Weißer" Umfolozi genannt. Mit Bedauern verlassen wir unser heimeliges Camp im Schatten und wandern in zunehmender Hitze Richtung Basiscamp, wobei wir häufig unter schattenspendenden Schirmakazien (acacia tortilis, umbrella thorn) - mit der flachen Baumkrone - Rast machen.
Immer wieder kommen wir an blankpolierten Baumstümpfen vorbei. "Das sind Nashorn-Reibe-Pfosten", erklärt Jan, während er mit der Handfläche an der hübschen Maserung des Holzes reibt. "Sie wissen ja, Rhinos haben Zecken, die sie gerne durch das Reiben am Stamm loswerden wollen. Da, riechen Sie mal!" Fein riecht es, aromatisch! "Das ist der Tamboti-Baum sprostachys africana". Man findet ihn oft in Tälern und zeitweilig Wasser führenden Flußläufen". Er schneidet einen Zweig ab, heraus tropft ein milchiger Saft. "Diese Flüssigkeit ist extrem giftig! Wenn Sie ein Lagerfeuer machen, duftet es angenehm, wenn Sie aber auf diesem Lagerfeuer etwas grillen wollen, haben Sie wenige Stunden später garantiert fürchterliche Magenschmerzen!" Deshalb also hatten wir im Camp zwei verschiedene Feuer, eins für die Romantik, und eines, um Speisen zu kochen! Tambotiholz brennt hervorragend und ausgiebig.
Einige schlammige Wasserläufe führen dazu, daß einige von uns sanft auf dem Hosenboden landen - doch das stört uns nicht weiter, sind wir doch alle nicht aus dem Modejournal entsprungen, mit unserer dreckigen, teils zerrissenen Buschkluft. Nicht etwa, daß wir so verschmutzt morgens losgelaufen wären! In der Ausrüstung befand sich, wie in der Kurzbeschreibung für die Wanderung vorgeschlagen, noch ein letztes sauberes Hemd, saubere Hose und Unterwäsche. Mitzubringen waren 4 x die oben erwähnte Kleidung zum Wechseln, Mosikitoschmiere, Zeckenspray, Sonnenhut, Sonnencreme. Empfehlenswert: Wäscheleine und Klammern. Für das Basiscamp einen Sixpack Bier (Kühlschrank dort vorhanden!), für das Buschcamp Sherry oder ähnliches als Sundowner.
Als die Sonne sich an diesem dritten vollen Tag unserer Wanderung langsam dem Horizont nähert und die Binsen des Flussufers golden färbt, fühlen wir, daß das Basiscamp nicht mehr fern sein kann. Irgendwie sind wir ganz schön fertig - und voller Eindrücke (damit beziehe ich mich nicht auf die Blasen an den Füßen). Ein letztes Mal überqueren wir den undurchsichtigen Fluss. Langsam, ganz langsam und vorsichtig durchziehen wir die Fluten wie die Israelis das Rote Meer. Unsere Wanderfreundin aus England sinkt bis über den Bauchnabel ein, als sie in der Mitte des Flusses in ein Loch tritt. Doch mit Hilfe von Sippho und ihrem Mann kommt sie ans rettende Ufer. In der Trockensaison ist der Umfolozi natürlich halb ausgetrocknet, und die Flussüberquerung ist weit einfacher!
Nach einer kräftigen Dusche sitzen wir rund ums Lagerfeuer und beobachten den makellosen Sternenhimmel, mit klarer Sicht auf das Kreuz des Südens und die Milchstraße. Nelson, der Koch des Basiscamps, hat ein feines Abendessen für unsere schlappernden Mägen gezaubert: Boerewors, Lammkotletts, leckerer Kartoffelsalat in Sauce, Pap (krümelartiger Maisbrei), Tomatensauce. Als Desert: Milktart (süße, feste Milchspeise). Um halb neun Uhr sind fast alle im Bett. Ich genieße auf der Veranda meines Zeltes den Blick auf die unendliche Milchstraße, die hier, weil Streulichter fehlen, wirklich milchig ist, höre die Geräusche des Busches. Wenige Meter entfernt raschelt es im hohen Gras. In der Ferne heult eine Hyäne, und sicherlich treibt sich wieder die Büffelherde ums Camp herum.
Rückblickend kann ich jedem, der auch nur einigermaßen fit ist, diese preiswerte und erlebnisreiche Wanderung empfehlen. Umfolozi war der Wegbereiter für Wanderungen dieser Art, vom Krügerpark kopiert.
Am nächsten Tag verabschieden sich die Teilnehmer der Wanderung voneinander und reisen in verschiedene Ecken dieses Globus ab. Ich habe noch die Gelegenheit, in der "Boma" die vergleichsweise zarte Haut eines jungen Breitmaulnashornes zu streicheln, das mit seiner Mutter gefangen wurde, um in ein Wildreservat im Transvaal gebracht zu werden. An die 3.000 Nashörner gibt es im Umfolozi-Hluhluwe-Wildreservat. Um den Bestand zu regulieren, und um zusätzliche Einkünfte zu erwirtschaften, werden pro Jahr eine bestimmte Anzahl von Nashörner vom Hubschrauber aus betäubt, mit einem Lasthubschrauber oder -wagen in die "Boma", ein mit starker Umzäunung versehenes Camp gebracht, und nach einiger Zeit auf Auktionen an private Wildreservate oder Zoos in der ganzen Welt verkauft. Ich glaube, daß ein für ein Wildreservat bestimmtes Rhino das bessere Los gezogen hat! Zur Zeit des Berichtes (1994) kostet ein Breitmaulnashorn etwa 10.000.-DM (also ca. 5.000 Euro), vor einigen Jahren mußte man bis zu 25.000 DM (also 12.500 Euro) hinlegen.
Ian, der heute abend schon die nächste Wandergruppe erwartet, fährt mich zum etwa 25 Minuten entfernt liegenden Tor des Nationalparks, wo mich bereits ein Landrover von der Zulu-Nyala-Lodge erwartet, der nächsten Station meiner Reise.
Weiter geht es mit Zulu Nyala Safaris - demnächst in diesem Theater...
Reise-Info / weiterführende Links
Im Buch
Erlebnis Südliches Afrika - Reisen in der Republik Südafrika, in Namibia, Zimbabwe, Botswana und Swaziland (328 Seiten Urlaubsstimmung)
oder im Internet unter "Südafrika Tourismus" googeln.
Ubizane Game Reserve: Fotosafari in Südafrika (MyHeimat-Artikel)
Itala Game Reserve - Erlebnisse in einem Wildreservat in KwaZulu-Natal (Republik Südafrika) (MyHeimat-Artikel)
Reiseberichte Südafrika Urlaubsberichte, Urlaubstipps, Hotelbewertungen, Urlaubsbilder
Reiseberichte Südafrika Urlaubsberichte
Comair (Fluggesellschaft)
http://www.comair.co.za/
Umfolozi (Imfololzi) Wilderness Trail
http://www.kznwildlife.com/site/ecotourism/activit...
Webkameras in den Nationalparks (Wildbeobachtung etc.):
http://www.sanparks.org/webcams/
Fotos von Parkbesuchern
http://www.sanparks.org/gallery/v/sightings/
Reisebücher geschenkt gibt es bei monatlich stattfindenden Buchverlosungen
Reise-Buch-Verlosung:
http://www.myheimat.de/dillingen/tag/buchverlosung











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