Maßnahmen gegen den drohenden Fachkräftemangel
„Qualifizierte Fachkräfte sind unser Zukunftspotenzial. Ohne sie wird es schwer werden, auf Dauer Deutschland als export- und wettbewerbsstarken Standort halten zu können.“ Mit dieser Aussage wiesen die Landräte Leo Schrell und Stefan Rößle auf die Notwendigkeit hin, angesichts des sich abzeichnenden und in einigen Branchen bereits jetzt spürbaren Fachkräftemangels konkrete Maßnahmen einer nachhaltigen Sicherung und Qualifizierung der Nachwuchskräfte zu ergreifen. Schrell untermauerte dabei seine Aussage mit der einer Zahl, die die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft bereits im April dieses Jahres, also zu einem Zeitpunkt, als sich der vom Export getriebene Aufschwung noch nicht abzeichnete. Bereits damals warnte die Vereinigung davor, dass im Jahr 2015 rund 520.000 Fachkräfte allein in Bayern fehlen würden. Aktuell, so Schrell, sind in Deutschland rund 35.000 Ingenieurstellen unbesetzt.
Aus diesem Grund und wegen des demografischen Wandels, so der Landrat, haben die beiden Landkreise Donau-Ries und Dillingen a.d.Donau gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Schwaben (IHK), der Handwerkskammer für Schwaben (HWK) und der Agentur für Arbeit bereits vor knapp zwei Jahren die Initiative zum Projekt „Fachkräftesicherung“ gestartet.
Im Jahr 2008 haben die IHK und die HWK im Rahmen der Phase I des Projektes in ganz Schwaben über 1.300 Unternehmen, davon 180 aus dem Wirtschaftsraum Nordschwaben, befragt, wie sie den künftigen Bedarf an Fachkräften sehen. Die Auswertung der Befragung bezogen auf die Teilräume Nord- und Westschwaben sowie den Wirtschaftsraum Augsburg und das Allgäu hat ergeben, dass der Wirtschaftsraum Nordschwaben überdurchschnittlich vom Fachkräftemangel betroffen ist. Auf Seiten des Handwerks wird beim Ausbauhandwerk und beim Handwerk für gewerblichen Bedarf in der Fachkräftesicherung eine große oder sehr große Bedeutung gesehen. Daneben ist auch in Nordschwaben bei den Industriebetrieben in den Branchen Elektrotechnik, Metallerzeugung und -bearbeitung sowie Maschinenbau ein zunehmender Fachkräftebedarf sichtbar geworden.
Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse haben die beiden Landräte Stefan Rößle und Leo Schrell vor exakt einem Jahr die Phase II (Regionalphase) des Projektes gestartet, dessen Ergebnisse nun vorgestellt wurden. Prof. Dr. Markus Glück (Technologie Centrum Westbayern / Hochschule Augsburg) war in der Phase II beauftragt, flächendeckend in Nordschwaben Unternehmen zu ihrem künftigen Fachkräftebedarf und dem Bildungsangebot in der Region zu befragen.
Daran haben sich, so Landrat Leo Schrell, 92 Unternehmen aus Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistung, davon 56 aus dem Landkreis Donau-Ries und 36 aus dem Landkreis Dillingen beteiligt. Bei der Befragung habe man ganz bewusst versucht, die Sichtweise der Wirtschaft und des Handwerks, die Sichtweise der Schulen und Bildungseinrichtungen und durch eine Befragung der Absolventen auch die Sichtweise der Betroffenen zu erfahren.
Dabei, so Prof. Glück, habe man interessante Erkenntnisse gewonnen, die die Arbeitsgrundlage für einen Workshop mit allen maßgeblichen Akteuren (Vertreter von Industrie, Handel, Handwerk, Dienstleistung, Behörden, Agentur für Arbeit und von Bildungseinrichtungen) am 26. Juli 2010 bildeten. Ziel des Workshops war, gemeinsam Strategien zur Fachkräftesicherung und zur Weiterentwicklung der Bildungsangebote im Wirtschaftsraum Nordschwaben zu entwickeln.
Ein Ergebnis der Unternehmensbefragung durch Prof. Glück war, dass rund 65 Prozent der befragten Unternehmen angegeben haben, dass die ungeeignete Qualifikation der Bewerber Ursache sei, dass offene Stellen nicht besetzt werden können. Hinzu komme, dass 57 Prozent den Standort ländlicher Raum als negativen Faktor ansehen, der zur Verschärfung der Fachkräftesituation beitrage.
Deshalb sprach sich Landrat Stefan Rößle dafür aus, die Bildungseinrichtungen und vor allem die teilweise schon vorhandenen Kooperationen mit den Hochschulen und Fachschulen auszubauen. Es müsse verhindert werden, so Rößle, dass Absolventen mangels Fachschul- und Studienangeboten die Region in Richtung der Verdichtungsräume verlassen. So könne er sich vorstellen, die im Landkreis Donau-Ries bestehende Hochschulinitiative auf dem Gebiet der Mechatronik auszuweiten. In enger Abstimmung mit dem Landkreis Dillingen und dem Bildungszentrum Lauingen bietet sich das Gebiet der Umwelttechnik an.
Der Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung im Landkreis Dillingen, der Geschäftsführer der Fa. Gartner Extrusion Dr. Harald Westheide, schlug in die gleiche Kerbe und beklagte das fehlende Hochschulangebot in Nordschwaben. Insbesondere, so Dr. Westheide, müssen die Bemühungen beim Ausbau dualer Studiengänge in Nordschwaben verbessert werden und Fortbildungsstrukturen sowie Kursangebote unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst werden.
Landrat Leo Schrell stimmte Dr. Harald Westheide zu und betonte, dass dabei im Interesse der Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raumes die Bereiche Pflege, Computertechnologie und Umwelttechnik einen besonderen Stellenwert einnehmen würden.
Kreishandwerksmeister Karl Kratochvil machte deutlich, dass die Handwerksberufe stärker in den Fokus der Schulen gerückt werden müssten. So müsse möglichst frühzeitig in den Schulen über die Möglichkeiten der dualen Ausbildung im Handwerk informiert werden. Dabei dürfen die Eltern als Zielgruppe nicht vergessen werden. Vor allem müssten künftig die Berufsbilder des Handwerks, das eine Vielzahl an Berufen mit qualifizierten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen biete, neben den Hauptschülern auch den Realschülern und Gymnasiasten als interessante berufliche Perspektive vermittelt werden. Vor allem müsse dabei auf die Durchlässigkeit des Bildungssystems verwiesen werden.
Die Leiterin der Agentur für Arbeit, Claudia Wolfinger, betonte, dass die frühzeitige Qualifizierung von Schülern eine entscheidende Grundlage für eine erfolgreiche und qualifizierte Berufsausbildung sei. So müssten die Schulen die Berufsorientierung forcieren. Dabei könnte der Ausbau der Ganztagesbetreuung hilfreich sein.
Vier Handlungsfelder - Hier wird sich etwas tun:
Optimierung der Schnittstellen Schule, Wirtschaft & Handwerk
Engere Vernetzung von Schulen und Betrieben. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit für Berufe mit schlechtem Image (z. B. im Handwerk) zu verbessern. Vorstellung positiver Beispiele bei Schulbesuchen von Gesellen und Auszubildenden. Exkursionen in Betriebe sowie aktive Beiträge und Informationsaufbereitung bei Lehrerfortbildungen.
Berufsbilder des Handwerks sollen auch für Jugendliche an Realschulen und Gymnasien interessanter gemacht werden. Hinweis auf Durchlässigkeit des Bildungssystems: Nach einer Berufsausbildung stehen Jugendlichen viele Wege der weiteren schulischen und beruflichen Qualifizierung offen.
Stärkung der Hoch-, Fach- und Technikerschulangebote vor Ort
Fortführung und Ausbau der erfolgreichen Kooperationsprojekte zwischen dem Technologie Centrum Westbayern (TCW), der Fritz-Hopf-Technikerschule (Nördlingen) und der Hochschule Augsburg. Ausdehnung auf den Raum Dillingen, z. B. Stärkung der Umweltkompe-tenzen in Lauingen. Aufbau eines berufsbegleitenden Weiterbildungsangebots sowie eines dualen Studienangebots vor Ort. Anpassung der Fortbildungsstrukturen und Kursangebote an die großen Trends unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Die Bereiche Pflege, Computertechnologie und etwa Umwelt sind besonders zu intensivieren. Informationsoffensive und Etablierung dualer Studienangebote vor Ort.
Qualifizierung - Unterstützung von Schülern bei Berufswahl
Verstärkte Unterstützung während der Ausbildung: Zusatzangebote für Jugendliche, die besondere Schwierigkeiten haben, eine Berufsausbildung abzuschließen. In einem angepassten Schul- und Berufsumfeld soll innerhalb von zwei Jahren ein berufsqualifizierender Abschluss möglich sein.
Im Vorfeld der Berufsausbildung: Bessere Vorbereitung der Jugendlichen an den Schulen auf das Berufsleben: Mehr Einbeziehung Berufsbilder in Unterrichte, Intensivierung Erfahrungsaustausch zwischen Jugendlichen in Berufsausbildung und Jugendlichen an den Schulen zur Unterstützung bei Berufswahl. Verstärkte Einbindung von Eltern, die ihre Berufe mit besonderer Praxisnähe den Kindern näherbringen, Jobpaten-Modelle (aktive Begleitung Jugendlicher auf dem Weg ins Berufsleben).
Imageverbesserung: Stärkung der Attraktivität unseres Wirtschaftsraums
Intensivierung der bereits eingeleiteten Initiativen. Stärken- und Schwächen-Analyse unter aktiver Einbindung des Regionalmanagements. Kontaktpflege zu Ehemaligen, welche aus beruflichen Gründen die Region verlassen haben, z. B. über Eltern und Großeltern, Ehemaligen-Treffen, regionale Austauschprogramme.

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