Der Sammler

Diedorf: Haus der Kulturen | Der „Gierschlund“

Da war sie wieder einmal da, die Frage, die einen kritischen Menschen am Selbstzweg des Sammelns zweifeln lässt, die ein richtiger Sammler, ein Sammler aus „ Leiden schafft“, der sich auf der manischen Suche nach den Ingredienzien seiner Sammellust, seiner Sammelwut, innerlich aufreibt nach dem Mehr, nach dem Außergewöhnlicher, die eben dieser Sammler gar nicht beantworten kann, beantworten will, die einfache Frage:
Ja haben Sie denn ein Lieblingsbild?....eine Lieblingsbriefmarke,… eine Lieblingsmaske?
Auswechselbare Worte nett und unschuldig gemeint, doch man zuckt zusammen, getroffen wie von einer unsichtbaren Faust unterhalb der Gürtellinie, sackt jedesmal wieder innerlich zusammen, auch wenn man diesen Schlag immer schon vorher hat kommen sehen und der Mund bleibt für kurze Momente offen, trocken und sprachlos:
Äh, äh….nein, eigentlich nicht.
Welche Frage!!!
Der ganze Aufwand kann doch nie und nimmer darauf gerichtet sein unter all den tausend liebreizenden Dingen, deren Zauber einem richtigen Sammler den wohligen Schauder über den Rücken rennen lässt, so einfach nur zielgerichtet, die Eine, die Vollkommenste heraus zu finden. Hat nicht jede dieser angebeteten Göttinnen der Sammelleidenschaft Ihre eigenen, ganz besonderen Vorzüge:
So diese feine gezackten Randlinie, die das Fräulein Briefmarke ziert, wie ein unter der suchenden liebkosenden Hand sich darbietender weiblicher Rücken, die sanft auf und abschwingende Linie der Wirbelsäule, der ganz individuell gesetzte Stempel, welcher ihr auf gehaucht wurde wie ein zarter schüchterner Kuss.
Wie gründlich wurde man da wieder missverstanden: „ Ein Lieblingsding!!!“
Ist man als Sammler nicht wie ein jugendlicher Liebhaber, der sich von Disko zu Disko kämpft, auf der Suche nach immer neuen Abenteuern, sich nicht der ersten Besten schon ergibt, um dann für immer die Augen zu schließen vor all den künftigen Reizen?
So würde man sich gerne sehen.
Aber der Schlag hat tiefer gesessen:

„Raffgier!!“

„Was machen Sie denn mit all den Dingen, wenn Sie nicht mehr sind?“
Hundsgemeine Formulierung! Kennt doch jeder das Sprichwort: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ oder : „ a Doda kann nix mitnehm`n“!
Meine Tochter trumpft mich immer aus:“ wenn Du mal tot bist, schmeiss´ ich den ganzen Kruscht weg! Da muss man natürlich vorsorgen: Entweder Rückzug (auf zum nächsten Flohmarkt und der Tochter nobel den Erlös überlassen) oder Attacke (ab ins Museum!!!). Fremde Museen haben aber meist keine wirklich besseren Ideen als meine Tochter: Also selber eines gründen!
Geht nicht? Geht schon, aber bringt als Flucht nach vorn erst richtig Probleme in Form von nun richtig gewaltigen Unkosten.
Für einen (Jäger und) Sammler ist der Moment der Jagd wichtig, der momentane Jagderfolg. Das ist vielleicht so etwas wie der Blutrausch eines Marders, der im Hühnerstall ist. Auf einmal kann er höchstens ein Drittel einer Henne hinunterschlingen, zur Not den Rest in seinen Bau verschleppen , aber , wenn er bei den Hennen meistens fertig ist, sind oft alle tot und niedergebissen. Wäre er zu vernunftmäßigem Denken fähig, müsste man ihm dieses gleich wieder absprechen, vor so viel egomanischem Irrwitz.

„unsozialer Egoist“

Warum vergibt ein Streichholzschachtelsammler nicht die gehortete Ware an alle Raucher und Grillbetreiber,? Warum gibt ein Sammler von Illustrierten nicht diese zum Altpapier, wo sie einer neuen , mehr und minder sinnvollen Wiederverwendung zugeführt werden und ihm zudem Lebensraum zu Hause verschaffen? Ist es nicht Frevel , sich so durch Rückhalt und Entzug von für die Gemeinschaft brauchbaren Materialien, als manischer Egoist zu zeigen?
Mit einem Museum stünde man da natürlich gut da, weil man ja sagen könnte, man sammle alles nur für die anderen.

„Messi!“

„Das ist ja nun wirklich ein unfairer Vergleich! „
Jemand, der unglücklich ja mental erkrankt ist in Vergleich zu nehmen mit jemand, nämlich den Sammler, der voll wissentlich seinem egoistischen Hobby frönt. Außerdem stimmt ja der Begriff gar nicht für den Sammler, der ja eher manisch seine gesammelten Schätze von hier nach da sortiert und umgekehrt, wiederum liebevoll umbettet, archiviert und hätschelt, jedes Staubkorn sofort entfernt und sich auch für die systematische Aufbewahrung in hohe Kosten stürzt. Mess (i) von engl. Unordnung, das stimmt ja hier gar nicht.

„Psychopath!“

Sammeln als Festkrallen an Objekte, die man nicht zum täglichen Leben braucht, gilt in verschiedenen psychologischen Schulmeinungen als Kompensation fehlender sozialer Bindungen, als Reaktion auf möglicherweise schon in der Kindheit fehlende soziale Zuwendung. Objektbeziehung statt menschlicher Nähe.
Sie dürfen es mir glauben, als Museumsleiter, Museumsführer u.ä.: Wer ins Museum geht, die kindliche Trotzphase gegen den wohl meist allzu oft erzwungenen Museumsbesuch überwunden hat, geht interessiert und die ausgestellten Objekte sind tatsächlich nur kleine Katalysatoren für interessante Gespräche und gemeinsame Gedankengänge. Gegen die Vereinsamung im Alter hilft der Museumsbesuch beiden Positionen allemal: Dem Besucher und dem Führenden oder dem erklärenden Sammelfreund. Wenn man sich nicht geradedazu hinreißen lässt, jedem Uninteressierten mit der Besichtigung der Briefmarkensammlung zu drohen, ist der mehr oder weniger niveauvolle geistige Austausch zumindest unter Sammlerfreunden der zunächst vereinfachte Einstieg in die Kommunikation für Sammler mit jenem obenerwähnten Manko fehlender Sozialkontakte.
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