Mythen vom Storch : Vom Diebstahl des Feuers

Wann? 01.10.2012 11:00 Uhr
Wo? haus der kultur(en), Lindenstraße 1, 86420 Diedorf DE
störche in diedorf - foto von Richard Harslem
 
störche in diedorf fotos von Richard Harslem
 
störche in diedorf- fotos von Richard Harslem
Diedorf: haus der kultur(en) | Adebar, wie er bei uns in den Fabeln genannt wird, ist auch in den anderen Ländern , die er als Zugvogel bereist, ein bemerkenswertes und auffälliges Geschöpf, um das sich viele Mythen ranken. So erzählt man sich auch in den Gegenden Afrikas, in denen er vor Allem auch früher seinen Winterurlaub verbrachte, gerne auch Geschichten, wie er zu der feuerroten Färbung seines Schnabels und der Beine kam. Die Bozo-völker , die auf den riesigen Sandbänken des Nigerflusses in Mali Ihre nomadischen Siedlungen aufbauen und vom Fischfang leben, kennen folgende Erklärung:

Es war in den Zeiten, als die Menschen den Fisch, den sie aus den Wasserndes Niger heraus holten noch genauso roh verschlangen, wie es die Krokodile und Nilpferde dort tun. Auch die schmackhafte Hirse, die sie von den Nachbarvölkern im Tausch gegen Fisch erhielten, konnten sie nur als ganze Körner verschlucken. Auf dem sandigen Grund ihrer Dörfer mitten im Schwemmland gab es ja keine Steine, zwischen denen sie die Hirse zu Mehl hätten zermahlen können. Sie konnten auf so schwankendem Grund aber auch keine dieser großen Holzmörser verwenden, so wie es die Nachbarvölker taten , um die Hirse zu Brei zu zerstampfen.
Gerade für die alte Leute, deren Mund keine oder nur wenige Zähne mehr übrig hatte, war es besonders bitter, weil sie kaum zu genug Nahrung kamen und immer, obgleich umgeben von solchem Reichtum an Fisch, Hunger leiden mussten. Der Gebrauch des Feuers und des Weichkochens von Fisch und anderer Nahrung war den Menschen dieser Zeit nämlich noch nicht bekannt. Noch nicht bekannt war damit auch die Süße des gekochten Hirsebreies, welcher den Alten die Freude am Leben erhält.
Weder das Krokodil, welches den ganzen Tag nur vor lauter Hunger den Rachen sperrangelweit auf gerissen hielt, noch das vollgefressene Nilpferd wussten Rat. Da begaben die Ältesten im Dorf sich zu den Nestern der Störche am Uferrand, um dort nach zu fragen . Als nach einiger Zeit die Altstörche zum Nest kamen, um die Jungen zu füttern, sahen die Dorfältesten, wie diese den Schnabel öffneten. Heraus gepurzelt kamen viele kleine Fische, welche ohne Probleme von den kleinen zahnlosen Jungtieren gegessen werden konnten.
Auf die Frage, wie sie denn dieses kleine Wunder der schmackhaften Zubereitung von Fisch voll bracht hätten, erzählten die alten Störche bereit willig, dass sie ihres Schnabels Fracht einfach immer dort dem großen Sonnentier zur Zubereitung brächten, wo sich dieses am Abend in seinem glühenden Bett zur Ruhe legte. Gekocht bekämen sie es dann alsbald wieder zurück, um es an ihre Jungen zu verfüttern.
Ob die Störche denn nicht bereit wären, noch ein paar mal zu fliegen, um auch allen zahnlosen Alten im Dorf die Nahrung in gekochter Form täglich zu zu führen, wollten da gleich ganz begierig die Alten wissen. Ja, sagten die Störche, einmal könnten sie wohl fliegen. Aber was sei dann? Man müsse doch verstehen, der Flug sei lang und selbst, wenn sich alle Störche immer wieder ablösten, trotzdem sei der Hunger der Alten damit kaum auf Dauer zu stillen. Und vor Allem im Sommer, wenn die Störche bei den bleichen hellhäutigen Verstorbenen weit im Norden lebten, könnten Sie ja gar keine Nahrung bringen.
Denn gerade auch diese Bleichgesichter im Land des Todes wollten ja ebenfalls für all die Nachrichten an Ihre lebenden schwarzen Verwandten im Süden durch diese und allerlei andere gekochte Leckerbissen auf gemuntert werden, so dass die Störche immer unermüdlich zu fliegen hätten.
Und sie müssten diesen Flug ins Land des Todes und zurück doch auch regelmäßig machen, damit die Bozo auch immer wüssten, was denn Ihre toten Verwandten im hohen Norden so zu erzählen hätten. Nein – so könne das nicht weitergehen. Aber sie könnten ja versuchen, für die im Nigerdelta lebenden Alten ein wenig vom Feuer des Sonnenbettes zu stibitzen . Damit könnten sich die Bozo-dörfer selbst ihre Nahrung zu bereiten und wären auf ewig dem Problem des Hungers entledigt. Das sei zwar sehr gefährlich, aber ihnen sei ja klar, dass die Alten sonst nicht mehr lange zu leben hätten und bald schon nach Norden ins Land der Toten aufbrechen müssten.
Freudig stimmten also die Alten zu und unverzüglich machten sich die Störche auf den Weg zum glühenden Bett der Sonne. Es dauerte eine Ewigkeit und die Jungen Störche im Nest schrieen schon vor Hunger, als die Altvögel ermattet von den unendlichen Gefahren und Strapazen wieder zurück kamen. Ganz vorn im Schnabel, weit weg vom Körper, vorsichtig gehalten wie mit den langen Zangen der Schmiede hielten sie alle ein winziges Stückchen Glut . Dieses ließen sie in ein altes nicht mehr benötigtes Nest hinein fallen, welches sofort lichterloh Feuer fing. Feuer, dieses wunderbare Zaubermittel war den Menschen endlich zum Geschenk gebracht! Nie mehr würde es Hunger geben , nie mehr würden die Menschen frieren müssen!
Aber womit war dieses Geschenk denn erkauft worden? Wie sahen denn die Boten aus, die dieses gefährliche Unterfangen hinter sich gebracht hatten? Erbärmlich anzusehen waren die sonst so edel wirkenden Störche: Da war das ehemals unfehlbare Weiß des schwanengleichen Körpers übersäht mit schwarzen Brandflecken, manche der Vögel, die Schwarzstörche waren verbrannt bis auf die Knochen und die Beine waren durch das Herumwaten in der Glut auch jetzt noch in rotem Feuer brennend. Der Schnabel, der tapfer das Glutstück gehalten, war über die gesamte Länge nur mehr eine stark gerötete Brandwunde geworden. Oh ihr Armen! dachten da die Bozo: Was habt Ihr erduldet? Aber aus den verletzten Kehlen war nur mehr ein tonloses Klappern zu hören. Oh Ihr Heldenmütigen! Welch unsägliche Qualen habt ihr für uns erduldet, um uns das Feuer zu bringen. Nie mehr wird jemand aus unserem Stamme einen von Euch zur Mittagsmahlzeit bestimmen.
Unsere Sänger und Griots werden Euch loben bis an Ende der Tage und von Eurem Heldenmut erzählen.
Den Störchen andererseits kehrte nie mehr Ihre wundervolle Sängerstimme zurück, die so Wundersames aus dem Land der bleichen Toten im Norden berichtet hatte.

Im Haus der Kulturen in Diedorf ist in Zusammenarbeit mit dem Landesverband für Vogelschutz, dem internationalen Maskenmuseum und einigen privaten Fotografen eine Ausstellung über die Diedorfer Störche, den Storchenflug und die Sichtweise von Zugvögeln in anderen Kulturen zu sehen. Voranmeldung für Besichtigungen werktags ab 17.00 über 08238/60245 oder die Gemeinde Diedorf (Herr May) 08238320426

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