Woher die „Wilden Männer“ kommen

Sankt Onofrio in der Unterkirche von Jelsi, Camposanto in Mittelitalien und..... Maria Magdalena, hier aber züchtig bekleidet
 
Der Bär von Jelsi, Mutter Julia Stöhr und Sophia
 
wilder Mann aus dem spätmittelalterlichen Schembartbuch aus Nürnberg
 
Partnerin des wilden Mannes im Schembartbuch
„In fremden Kulturen kann man viel über das eigene Wesen und die Geschichte der eigen Kultur Erfahrung bringen“ Diesen Leitsatz würden wir uns am Haus der Kulturen gern als Sinn unserer Arbeit setzen.

Bei der Suche nach traditionellen Maskenbräuchen in der Basilikata und Molise wurde ich in Jelsi bei Campobasso in der Mitte Italiens vom dort zuständigen Kulturreferenten auf eine Unterkirche in der Burg aufmerksam gemacht. In den gotischen Fresken verwies er mich auf einen über und über behaarten Heiligen St. Onofrio, der mir sonst anderswo noch nie begegnet war. Er schilderte in mir als einen der östlichen Wüstenheiligen aus der Frühzeit des Christentums, der wie andere Eremiten, die Ruhe abgelegener Orte zur religiösen Selbstfindung genutzt hatte. Ich verwies meinen neuen Bekannten auf die Ähnlichkeit, die dieser wildbehaarte fromme Mann auch zu den Darstellungen von Johannes dem Täufer hatte, mit dem ich ihn anfangs auch verwechselt hatte. Scherzhafterweise stellte ich auch Ähnlichkeiten zu dem Bärenkostüm her, das der Kulturreferent der Stadt bei dem Ritual des Wintervertreibens tragen musste, um von den maskierten Jägern der Dorfgemeinde dann nach altem Brauch erlegt zu werden.

Hierauf ging der Brauchtumsträger auch sofort gerne ein und bestätigte, dass er zwar unter einem Bärenkostüm gejagt würde, dass der Name Gli ors, Uors, und nicht urso, in der Sprache der Gegend den Wilden, das Biest und das Monster aus Wald bedeuten würde. In gleicher Weise seien ja auch die Maskierungen der Mamoiada in vielen Teilen Sardiniens zu verstehen. Manche der Dörfer dort würden also ja auch ihre maskierte Abordnung so die Gli Urtzu nach Jelsi schicken , um dem Fest einen größeren touristischen Wirkkreis zu verschaffen. Die „Wilden“ aus Sardinien tragen mancherorts schwarze kultiviert abstrakte Holzmasken, anderenorts aber nur die blutigen über den Kopf gezogenen rohen Felle von Wildschwein und Hirsch. Frühe Jagdkulte in die Neuzeit hinüber gerettet, erscheinen hier ebenso wie im benachbarten Castelnuovo del Volturno im öffentlichen Kulttheater.

Dieses kultische Brauchtum , bei dem das starke wilde Tier rituell getötet wird, durchzieht das Winter- und Fasnachtsbrauchtum vieler europäischer Gemeinden. Auch z.B. in Tramin in Südtirol werden die hier eher gemütlich wirkenden Klapperköpfe der „Wudelen“ von Jäger und Metzger nieder gemetzelt. Es gibt immer Sieger und Verlierer in unserem weltweiten Kultspiel, aber gibt es auch Gut und Böse? Verlierer sind letztendlich immer die Wilden, die zunächst die Oberhand bekommen hatten. Sympatieträger sind sie allemal aufmümpfig und selbstbestimmt, bis sie die Ordnung des sozialen Gefüges zerdrückt oder zurück in den Rahmen presst.

Haben wir hier ein Gleichnis für die Sozialisation des Menschen? Eine Parabel für den Kampf von Gut und Böse in unserer Brust? Eine symbolische Erinnerung an die Kultivierung der Natur, deren unkultivierte Form der wilden Landschaft: engl. landscape , das Wort escape- flüchten enthält und das Gegenteil zum bearbeiteten Feld ums heimatlich sichere Haus herum darstellt? " "Machet Euch die Erde (die Natur) untertan", heisst es in der Bibel. Ist der wilde Mann die den Menschen bedrohende Natur?
Eine Erinnerung an den Greenman der keltischen Mythologie, das Gerüst aus Weidenzweigen, in dem am Feuerfest schreiende Opfer bei lebendigem Leib verbrannt wurden? Oder Groteske aus Blattwerk und Menschengesicht, wie in manieristischer Bauplastik?

Aber zurück vom Bär zum Heiligen:
Das Ablegen kultureller Errungenschaften wie den Kleidern, die Ablehnung der Rasur zum Zügeln der Haare, weniger aus Protest, wie bei uns zur Zeit der Hippi-bewegung, mehr aus Verachtung der materiellen Kultur, der unnötigen Pflege des Körperlichen statt geistiger Zielsetzungen, das definiert den Eremiten, den Jogi und Guru in Indien, wie den Sufi und den langhaarig konservativen Juden. Körperpflege ist Zeitverschwendung. Fehlende Körperpflege und Verzicht auf Haarschnitt führt das Aussehen des Menschen aber auch zurück zu den Wurzeln. Natürlich stellen wir uns den frühen Menschen, Adam oder den ersten in der jüdischen Kabbala erwähnten Menschen, den Golem aus Lehm, nicht in modischem Anzug , perfekt und glattrasiert vor.

Der wild Behaarte ist ursprünglich so wie Enkidu, der erste Mensch, der im Gilgamesch-epos in Harmonie mit der Natur und als Bruder der Tiere geschaffen wird. In Gegensatz zur in späterer Form bekannten Geschichte von Adam, der von der Frau zu scheinbar sozial unverträglichem Querverhalten, autoritärem Ungehorsam, angeleitet wird, lernt Enkidu durch die Liebe der Frau sich zu sozialisieren und verliert dadurch die Harmonie zur Natur. Ganz anders erzählt wird die Geschichte von Adam und seiner ersten Frau Lilith, die in dieser ersten Bibelversion noch näher am Gilgamesch-epos steht und bemerkenswerterweise freilich auch gleichberechtigt auftritt. Enkidu wird von Gilgamesch dem Tyrannen und dem Tribunal der Götter getötet und wieder wie der Golem zu Lehm. Wie Orpheus wird er in die Unterwelt geschickt und muss zurückgekehrt davon berichten.

Anders verfährt der Mythos dagegen meist mit anderen männlichen Gotthelden, die neben den Göttinnen des Typus „ Magna mater“ auftreten. In den Kulten der großen Mutter wie Astarte, Ischtar, Demeter und auch sogar Isis, wurde in jährlichem Zyklus der meist älteren Priesterin, die im Kultspiel die große Mutter verkörperte, ein jugendlicher männlicher Liebhaber zugeteilt, der nach seiner Aufgabenerfüllung, getötet und oft sogar zerrissen und an Tiere verfüttert wurde und im Glauben dann in Form eines starken wilden Tieres wie Stier, Bär , Hirsch oder Wolf wieder geboren werden konnte. Dionysos, Orpheus und Osiris sind hier bekannte mythische Beispiele.

Mündliche Erzählungen, der Mythos eben, verändert Geschichten laufend ein wenig, Neben inhaltlicher Variation findet natürlich auch eine regionale Verbreitung und Veränderung statt. Es wird also nicht abgeschrieben so wie in heutigen Zeiten also „gegutenbergt“, sondern von Region zu Region Zeitspanne zu Zeitspanne laufend und schließlich wesentlich im Ablauf und Inhalt der Geschichte verändert, während einzelne wesentliche Beziehungen oft ähnlich verbleiben. Während sich bis zur indoeuropäischen Wanderung in den friedvollen Ackerbaukulturen des Matriarchats und Mutterkultes früher wohl Schöpfungsgeschichten zentral um die große Mutter und viele andere regionale Gottheiten gruppierten, erfolgt danach die politisch effektivere Offensive unter einem Gott. Shiwa, Mitras, der sich lokal ausbreitende Sonnengott Persiens, ebenso wie Aton, der von Echnaton zur Festigung von Religion und Staat eingeführt wurde, ebenso wie der grimmige und wild bestrafende Gott des alten Judentums, wohl auch der patriarchale Herrschergott Allah, machen klare und unbeugsame Gesetze und Bestrafungen, ja auch gewaltsame Missionierung Andersgläubiger möglich.

Wie es scheint, war aber während des Beginns unserer Zeitrechnung, zu Zeiten des legendären Jesus unter vielen Menschen Unmut gegen die religiöse und patriarchale Unterdrückung wach geworden. So wurde wohl versucht, religiöse Ansichten aus anderen Kulturen mit zu beleben und den weiblichen Aspekt der Schöpfung wieder in Reminescenz zu den Mutterkulten mit ein zu bauen. Wie es scheint, versucht Johannes der Täufer, der die Taufe im Wasser aus dem Mithraskult übernommen hat, auch die Frauen stärker mit ein zu beziehen. Er bricht aus dem religiösen und sozialen Gesetzeskomplex aus, wird zum jungen „Wilden“, sigmatisch als behaarter kulturloser Outsider.

Ebenso scheint auch die ursprüngliche Idee in der Intention des Menschen Jesus gewesen zu sein, durch die Beziehung zu einem zumindest gleichberechtigten weiblichen Konterpart, Maria Magdalena eine chymische Hochzeit des Mutterkultes in die veränderte alte oder neue Religion hinein zu bringen. Das solche Gedanken hier nicht fremd sind, zeigt uns das verschollene, weil womöglich weggesperrte Evangelium der Maria Magdalena und die sich später in der Alchymie manifestierende Glaubensvorstellungen einer jüdisch-christlichen Urgemeinschaft. Ebenso wie Enkidu, Osiris, Orpheus oder die Satyrn wird Christus getötet, geschunden und geht in die Unterwelt, um davon baldigst mit neuem Wissen zurück zu kehren.

Im Gegensatz zu seinen Vorläufern bleibt Christus, glaubt man den anderen Evangelien, die ja wieder von Männern, von in bravem patriarchalen Gehorsam erzogenen Juden, geschriebenen wurden, aber völlig conform mit der Gesellschaftsordnung. Er fügt sich der patriarchalen Ordnung, stirbt zivilisiert und nicht wie Enkidu als Tier. Auch erscheint er nicht mehr wiedergeboren in der Schöpfung, sondern verlässt diese um über Allem zu tronen und zu richten... zurück an der Seite des alten grimmigen Gottes der Juden.

Anders aber Magdalena: Als typisches Attribut der spätgotischen Bildschnitzer wie Riemenschneider und Veit Stoss bekommt sie ein Gewand aus langem Haar. Begründet erscheint dies aus ihrer rituellen Aufgabe in den anderen Evangelien, damit die Füsse Jesu abtrocknen zu müssen. Betrachtet man die Schnitzarbeit Riemenschneiders und die Holzschnitte anderer spätmittelalterlicher Künstler näher, so muss man die echte Fleissarbeit in der Gestaltung eines scheinbaren“ Gesamtkörperfelles“aber besonders bewunders. Die soziale Ausbrecherin, die“ Hure“ Magdalena wird zur „wilden Frau“, zum behaarten weiblichen Tier. Tatsächlich, also gar nicht unpassend, tritt sie damit dann auch als bildhaft ähnliche Gesprächspartnerin in unserer eingangs erwähnten Kapelle in Jelsi, in Mittelitalien, auf.
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