20. "Literarisches Quartett" in Diedorf - kurzweilig und kompetent

Die ReferentInnen des 20. "Literarischen Quartetts"
 
Herr Dr. Götz und "1913"
 
Frau Dr. Maier
 
Herr Dr. Schnell
 
Frau Dr. Bartl und Herr Dr. Götz
Diedorf: Bürgersaal Lettenbach | Am 8. Oktober 2013 tagte zum 20. Mal das „Literarische Quartett“ der Buchecke Diedorf im Rahmen der 11. Diedorfer Kulturtage im Bürgersaal Lettenbach.
Anlässlich der Internationalen Buchmesse in Frankfurt wurden von den beliebten ReferentInnen vier Bücher aus der großen Zahl der Neuerscheinungen vorgestellt und gewohnt kurzweilig und kompetent besprochen.
Bürgermeister Otto Völk begrüßte im ausverkauften Bürgersaal die in Erwartung eines interessanten Abends gut gelaunten Gäste, darunter auch Herrn Kurt Idrizovic von der „Buchhandlung am Obstmarkt“, der für seine Projekte zur Leseförderung mit dem Augsburger City-Preis ausgezeichnet wurde. Herr Völk bedankte sich herzlich bei den Organisatorinnen des „Literarischen Quartetts“, den Inhaberinnen der Buchecke Diedorf, die mit ihrer Buchhandlung seit 20 Jahren das kulturelle Leben Diedorfs und des westlichen Landkreises prägen.
Die Hauptpersonen des Abends waren natürlich die ReferentInnen des „Literarischen Quartetts“:
Frau Prof. Dr. Andrea Bartl, Frau Dr. Susanne Maier, Herr Dr. Martin Schnell und
besonders erwähnt wurde Herr Prof. Dr. Dieter Götz, der Herrn Völks Werdegang als Diedorfer Gemeinderat und Bürgermeister von Anbeginn begleitete und ihm ein guter Freund ist.
Herr Dr. Götz startete dann auch mit einer launigen Einleitung, bezugnehmend auf die Eigenheit der Diedorfer Bürger, die gerne zu Beginn einer Veranstaltung fragen „Isch dr Otto ooo do?“ – wenn der Bürgermeister anwesend ist, wird es eine gute Veranstaltung! – in den Abend.

Herr Dr. Götz begann mit der Vorstellung des Buches
„1913“ von Florian Illies
Eine kurze Erläuterung zu Autor und Buch:

Florian Illies studierte Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Bonn und Oxford. Er arbeitete unter anderem als Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bekannt wurde Illies besonders durch seinen Bestseller "Generation Golf" (2000), in dem er ein kritisches Bild seiner eigenen, um 1970 geborenen Generation entwirft.
2012 erschien der Bestseller „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“.

1913: Es ist das eine Jahr, in dem unsere Gegenwart begann. In Literatur, Kunst und Musik werden die Extreme ausgereizt, als gäbe es kein Morgen. Zwischen Paris und Moskau, zwischen London, Berlin und Venedig begegnen wir zahllosen Künstlern, deren Schaffen unsere Welt auf Dauer prägte. Man kokst, trinkt, ätzt, hasst, schreibt, malt, zieht sich gegenseitig an und stößt sich ab, liebt und verflucht sich.

„1913“ ist ein Buch, das von den ReferentInnen durchaus sehr gerne gelesen wurde. Dr. Götz sieht es als ein „unterhaltsames Buch, voll mit Anekdoten, immer wieder zum Lachen anregend“. Ihm kam allerdings die Perspektive der Politiker, Wissenschaftler und Militärs etwas zu kurz, es sei ein wenig zu sehr auf Autoren, Musiker und Maler beschränkt.
Frau Dr. Bartl gefällt die Idee des Buches sehr gut, findet es aber schade, dass sehr viele Klischees bedient werden und fällt ein doch recht hartes Urteil „oberflächlich“ und „Bildzeitung für Intellektuelle“ – das von Herrn Dr. Schnell geteilt wird :„Es geht doch nichts über eine gesunde Halbbildung“ und „Fast Food für Halbgebildete“ waren seine Worte.
Dem widersprach Frau Dr. Maier, da sie viele wichtige Persönlichkeiten des Jahres 1913 mit Leben gefüllt fand, Herr Illies habe einige „wichtige Leute“ liebevoll, raffiniert und humorig von ihrem Podest gestoßen, z.B. indem er Franz Kafka als „beziehungsunfähigen Trottel“ beschreibt. Außerdem würde es anregen, sich über die Charaktere und Personen, die im Buch ihren Platz finden, näher zu informieren.
Insgesamt hätte man sich von einem Buch über das Jahr 1913 in Anbetracht des kommenden Krieges mehr Tiefgang erwartet, es finden sich nur einige wenige Hinweise auf „apokalyptische Visionen“.

Das zweite Buch, „Er ist wieder da“ von Timur Vermes wurde von Frau Dr. Bartl vorgestellt:

Der Autor Vermes wurde 1967 in Nürnberg geboren. Nach dem Abitur studierte er in Erlangen Geschichte und Politik. Seither ist er als Journalist für Boulevardzeitungen wie die Münchner Abendzeitung oder den Kölner Express sowie verschiedene Magazine tätig, schreibt als Ghostwriter Bücher. 2012 veröffentlichte er unter dem Titel „Er ist wieder da“ seinen Debütroman.

Es ist Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandet der „Gröfaz“ in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere - im Fernsehen.

„Er ist wieder da“ – Frau Dr. Bartl bezeichnet das Buch schlichtweg als „banal“, eine Kerbe, in die auch Herr Dr. Schnell schlägt mit „extrem plump, nichtssagend bis grauenhaft“, ebenso Frau Dr. Maier, die auf den Titel des Buches mit „Ja, und ich bin dann mal weg“ antwortet.
Herr Dr. Götz konnte dem Buch allerdings doch etwas Positives abgewinnen: einige Stellen hätten ihn höchst amüsiert, wären beste Satire. Als Beispiel nannte er die Passage, als Hitler den Fernseher ausgerechnet von einer türkischen Putzfrau erklärt bekommt, oder als er sich freut, dass das große Nachschlagewerk des Internets „Wikipedia“ heißt, natürlich nach dem Forschergeist des germanischen Stammes der Wikinger. Dass das Buch zwischenzeitlich langweilig ist, in den Klamauk abgleitet und auf ein „Niveau des Mario Barth“ (Frau Dr. Bartl) sinkt, kommentierte Herr Dr. Götz mit einem durchaus ernst gemeinten „Ihr müsst halt schneller lesen!“.
Einig waren sich die ReferentInnen, dass an einigen Stellen des Buches der „alltägliche Rassismus“ unserer Gesellschaft deutlich gemacht werde, ebenso wie die Gefahr, die nach wie vor von geschickter Propaganda ausgehe.
Die Frage, weshalb das Buch auf der Bestsellerliste steht, konnte allerdings nicht endgültig geklärt werden, möglicherweise handle es sich um einen „Selbstläufer“, der in das allgemeine Phänomen „Hitlerismus“ passt.

Damit ging es in die Pause, während der die Gäste die leckeren Häppchen der Metzgerei Kruis genießen konnten, über das Gehörte diskutierten und bei einem Glas Sekt oder Mineralwasser durch die vorgestellten Bücher blätterten.

Anschließend besprach Frau Dr. Maier das Buch:
„Wann wird es endlich so, wie es nie war“ von Joachim Meyerhoff.
Der Autor und Schauspieler Meyerhoff erwarb seine Ausbildung in München. Seit September 2005 ist er Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Ab der Saison 2013 kehrt er zurück ans Deutsche Schauspielhaus.
Meyerhoff erhielt für seinen Roman „Alle Toten fliegen hoch. Amerika 2011“ den Franz-Tumler-Literaturpreis sowie 2012 den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis.
2013 erschien „Wann wird es endlich so, wie es nie war“, als autobiographischer Roman:

Ist das normal? Zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzuwachsen? Der junge Held in Joachim Meyerhoffs zweitem Roman kennt es nicht anders – und mag es sogar sehr. Sein Vater leitet eine Anstalt mit über 1.200 Patienten, verschwindet zu Hause aber in seinem Lesesessel. Seine Mutter organisiert den Alltag, hadert aber mit ihrer Rolle. Seine Brüder widmen sich hingebungsvoll ihren Hobbys, haben für ihn aber nur Häme übrig. Und er selbst tut sich schwer mit den Buchstaben und wird immer wieder von diesem großen Zorn gepackt.

Frau Dr. Maier zeigte sich von Anfang an von diesem Buch begeistert, was schon im „fulminanten Beginn“ begründet liegt. In „pointenreichen Episoden“ werde der normale Wahnsinn einer nicht ganz normalen Familie erzählt. Als roter Faden ziehe sich die Erkenntnis „Erfinden heißt Erinnern“ durch das autobiographische Werk. Die „Insassen“ der Anstalt werden liebevoll porträtiert, die Vater-Sohn-Beziehung herausgestellt, und die Konflikte unter den Brüdern illusionslos beschrieben.
Allerdings hätte sich Frau Dr. Maier mehr Spannung und weniger „Geschwätzigkeit“ gewünscht.
Frau Dr. Bartl fand das Buch beeindruckend, sieht es allerdings mehr als Theaterstück, die Kapitel als einzelne Szenen eines Werkes, gelegentlich an Sketche erinnernd, manchmal sogar slapstickähnlich inszeniert.
Herr Dr. Schnell empfindet dieses „episodenhafte“ als etwas störend, konnte sich jedoch als Zeitgenosse des Autors mit ähnlicher Familienkonstellation (zwei Brüder) noch ganz gut hineinfinden. Erfreulich findet er das völlige Absehen von „politischer Korrektheit“ im Sprachgebrauch, die „Insassen“ werden auch kurzerhand mal als „Spackos“ bezeichnet!
Herr Dr. Götz möchte das Buch eher als „biographische Skizzen“ denn als „Roman“ bezeichnet wissen – oder gar als „getarntes Sachbuch über eine normale Familie“. Die Geschichten seien teils wunderbar erzählt, und die Grenze zwischen „normal“ und „irre“ würde verfließen, denn z.B. auch die Mutter habe „schwere psychische Störungen“ – denn wer würde sonst freiwillig töpfern oder zum Malen in die Toskana fahren? Das hängt alles vom Blickwinkel des Betrachters ab…

Als letztes Buch legte Herr Dr. Schnell
„Knapp am Herzen vorbei“ von J.R. Moehringer vor:
John Joseph "J. R." Moehringer ist ein US-amerikanischer Journalist und Buchautor.
Nach seinem Studium an der Yale University arbeitete er als Reporter u.a. für die Rocky Mountain News und schreibt als Korrespondent für die Los Angeles Times.
Im Jahr 2000 wurde Moehringer für eine Reportage über die Kleinstadt Gee's Bend (Alabama) mit dem Pulitzer-Preis für Fachjournalismus ausgezeichnet. Sein literarisches Debüt gab er 2005 mit dem autobiographischen Roman „Tender Bar“, mit dem ihm ein internationaler Bestseller gelang.
2012 erschien sein Roman „Knapp am Herz vorbei“ über den populären amerikanischen Bankräuber Willie Sutton (1901 - 1980).
New York, Weihnachten 1969. Willie Sutton packt seine Bücher ein und räumt die Zelle. Endlich Freiheit. Nach siebzehn Jahren. Mit einem Fotografen und einem Reporter fährt er durch das verschneite New York auf den Spuren seiner legendären Vergangenheit: Die Kindheit im irischen Viertel, der erste Raub, dann 200 Banküberfälle, ohne je einen einzigen Schuss abzufeuern - und immer wieder Bess, die ihm das Herz brach.

Herr Dr. Schnell wies darauf hin, dass das Buch auf reinen Vermutungen basiere. Der Bankräuber Sutton habe selbst 2 Autobiographien verfasst, die sich in wesentlichen Punkten widersprächen, also sei „Knapp am Herzen vorbei“ ein Buch, das keinesfalls nach seinem Wahrheitsgehalt beurteilt werden dürfe. Man könne allerdings annehmen, dass „Sutton’s Law“ (suche das Offensichtliche) tatsächlich auf Sutton zurückgehe, der auf die Frage, warum er denn Banken ausraube geantwortet haben soll „Weil da das Geld liegt“ – offensichtlich.
Herr Dr. Götz, der „völlig vorurteilsfrei“ an das Buch hingegangen ist und es eigentlich gar nicht lesen wollte, fand es am Ende nur gut. Insbesondere gefiel ihm die subtile Abrechnung mit dem „American Dream“, da hier der arme irische Einwanderersohn nicht als Millionär, sondern als ewig scheiternder Bankräuber endet. Diese Ehrlichkeit finde man selten.
Frau Dr. Bartl zeigte sich schlichtweg begeistert: Das Buch sei eine Liebesgeschichte, ein Abenteuer à la Panzerknacker, die Geschichte einer berührenden Jugend, und es gäbe den „Mega-Clou“ zum Schluss.
Frau Dr. Maier bezeichnete sich angesichts der rückhaltlosen Begeisterung der anderen als „Spaßbremse“, da ihr das Buch zu lang und zu „amerikanisch pathetisch“ ist. Sie sieht zu viele Klischees bedient, unter anderem das des „hooker with the golden heart“, und der Sprachgebrauch erinnert sie an „Humphry Bogart nach dem 7. Schlaganfall“.

Abschließend stellten die ReferentInnen fest, dass es bei allen Büchern des Abends im Grunde um die gleichen Fragen geht: Was ist Wahrheit, was ist Wirklichkeit, was ist Normalität?

Im Anschluss gab es wieder die beliebten Buchempfehlungen der ReferentInnen:
Frau Dr. Maiers Lieblingsbuch des Jahres 2013 ist „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green.
Herr Dr. Schnell empfahl „Boy – Schönes und Schreckliches aus meiner Kinderzeit“ von Roald Dahl,
Frau Dr. Bartl legte dem Publikum das Buch „Sand“ von Wolfgang Herrndorf ans Herz, und
Herr Dr. Götz benannte „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson als sehr lesenswert.

Frau Schmidt-Baier von der Buchecke sprach noch ein herzliches „Dankeschön“ aus und lud die Gäste zu den weiteren Veranstaltungen des Literatur-Herbstes, insbesondere die Jugend zum „Jungen Literarischen Quartett“, ein.

Weitere Informationen und Veranstaltungshinweise gibt es in der Buchecke Diedorf .
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin neusässer | Erschienen am 02.11.2013
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