Mit einem Schälchen Milch auf Weltreise.

1. Ein Schälchen Milch für den Klabautermann (?)
 
2. Ein Milchtopf aus Afghanistan mit Widderkopfgriff
 
3. Kalebassen aus Südäthiopien zum Mischen von Milch und Blut
 
4. Krishna - als Kind oder Löwe ziert die Butterlampe
Diedorf: haus der kulturen | Was so ein Schälchen so Alles zu erzählen hat?
Fastenzeit!
Da könnte ich jetzt anfangen: Die überwiegende Menge der Menschen hat nicht genug zu essen und wir?
oder: Fasten ist für jeden am Ende des Winters eine Wiederbelebung der Urerfahrung im Winter hungern zu müssen.
oder einfach : Fasten ist gesund!
Oder Ich erzähle Ihnen einfach, was mir da neulich beim "Schutteln" so in die Finger und in den Kopf gekommen ist.
Bei unserem Haus der Kulturen in Diedorf bei Augsburg geht’s gerade staubig zu: Um die Brandschutznorm zu erfüllen, müssen die Leerböden des alten Bauernhauses von der alten isolierenden Getreidespreu gereinigt und durch Steinwolle ersetzt werden. Brandschutzböden kommen drüber und dann wieder die uralten ausgelatschten Holzbohlen drauf, damit sich rein äusserlich nichts ändert: Wir wollen in unseren Ausstellungen doch unser altes heimisches Brauchtum mit den Kulten anderer Länder und modernem Kunst- und Zeitgeist in Dialog bringen und so eben nicht einfach Altes durch Neues ersetzen. Denn auch die Baumeister vor gut 100 Jahren, so alt ist unser Gebäude nämlich, wussten sehr wohl, wie sie in Zeiten großen Sparens im ersten Weltkrieg fast genauso gute Brandschutzböden anlegen konnten wie die Platten ,die wir verlegen müssen: sie haben einfach auf eine Bretterschicht im Zwischenboden eine Lehmschicht aufgestrichen, die sie direkt vor dem Haus unter der Gartenerde hervorgeholt haben.

1.Davon will ich aber gar nicht so viel erzählen. Wie gesagt staubig gings zu`, und wie sich beim Freilegen der Deckenschicht von der alten Spreu dann der Staub endlich wieder gelegt hat, da stand es so plötzlich vor mir, scheinbar über Hundert Jahre mitten im Leerboden vergessen und niemals mehr berührt: Ein Schälchen in dieser schlichten Bauernkeramik, die man eben am Ende des 19. Und auch noch zu Beginn des 20.Jhdts. überall auf dem schwäbischen Lande als tieferen Teller für flüssige Nahrung eben so hatte. Unten am Schalenboden war wohl die letzte Füllung eingetrocknet, war in muschelförmigen Schalen wie der Lehm eines trockenen Flussbettes abgeplatzt. Hatte da jemand das Milchschälchen für die mäusefangende Katze mitten in den Leerboden hinein gestellt? Aber wie konnte das sein, der Boden war ja hermetisch mit Brettern über ein ganzes Jahrhundert vernagelt gewesen? Verdreckt war das Schälchen natürlich und so konnte ich seine schlichte Eleganz erst nach gründlichem Abwaschen geniesen. Innen diese gelblich grüne, Eisen gefärbte Salzglasur, aussen der nackte rote Ton. Rund war es ja wirklich nicht geworden beim Drehen, oder hatte der Töpfer am Feierabend vielleicht dieses Schälchen weg von der Drehscheibe ein wenig unsacht ins Trockenregal gestellt: endlich Feierabend! Auch ich hatte genug von all dem Dreck und wollte es für heute meinem imaginären Töpfer nach machen. Doch immer wieder, so mögen es mir verzeihen, kam mir mein heute entdecktes Jahrhundertrelikt immer und immer wieder in den Sinn: Was hatte es mit diesem Schälchen Milch, das ein mir Unbekannter vor fast genau 100 Jahren einfach in den Leerboden des Dachgeschosses eingemauert hatte, denn auf sich, für wen war es bestimmt gewesen, sicher so einfach die Erklärung gewesen wäre nicht für die Katze, weil die kam ja nicht ran an die wohlschmeckende Flüssigkeit. Gab es vielleicht einen mir unbekannten Trankopferkult, einen seltsamen Brauch der Zimmerleute beim Richtfest, der diese Milchspende an den Genius Loci, an die Ahnen oder die guten Geister des Hauses hier deponiert hatte. Waren die guten Geister vielleicht die Heinzelmännchen, von denen erzählt wird, dass sie fleissig und unsichtbar für den Hausherrn tätig sind, wenn man ihnen nur immer ein paar Leckereien aus der Speisekammer gönnt. Oder war es gar ein rühriger Klaubautermann, ein Poltergeist und Kobold, der mit einem Schälchen Milch besänftigt werden sollte. Wer kann mir weiterhelfen?

2.Nun vor lauter Hin- und Hergrübeln hätte ich jetzt fast vergessen, dass ich mich ja mit unseren neuen dunkelhäutigen Diedorfer Mitbürger treffen wollte, die allesamt trotz ihrer schlimmen im Einzelschicksal so verschiedenen Vergangenheit und ihres kulturellen Hintergrundes, meist ganz lustige freundliche und hilfsbereite Wesen und für Alles sehr aufgeschlossen sind. So haben wir ja jetzt in Diedorf nicht nur ein Museum:“ Haus der Kulturen“, das ja , wie Sie gelesen haben, zur Zeit wirklich besonders angestaubt ist, sondern auch zwei ehemalige Gasthäuser am Bahnhof, die es genauso oder gar noch mehr verdienen: Haus der Kulturen genannt zu werden. Neulich hatte ich Ihnen als Willkommensgabe ein wenig Lebensmittel vom Afrikashop mit gebracht, ohne die man kein afrikanisches Essen kochen kann, und auch gefragt, ob sie denn auch Schüsseln und Geschirr hätten.

Eher scherzhaft , aber doch mit wehmütiger Erinnerung hat da einer der 15, hellhäutig, ein Paschtune, der aus Afganisthan kommt, gesagt , das einzige, was er an Heimat mitnehmen konnte, sei eine hölzerne Schale gewesen und eben diese Schale durfte ich mir heute Abend anschauen: es war so eine Art Schöpfkelle. Wie es schien mit langem Griff, doch nein das war der Ausgussschnabel. Der Griff war an der andere Seite klein, wie bei einer Tasse, und wenn man´s genau besah, war da ganz versteckt ein Widderhorn und ein Auge pro Seite an diesem Griff zu sehen. Man gießt mit dieser niedrigen Kanne von der gestockten Milch die Molke in den Tee. Das Fett, der Schafsmilch, sei zum Trinken viel zu schade. Darum also der Widderkopf. Viel auffälliger als dieses so stark abstrahierte kleine Widderköpfchen, das man fast nicht mehr als solches erkennen konnte, war das großartige großzügige ganz abstrahierte Zickzackmuster, ein Symbol für Wasser. Ob denn, wie in allen anderen islamischen Ländern, es nicht verboten sei, Abbildungen von Tier oder gar Mensch an zu fertigen, wollte ich wissen. Bekannt war ja, dass die besonders extrem islamistisch orientierten Taliban, sogar die großen alten Buddhastatuen des Gandharatales im Norden seiner Heimat gedankenlos einfach gesprengt hatten. Bekannt aber ja auch, dass vor dem Auftreten des Islam bis zum 8. Jhdt. lebendige Tierplastiken im alten Nuristan vom Nomaden- und Tierzüchtern angefertigt wurden.
Der Widder war ob seiner auffällig spiralförmig gedrehten Hörner oft ein Sinnbild für Kraft und Ausdauer, für das im kühlen Wasser mit seinen Strudeln Verborgene , das Göttliche und trat immer wieder mit Religionen in Kontrast, die den Stier, der sogar die glühende Sonne zwischen den Hörnern tragen konnte, verehrten. Bekanntestes Beispiel für einen Religionskonflikt zwischen Widder(Amun)- und Stierkult(Aton) ist ja übrigens in Ägypten die Geschichte von Tutench-amun und seinem Vater Echn-aton. Herrlich schön war diese hölzerne Schalenkanne ohnemal. Sie fühlte sich ein wenig fettig an und roch intensiv nach den Schafen im weit, weit entfernten Gehöft, nicht direkt unangenehm aber dennoch intensiv nach ranziger Milch, Schweiß, Arbeit, nach der Heimat unseres Paschtunen.

3. Vor genau einem Jahr zu Ostern waren wir unterwegs im Süden Äthiopiens ganz nahe am Südsudan , einem anderen Krisenherd auf dieser Welt. Einer unserer hier in Diedorf Heimat und Hilfe suchenden neuen Mitbürger kommt aus dieser Region, aus Dafur.
Von den Harare haben wir dort eine lange schlanke Kalebasse erstanden, die, wenn ich mich erinnere, auch diesen Geruch von abgestandener säuerlicher Milch mit genommen hat. Damit die jungen Burschen bei ihrer Initiationsfeier genug Kraft aufbringen können, ernähren sie sich während des gesammten Jahres davor nur von Milch und…. Blut, das sie durch einen Pfeilschuss aus der Halsvene der Rinder abzapfen. Beide Flüssigkeiten werden in der langen Kalebasse ,so lange durch Schütteln miteinander vermischt, bis das Blut stockt und die jungen Männer, die als Erwachsene natürlich keine Milch mehr trinken sollen, die nun feste und bröcklige Nahrung aus den Kalebassen essen können.
So durch Kraftnahrung auf gepäppelt, müssen die Jugendlichen an einem schon vorher näher bestimmten Tag, den Sprung über nebeneinander aufgereihte Kühe wagen. Je nach Alter und Konstitution sind so zwischen 5 und (zumindest der Sage nach) 20 Kühe zu meistern und das sowohl in einer Richtung , wie dann auch sogleich wieder zurück. Gelingt dies nicht sofort beim ersten Mal, müssen die Jugendlichen unter den verächtlichen Blicken ihrer Altersgenossen abbrechen und ein oder zwei weitere Jahre warten, bis sie soweit reif sind. Schlimm meistens auch, weil diese durch den Stiersprung unter Beweis gestellte Reife auch für die meist in diesem Zusammenhang geplante Heirat notwendig ist und sich die Erkorene oft auch schon mal dann einen erfolgreicheren Kandidaten angelt.

4. Letzte Woche hatte ich bei Ebay eine kleine Lampe aus Stein ersteigert. Eine Butterlampe aus Tibet hatte es geheissen. Vor einer Schale kniet und krabbelt eine Figur ,jugendlich, fast noch im Kindesalter. Bekannt ist dieses Motiv aus dem Hinduismus: Krishna als Kleinkind, als vergängliche Lehmplastik oft in Himmelsblau oder grün bemalt oder auch als kleine Bronzeplastik. Krishna, der von uns Hippies in den 70-ger Jahren als besonders kultig im Kontra gegen unsere christlichen Bindungen verehrt wurde (Hare Krishna, hare-hare), stellt eine der vielen Wiederverkörperungen des Hindugottes Wishnu dar . Was hat aber ein hinduistischer Gott mitten im lamaistischen auf Buddha orientierten Tibet zu suchen? Was war das denn für eine seltsame Öllampe(?)? Lampenöl in Tibet gibt es nicht. Heilige Nahrung für die Geister ist in den Lampen verbrannte Yakbutter, die für sterbliche Kehlen freilich eigentlich viel zu wertvoll ist. Nur im Tee, der den Geist für die Meditation stärkt, darf ein wenig Butter zur Kräftigung der Gedanken schwimmen. Auch Milch, die Lebenskraft für die jungen Yaks, soll sich der Mensch ja nicht zueignen. Sich allein von pflanzlicher Kost zu nähren und kein Lebewesen zu schädigen oder gar zu töten sind Kernpunkte hinduistischen wie buddhistischen Gedankengutes. Wie man es bei uns in Schwaben so sagen würde: Leben und leben lassen. Ähnlich hält es auch der Buddhismus mit den anderen Religionen und so mag wohl auch unser Krishna im Buddhistischen Kloster freien Zugang gefunden haben.
Schön, dass wir alle eigentlich die geistige Kraft haben, es mit den unterschiedlichen Kulturen all unserer Mitbürger ähnlich zu halten. Perspektivenwechsel hilft verstehen und akzeptieren.
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