Schatten über der Goldküste
Vor der Goldküste Afrikas wartet das schwarze Gold im Meer. Einige Förderplattformen locken schon mit ihren Gasfackeln und versprechen die alten Lügen. Es wird den Menschen dort nichts bringen außer Korruption, Ausbeutung und Leid. Man wird sie mit verseuchten Stränden, toten Meeren und Gewalt in der Hoffnungslosigkeit zurück lassen. Dagegen war die Kolonialzeit harmlos. Heute versklavt man sie in ihrem eigenen Zuhause. Mein Text ist auch für sie geschrieben. Doch fällt er viel zu harmlos aus.
Nachtschatten
Die Nacht ist die Angst unserer Vorfahren. Mit diesem Satz im Kopf wachte Pedro auf. Schon das Öffnen der Augen verursachte ihm Schmerzen. Wo war er? Ah ja, wie immer sonntags lag er in seiner Zelle. Die Türe öffnete sich ächzend. Ein breiter Bauch drückte sich in den Spalt. Pedro schloss schnell wieder die Augen und stellte sich schlafend.
"Beweg deinen stinkenden Kadaver!" Es dröhnte in Pedros Kopf, wenn er den fetten Dorfpolizisten plärren hörte.
"Schrei nicht so Sheriff", Pedro erhob sich unter lautem Stöhnen und blieb auf der Kante der Pritsche sitzen. Scheiß Sonntag.
"Wenn du dich das nächste Mal wieder volllaufen lässt, dann kotze gefälligst draußen und nicht über die Theke", donnerte Philipe und zog sich die Uniformhose ein Stück weiter hinauf. Sein Bauch hing über dem Koppelschloss wie ein mächtiger Berg, eingehüllt in ein ehemals beigefarbenes Diensthemd, das nur halb zugeknöpft seine schon grauen Brusthaare heraustreten ließ. Die Krawatte war längst verlorengegangen oder bei einer Rauferei zerrissen worden. Seine rechte Pranke lag auf der abgegriffenen Pistolentasche.
"Verschwinde endlich und melde dich morgen bei Mike. Der will, dass du ihm Fische ausnimmst. Sonst verlangt er, dass du die Sauerei von gestern bezahlst."
Pedro schlenderte die Straße hinunter zum Strand, vorbei am weißen Haus des Don Sebastiano, dem hier seit einiger Zeit alles gehörte. Er setzte sich auf den umgedreht am Strand liegenden alten Kahn. Jetzt im Winter ging das. Im Sommer war der schwarze Teeranstrich klebrig. Der kühle Seewind strich durch sein krauses schwarzes Haar. Mit tiefen Atemzügen versuchte er sich frisch zu machen. Was war das nur für ein Leben geworden. Früher war er zu dieser Zeit schon draußen auf dem Meer gewesen und hatte einen Teil des Nachtfangs ins Boot geholt. Jetzt lohnte es nicht mehr die Netze auszubringen. Es gab kaum noch Fische. Die paar, die noch gefangen wurden, wanderten in die Töpfe der im Dorf zurückgebliebenen Familien und in die Fischsuppe der Kneipe.
Was war das noch heute früh für ein Satz, den er da im Kopf hatte? Die Nacht ist die Angst unserer Vorfahren. Langsam fange ich an zu spinnen, dachte Pedro. Morgen werde ich also erst mal wieder Fische ausnehmen. Wenn der Mike aber meint, dass er das umsonst bekommt, dann hat er sich geschnitten. Wer weiß, wer ihm über die Theke gekotzt hat, ich bestimmt nicht. Aber ganz sicher war er sich nicht. Er musste irgendwie klar kommen, denn zu Hause hatte er nichts mehr zu essen. Wenn er schon die Fische ausnehmen sollte, dann konnte er auch anschließend ein ordentliches Essen erwarten.
Pedro stand auf, zog seine Schuhe aus und ging über den kiesigen Sand zum Wasser. Das tat gut, die kalten, kleinen Wellen an den Füßen zu spüren. Seine Hose reichte nur bis kurz über die Waden und war in den Jahren ausgebleicht und löchrig geworden. Sie hing an seiner hageren Gestalt wie die ehemals weiße Anzugjacke seines Vaters, die er über dem tief ausgeschnittenen Shirt trug. Sie war das einzige Stück, das nach seinem Tod aufhebenswert gewesen war.
Sein Vater hatte ihn früh mit hinaus genommen. Er sollte auch Fischer werden, wie alle Söhne hier. Das war schon immer so gewesen. Anfangs ruderten sie die schweren Holzkähne hinaus, die größeren hatten zwei Ruderplätze, die doppelt besetzt waren. Es erforderte schon viel Kraft und harte Hände, die schweren Riemen durch die Wellen zu ziehen. Das Boot seines Vater war klein und wurde alleine gerudert. Zwei Riemen gleichzeitig zu bedienen erforderte noch mehr Kraft. Aber sie hatten auch einen Mast und ein Segel. Das benutzten sie, wenn sie gemeinsam zum Angeln nach draußen fuhren. Für die Stellnetze lohnte es nicht Segel zu setzen. Sie fingen viel, sodass es auf der Rückfahrt hinten im Kahn silbern wimmelte und zappelte. Bis dann eines Tages die Fischkutter auftauchten. Anfangs kauften sich manche noch Außenbordmotoren, um weiter draußen zu fangen. Doch die Kosten wurden nicht gedeckt, weil die Preise verdorben waren. Dann arbeiteten sie in der Fischfabrik. Als die dicht machte, wurde es hier still, und Vater starb kurz darauf. Seine Mutter war schon früher eines Tages mit einem aus dem Büro der Fischfabrik auf und davon.
Der Wind frischte auf, und Pedro spürte die aufgehende Sonne an seinem Rücken. Heute war Sonntag und Don Sebastiano bekam sicher wieder Besuch aus der Stadt. Ihm hatte zuletzt die Fischfabrik gehört. Nach und nach hatte er alles aufgekauft, was er bekommen konnte; auch den alten Schuppen von Pedros Vater, in dem er aber weiter wohnen durfte. In der Kneipe sprach man davon, dass er irgendwann das Dorf platt machen werde, um einen Ferienclub bauen zu lassen.
Pedro wendete sich zum Dorf, blinzelte in die Sonne und ging langsam am Strand entlang zurück zum alten Kahn, zog seine Jacke aus, rollte sie zu einem Kissen zusammen und legte sich neben das Boot in den Sand. Es war das Boot seines Vaters. Ausgeleert und nutzlos lag es am Strand. Pedro fühlte sich wie sein Boot. Er wusste nicht mehr, ob es ihm noch gehörte. Nach Vaters Tod war er einige Male alleine hinausgerudert, doch meist ohne Erfolg. Die Alten hatten noch Angst, dass hier alles vor die Hunde gehen würde. Er war da angekommen. Heute war Sonntag, morgen wird es Montag sein, dann Dienstag, und dann wird es wie jeden Tag sein. Irgendwo wird er etwas für ein paar Pesos reparieren. Irgendwer wird ihn zum Bier einladen. Am Samstag wird ihn der Sheriff aus der Kneipe holen. Wovor sollte er Angst haben.
Nachtschatten
Übermächtige Schatten ziehen durch die Nacht,
nagen fressend geopferte Seelen.
Sie schlagen weiter die längst verlorene Schlacht,
wollen mit Angst noch Opfer quälen.
Was soll da noch gewonnen werden,
wo außer Angst jetzt nichts mehr ist?
Ist das die Lust, wenn Menschen sterben,
nur weil auch du gefräßig bist?
Wer nichts mehr hat, hat noch sein Leben,
das man ihm auch leicht nehmen kann.
Warum aus Angst nach Rache streben,
dann fängt die Schlacht von vorne an.
Die Tage kommen und ziehen vorbei
im Takt der eigenen Ewigkeit.
Ein Mensch, der nichts mehr hat, ist frei,
umsorgt von himmlischer Seligkeit.
Gerhard Falk
Bibelzitat:
Matthäus 6, 26 Bergpredigt:
Seht die Vögel unter dem Himmel an:
sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen,
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?




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