Zwiegespräch mit einer Ente

Es ist völlig belanglos, und ich schreibe es auch nur für mich auf. Wenn du also Wichtigeres vor hast, dann solltest du jetzt aufhören hier zu lesen. Du solltest deine Zeit nicht vergeuden. Es wird dich auch nicht interessieren, dass mir gerade und eigentlich schon immer das Gegurre der Wildtauben oben im Baum ganz mächtig auf den Geist geht. Sie sind hier beim Schlosspark-Camping in Lübbenau geschwätziger als zuhause, wo sie in einer Tanne in diesem Jahr ein Nest gebaut und ein Junges aufgezogen haben. Vielleicht sind die Tauben im Spreewald auch nur mitteilsamer, weil sie meinen, den Touristen etwas von der Schönheit dieser Auenlandschaft erzählen zu müssen.

Ganz anders sind da die Enten. Sie kommen still, schauen dich an, und wollen eigentlich nur eines: fressen! Trotzdem meinst du, wenn sie dich so aus ihren dunkelschwarzen Äuglein anschauen, dass sie dir ganz tief in deine Seele schauen. Sie spüren deinen Sinn für Nächstenliebe auf. Sie machen dir klar, dass sie deine Nächsten sind. Und natürlich erliegst du ihrem Charme, der dich machtlos macht. Du wirst mit ihnen teilen, was du noch hast, auch wenn es dein letztes Stückchen Schwarzbrot ist, das du zu den Spreewaldgurken heute Abend genießen wolltest. Du wirst dich auf deine Gurken beschränken. Außerdem ist dein Bauch sowieso viel zu dick, und du solltest schon lange eine Fastenzeit einlegen. Die kleinen Knopfaugen wissen das, und sie sagen es dir jetzt ganz unmissverständlich. Also - her mit dem Schwarzbrot!

Wir kommen dir auch entgegen. Ja, ich habe noch viele Geschwister. Wir kommen jetzt zu dir auf die Wiese. Angst kennen wir nicht, denn dein Schwarzbrot macht uns furchtlos. Natürlich geben wir dir ein gutes Gefühl, das sich immer einstellt, wenn man etwas mit Anderen teilt. Das ist dir so einprogrammiert. Du sollst gut sein! Dann fühlst du dich auch gut. Und wenn du teilst, dann bist du gut. Sei also dankbar, dass wir dir jetzt die Gelegenheit geben, gut zu sein. Warst du das schon lange nicht mehr? Schaue in meine kleinen schwarzen Augen, und dir soll alles vergeben sein. Aber nur, wenn du uns jetzt den letzten Rest deines Schwarzbrotes opferst. Die Gurken und den eingelegten Knoblauch, den Meerrettich und die Tomaten bleiben dir ja. Nur das leckere Schwarzbrot mit den großen Körnern, das wäre für uns der richtige Abschluss für einen schönen sonnigen Tag. Den hattest du ja auch. Ein bisschen Dankbarkeit wäre jetzt ganz angebracht. Spende dein Schwarzbrot, damit auch unser Tag ein guter Tag gewesen war.

Danke! Du bist ein guter Mensch. Du hast ein gutes Herz. Ganz besonders für kleine schwarzäugige Enten. Übrigens: Vielen Dank auch für das nette Zwiegespräch. Wir kommen gerne mal wieder vorbei. Nur einfach so, um ein bisschen mit dir zu plaudern. Wende dich jetzt den schönen Dingen des Lebens zu. Du hörst ein Akkordeon spielen und ein Lied erklingen. Genieße es. So wie wir dein Schwarzbrot genossen haben. Vielleicht wirst du auch einen guten Tropfen Rotweins genießen. Es sei dir gegönnt. Denn du hast uns auch einen schönen Feierabend gegönnt. Morgen kommen wir wieder auf ein Zwiegespräch mit deiner Ente.

*

(aus "Lesebuch" Nicht nur für Erwachsene, http://www.falk-dautphetal.eu/60.html)
http://www.facebook.com/pages/Lesebucher/155071187...

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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Marburg extra, Anzeiger extra, Hinterland extra | Erschienen am 08.09.2010
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Shima Mahi aus Langenhagen am 30.08.2010 um 16:10 Uhr  
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