Hesse in Locarno oder "Der Berg der Wahrheit"

Es war einmal.........

Ich beginne mit diesen Worten, weil eine mir liebe Schweizerin sich eine Gute-Nacht-Geschichte wünschte und ich sie natürlich nicht enttäuschen möchte. Sie wird aus diesem Grunde auch nicht so spannend, dass danach kein Schlaf mehr möglich sein könnte. Dennoch ist sie sicher nicht ohne schmerzerfüllte Höhepunkte.
Also noch einmal:



Es war einmal so vor gut 20 Jahren. Da brach ich mit meinem Weibe und unserem Zigeunerwagen im schönen Hessenlande auf, um in das noch schönere Tessin zu reisen. Kein Patriotismus verlangt es von mir, die Heimat über alles zu preisen. Die Sehnsucht nach einem Paradiese ist es aber wohl auch gewesen, die meine Wahrnehmungen am Tag der Abreise verklärten.

Schon einige Zeit nach dem Start - es war an einem schönen Sommertag - begann meine Frau neben mir im Auto ihre Kleidung zu lüften und dann nach und nach unter leichtem Stöhnen abzulegen. Sollte sie sich schon im Damenluftbad am Monte Verità über Ascona wähnen? (Kenner wissen bereits jetzt wovon ich rede) Die Wahrheit holte mich mit ihrer nüchternen Feststellung ein, dass sie ganz unmöglich schwitze und ich am nächsten Rastplatz halten müsse, damit sie sich im hinter uns daherzuckelnden Wohnwägelchen Leichteres anziehen könne. Sie schwitze wie ein Schwein, fügte sie ganz undamenhaft hinzu. Seither ist dieser Moment als das "hessische Schweineschwitzen" in unseren Sprachschatz eingezogen.

Es war bereits unsere zweite Zigeunerreise in die Schweiz. Wir wurden also an unsichtbaren Fäden gezogen und erreichten noch am selben Tage den Terrassencampingplatz in Vitznau am Vierwaldstättersee. Das erhabene Panorama wollte uns zum Bleiben verführen, doch bereits am nächsten Tage lagerten wir auf dem Camping Gottardo in Chiggiogna bei Faido. Endlich im Tessin. Ein paar Schäfchen auf der Wiese hinter unserem Standplatz am Fuße hoher Berge im Leventina Tal weckten uns am frühen Morgen. Ihre Glöckchen waren wie Musik in unseren Ohren. Die Natur machte uns leicht, schenkte uns neue Ohren und Flügel. Der Wind vom nahen Monte Verità, dem Wahrheitsberg, wehte in unseren Zigeunerwagen mit Hesse und Hessin. Nicht in Ascona aber doch am Lago Maggiore nahe Locarno richteten wir auf einem kleinen Campingplatz unser Lager ein. Unsere kleine Freiheit mit großer Wahrheit war gegründet.

Wasser, Sonne, Luft und die Leichtigkeit des Seins bestimmten die glücklichen Tage. Wir besuchten die schönsten Plätze. Alles lud zum Träumen und Glücklichsein ein. In vergangenen Zeiten schienen wir uns zu verlieren. Das Verzascatal mit seinen aus den grauen Steinen herauswachsenden grauen Häusern genoss unsere ganze Bewunderung. Sie hinterließen den Eindruck, als seien sie mit der Landschaft gewachsen. Staunend saßen wir am Fuße der alten Römerbrücke und schauten den kühnen Springern zu, die vor uns ins kühle Verzasca-Wasser tauchten, sich kurz reckten, die bewundernden Blicke genossen und wieder nach oben kletterten, um sich erneut in die Tiefe zu stürzen. Abends sah uns oft der Lago Maggiore an der Uferpromenade in Ascona sitzen. Wir träumten mit mancher Flasche Tessiner Wein in so manchen Abend. In solchen Stunden wartete ich insgeheim auf Hermann Hesse, der wie selbstverständlich an unseren Tisch getreten wäre, um uns auf den Monte Verità einzuladen. Damals wäre noch Zeit gewesen eine neue Lebensform auszuprobieren. Doch die Zeiten waren nicht so. Ich schaute meine Frau an und stellte sie mir vor, wie sie mit wehenden Gewändern im Damenluftbad umhertanzt. Geschah das vor dem Essen, dann bestellte ich mit stillem Vergnügen einen Salat und fühlte mich als einer der vegetarischen Anarchisten. Sie hingegen aß meist eine nichtvegetarische Pizza oder etwas Pastamäßiges. Ich verriet natürlich auch nichts von meinen in eine andere Welt zurückreichenden Gedanken und Ausdruckstanzfantasien, von den Schleiern schon gar nichts. Sie hätte wohl auch ernsthafte Zweifel an meinem Gemütszustand befürchten müssen. Doch diese lieferte ich unbeabsichtigt dann doch noch.

Bereits ein Tag vor dem entscheidenden kündigte sich Unheilvolles an. Einer meiner Backenzähne links unten rumorte. Das geht vorbei, dachte ich und ignorierte den Schmerz. Die Nacht wurde unruhig und erste Schmerztabletten nachgefragt. Den entscheidenden Tag blieben wir auf dem Campingplatz und aßen dort abends unsere Pizza - ich meine letzte! Diese Nacht ging dann als Schicksalsnacht am Lago Maggiore in unsere Annalen ein. Eiswasser, Eiswürfel, ja auch von einer aufgebogenen Büroklammer erhoffte ich Erlösung. Am Morgen war die Schachtel mit den Schmerztabletten leer und ich wild entschlossen, den Wohnwagen anzuhängen und in die Heimat abzureisen. Nur dort schien mir Hilfe möglich. Aus dem Hermann war nun wieder der Hesse geworden, der kein anderes Ziel als die Heimat sah.

Meine Frau sah das ganz anders! Sie nahm die Autoschlüssel an sich und ging zur Rezeption. Dort telefonierten die beiden Frauen mit der Zahnklinik in Bellinzona und fanden dann doch noch einen auch während der Ferienzeit praktizierenden Zahnarzt in Locarno, der einen zahlenden Patienten so eben noch dazwischen schieben konnte. Die Frauen verfrachteten mich als inzwischen willenloses Opfer in unser Auto, das hielt kurz darauf vor der Praxis des Zahnarztes. Es ging etwas bergan und so glaubte ich, dann doch noch auf den Berg der Wahrheit gelangt zu sein. Wie Recht ich hatte!

Fast wieder schmerzfrei und in einem Zustande seliger Entrücktheit legte man mich auf den Behandlungsstuhl. Eine hübsche Assistentin beugte sich über mich und schon wieder stiegen meine Schleiertanzfantasien herauf, die in einem beglückten Lächeln ihren Ausdruck fanden. Die Freude war kurz. Während mir der wirklich freundliche junge Arzt mit seinen Geräten im Munde herum klopfte, fragte er, ob ich etwas spüre. Nein ich spüre nichts mehr, signalisierte ich mit dem Kopf. Er ließ mich Luft holen und so konnte ich von dem nicht unerheblichen Tablettenkonsum berichten. Er finde den Übeltäter trotzdem meinte er unter heftigem Kopfschütteln.

Das sei mal wieder typisch Tourist, was er da sehe. Ob ich gestern Pizza gegessen hätte, fragte er. Ich nickte, denn sprechen konnte ich angesichts der Aktivitäten des Arztes in meinem Mund nicht. "Ihr Deutschen seid immer zu hastig beim Essen. Warum wartet ihr nicht ein bisschen? In ihrem Mund sieht es aus wie in einer Tropfsteinhöhle. Überall hängt verbrannte Mundschleimhaut herum. Alles müsst ihr heiß herunter schlingen. Das schmeckt doch gar nicht." Ich nickte wiederum, um mir seine Sympathie zu erschleichen, hoffend, dass er es dann nicht so schlimm werden ließe. Er habe mir jetzt die Betäubungsspritze in den Nerv des Übeltäters gesetzt, aber davon hätte ich wohl schon nichts mehr mitbekommen. Wieder nickte ich zustimmend, doch wohl nicht mehr so deutlich. Während von meiner Stirne der Angstschweiß tropfte, brummte der Bohrer und der Zahnarzt plapperte munter drauflos. Der Giro d'Italia, den man kürzlich gestartet habe, sei ja etwas wirklich Tolles. Er fahre auch Fahrrad, aber was die Kerle da leisten, das sei wirklich bewundernswert. Ob ich auch Fahrrad fahre. Ich konnte nicht mehr nicken. Auch andere Fragen konnte ich ihm nicht beantworten. Doch er redete unentwegt. Dann stocherte er mit irgendwelchen Stäbchen oder Feilen in meinen Zahnwurzeln herum und traf wohl dort auf Bereiche, die noch nicht völlig tot waren. Mangels anderer Möglichkeiten bäumte sich mein Körper und wollte darauf in eine Starre verfallen, wie ich sie mir als Totenstarre vorstellte. "Ja, ja", meinte er, "das muss jetzt mal sein. Mein deutscher Kollege soll nicht später sagen, die Schweizer Zahnärzte arbeiten nicht ordentlich. Wir müssen das gründlich herausholen und dann erst verfüllen." Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Mit dieser Gründlichkeit bauten die Schweizer ihre Tunnel in die Berge. Das kann noch dauern. In mein Schicksal ergeben ließ ich geschehen was nicht mehr zu verhindern war. Willenlos am Berg der Wahrheit.

Er hatte wirklich gute Arbeit geleistet, dieser schweizerische Zahnarzt. Erst nach 15 Jahren bekam dieser Zahn eine Krone. Zu Hesses Zeiten wäre diese Geschichte vermutlich anders verlaufen. Doch darüber wollen wir heute nicht mehr nachdenken.

Gute Nacht!


http://www.emmet.de/hb_veri.htm

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15 Kommentare zum Beitrag
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Gisela Görgens aus Linz am Rhein am 07.03.2010 um 11:39 Uhr  
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Gerhard Falk aus Dautphetal am 07.03.2010 um 12:00 Uhr  
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Gerhard Falk aus Dautphetal am 08.03.2010 um 15:50 Uhr  
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