Ein entschleunigter See
Seit gestern kenne ich nur noch die biologische Uhr, jedenfalls für ein paar Tage.
Ein regnerischer Tag ist heute hier am Edersee mit einem so niedrigen Wasserstand als hätten wir bereits Herbst. So schaue ich dem Regen über dem See zu und lasse meine Seele baumeln. Die Zeit im Campingbus hat auch so eine Struktur, doch eben ohne wirkliche Zeit.
Um gefühlte 6.00 Uhr aus dem Schlafsack nach draußen blinzeln, hinter dahinjagenden Wolken kurz die Sonne sehen , rumdrehen und weiter träumen. Später zur Toilette und den Waschräumen bummeln, Frühstück mit Kaffee, Spiegeleiern, Schinken und Brötchen, spülen, auf den See schauen, dummes Zeug schreiben und tief Luft holen.......
Eine kleine Bachstelze bemächtigt sich meiner Brötchenkrümel vor der geöffneten Schiebetüre. Sie ist auch froh, dass ich hier bin.
Gestern Nachmittag hatte ich die ersten Paddelschläge in diesem Jahr versucht. Es funktioniert wie noch vor einem Jahr. Vergessen ist, was dazwischen lag. Ein neuer Anfang ist gemacht!
Heute Früh hatte ich kurz die Heizung an. Beim Frühstück ist es so gemütlicher. Doch am Tage ist es wieder ....naja, wirklich "warum" ist es nicht. Kalter Wind, keine Sonne, aber was soll's? Auf dem See die Angler warten wohl schon seit Stunden auf einen Biss. Während ich den heißen Kaffee und die Brötchen genieße, rudern sie einer nach dem anderen zurück zum Ufer.
Die Bachstelzen sind hier sehr aktiv, stürzen sich von oben aus dem Baum, landen perfekt und "stelzen" dann voran, mal hier mal da ein Körnchen findend und dabei keck wippend. Meine Frühstückskrümel erfreuen mittlerweile auch ein paar Spatzen. Sie mögen zu den Krümeln kleine Käsehäppchen, die ich für sie hinterlassen habe, als ich gestern eine Flasche Trollinger genoss. Doch die Spatzen sind bei weitem nicht so elegant wie die Bachstelzen.
Segelboote werden an Land gezogen. Die Stege leeren sich langsam. Der Sommer beginnt erst, doch alle tun so, als sei es schon Herbst. Es besteht auch keine Hoffnung mehr, dass der Wasserstand im See steigt. Für mich ist das kein Problem, außer dass ich mein Kajak etwas länger schleppen muss bis zum Wasser. Heute mache ich vielleicht eine Feierabendtour, wenn die Sonne sich noch einmal für mich entscheiden sollte. Vielleicht aber tue ich auch etwas ganz anderes. So ist das, wenn man keinen Plan hat und sich überraschen lässt.
Nun werde ich wohl bei anhaltend schlechtem Wetter in mein Roman-Manuskript einsteigen; lesen, ändern und vielleicht ein Stück weiterbringen. Schließlich ist es im dritten Jahr in den Geburtswehen und sollte heraus bevor es erwachsen ist. Doch dann lese ich zum xten Male in Richard Bachs „Möwe Jonathan“ und frage mich, ob es sie auch in mir noch irgendwo verborgen gibt. Die Bachstelzen, die über mir in der Weide ihr bevorzugtes Quartier zu haben scheinen, sind ganz außerordentliche Flugkünstler. Sie beherrschen den Sturzflug ebenso wie die enge Wende und vollbringen wahre Kunststücke bei der Landung. Ganz unspektakulär geschieht dies alles vor mir am Seeufer – kaum beachtet.
Zwei Segelboote haben sie heute von mir beobachtet aus dem Wasser gezogen. Es ist wie im Herbst. Normal wäre hier am ersten Juli-Wochenende das wilde Treiben eines Campingplatzes und die Zelte drängten sich unten am Wasser. Heute ließen zwei kleine Mädchen ihren Drachen steigen im böigen Wind, der aus der engen Bucht über den See und das Ufer fegt. Der Ausflugsdampfer von Waldeck kommend ist nur schwach besetzt und fährt eher müde auf dem See, der täglich enger für ihn wird.
Der See ist entschleunigt. Er hatte seinen Sommer schon im Frühjahr und ich war nicht dabei. Aber immer noch rechtzeitig treffen wir uns, mein Edersee und ich. Wir kennen uns über die Jahrzehnte und wissen um unsere wilden Zeiten. Nun ist die Zeit der Entschleunigung und wir lassen uns die Zeit, die es braucht.




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