Das Schwabenmädle
„Ist das nicht gefährlich? Die meisten Sachen sollen da drin doch ganz klein werden.“ Ich drehte mich um. Hinter mir stand eine junge Frau, einen kleinen Wäschekorb vor der schlanken Gestalt haltend und lächelte mich gewinnend an.
„Ach wo, wenn man aufpasst, dann passiert da gar nichts“, sagte ich und trat einen Schritt zur Seite. Vor dem Trockner stand mein Wäschekorb, den ich schon zur Hälfte in dieses gefährliche Ding entleert hatte. Immer noch schauten mich die kleinen flinken Augen fragend an. Der blonde Pony reichte ihr bis knapp über die Augenbrauen.
Es war Anfang August 1993 und wir lagen mit unserem Segelschiff im Hafen von Rostock. Nach fast drei Wochen Fahrt von Hafen zu Hafen immer der Ostseeküste entlang hatte sich einige Wäsche angesammelt. Meine Frau und ich waren auf Silberhochzeitsreise. Hier waren es nur ein paar Schritte von unserem Liegeplatz bis zu den Sanitäranlagen. Mit Waschmaschine und Trockner waren sie ein Teil der völlig neu errichteten Hafenanlagen. Wir genossen hier ein paar schöne, sonnige Hafentage, erlebten eine interessante Stadt und unternahmen ausgedehnte Landgänge. Morgen wollten wir wieder auf Fahrt gehen und am letzten Tag war „klar Schiff“ und „Wäsche waschen“ angesagt.
Inzwischen hatte sie ihren Wäschekorb vor der Waschmaschine abgestellt und schaute mir interessiert zu, wie ich den Trockner weiter belud. Ich zeigte ihr das Symbol am Etikett in den Wäschestücken, mit dem man erkennen konnte, ob es für den Trockner geeignet ist. Ihr schwäbischer Dialekt war so lieb und gewinnend wie ihr frühlingshaftes und liebenswertes Wesen. Ich schloss die Türe des Trockners, wählte das Programm und stellte den Korb auf den Tisch daneben. „Dann werde ich es nachher auch einmal versuchen.“ Wieder lächelte sie mich so unschuldig an, dass ich mich irgendwie ertappt fühlte. Wie mich dafür entschuldigend begann ich, ihr von unserem Silberhochzeitstörn zu erzählen, und dass wir jetzt noch einmal zur Insel Poel wollten, weil der Hafen Timmendorf dort so wunderschön sei und anschließend würden wir noch gerne über Langeland nach Kappeln zurücksegeln. Was weiß ich heute noch, was ich ihr alles erzählte. Sie lächelte und sagte: „Wir sind auch auf Hochzeitsreise. Unsere erste ist es.“
Zurück an Bord erzählte ich meiner Frau von der Begegnung und auch sie lächelte auf so eine Art, wie sie es immer tat, wenn sie meinte, noch mehr verstanden zu haben, als ich ihr erzählte. Am frühen Nachmittag ging ich zu den Sanitäranlagen, um unsere Wäsche zu holen. Auf dem Tisch neben dem Trockner stand mein Korb. Alle Wäschestücke, die ich in dem Trockner zurückgelassen hatte, waren fein säuberlich zusammengelegt im Korb gestapelt. Der Trockner lief und davor stand ihr Korb.
„Schon fertig?“, fragte meine Frau als ich kurz darauf mit dem Wäschekorb vor dem Bauch an Bord kam. Ich erzählte ihr von dem unverhofften Service und sie sagte mit dem Kopf leicht nickend: „Ja, ja die Schwabenmädle!“
Copyright Gerhard Falk




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