Lebender Adventskalender am Mühlenbock

  Burgwedel: Bockwindmühle Wettmar | Vorweihnachtsfeiern in Wettmar

„Unter solchen Umständen kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und der kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Adventskalenders, den Ida ihm angefertigt und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet war, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit.
Die Vorzeichen mehrten sich … Schon seit dem ersten Advent hing in Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an der Wand.“

Mit diesen Worten beschreibt Thomas Mann 1922 in seinem Roman und Welterfolg „Die Buddenbrooks“ (1), wie dem kleinen Enkel des Konsuls Buddenbrook in der wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie durch einen Adventskalender deutlich gemacht wird, wieviel Tage es noch bis zum Heiligabend dauert, an dem der kleine Johann hofft, das ersehnte Puppentheater zu bekommen.
Damit weist Thomas Mann auch auf das christliche Brauchtum hin, das im 19. Jahrhundert entstand und - wie beim Adventskranz - in unterschiedlichster Weise den besonderen Charakter der Vorweihnachtszeit bis zum Höhepunkt des 24. Dezember, Christi Geburt, betonte.
Wer bei Google den Begriff „Adventskalender“ eingibt, erhält ca. 33 000 000 Treffer und kann daran u.a. ablesen, welche Bedeutung damit verbunden ist, aber er kann auch schnell erfahren, wie unterschiedlich sich die Adventskalender entwickelt haben: Wir können auf gedruckten Kalendern kleine Fensterchen mit dahinter liegenden Bildchen öffnen, es gibt Kalender mit Süßigkeiten hinter den Fensterchen, in der Böttchergasse in Leipzig befindet sich der größte freistehende Adventskalender der Welt, seine Türen sind 3 x 2 Meter groß und er umfasst eine Fläche von 857 qm. Wir können uns aber auch digitale Adventskalender auf Handy, Tablet und PC laden und so die Zeit bis Weihnachten unterteilen.
Der ursprüngliche Sinn dieses Messinstruments entleert sich in alle Richtungen und die Sonderangebote für schokoladengefüllte Kalender liegen am 9. Dezember 2015 schon bei 2,49 €.
Versuche, ein wenig vom ursprünglichen Sinn zu erhalten, finden sich jedoch in den lebendigen Adventskalendern, die nicht an der Wand hängen, sondern als größere oder kleinere Veranstaltungen in der Öffentlichkeit durchgeführt werden.. Auch diese gibt es in unüberschaubaren vielfältigen Formen. In Wettmar hat sich eine spezifische Art vor Jahren auf Initiative einer „Wählergemeinschaft Wettmarer Bürger“ entwickelt. In diesem Jahr umfasst sie wieder Aktionen, die vom 1. bis 24. Dezember täglich stattfinden, d.h. ab 18.00 Uhr öffnen Vereine, Privatpersonen und dörfliche Einrichtungen ein symbolisches „Fenster“ im Ort für die Dorfbevölkerung. Man trifft sich also dort, musiziert, singt Weihnachtslieder, isst Weihnachtsgebäck, trinkt Glühwein und pflegt so vor allem die Dorfgemeinschaft. Dieser „Lebendige Adventskalender 2015“ endet – wie früher – am Heiligabend in der St. Marcus Kirche.

An diesem 8. Dezember 2015 war die Bockwindmühle des Heimatvereins Wettmar der Treffpunkt - neben anderen an anderen Tagen. Lagen früher, d.h. im Mittelalter, die Mühlen aus technischen Notwendigkeiten ihres Betriebes (freie Windgängigkeit, Wasser zum Mahlen) oft außerhalb oder am Rande der Ortschaften und wurde in jener Zeit auch nachts bei Dunkelheit gemahlen, während der „normale“ Dorfbewohner mit Sonnenuntergang ins Bett ging, dann versteht man, dass diese Orte bei vielen Menschen damals als unheimlich galten.
Nichts davon am 8. Dezember dieses Jahres! Die Bockwindmühle befindet sich in Winterruhe – geschlossen! Aber an ihrem Bock war nichts Unheimliches. Mitglieder des Vereins, vor allem Müller, hatten alles arrangiert. Feuerkörbe in achtbarer Entfernung zur hölzernen Mühle, Fackeln, Texte der Weihnachtslieder, ein Thresen für Glühwein und Apfelpunsch, Kekse und vieles mehr waren vorbereitet und bildeten den Rahmen dieser Veranstalung, der zahlreiche Bürger Wettmars gefolgt waren.
Unter der Mühle, wo es im Normalfall zugig und in dieser Jahreszeit kalt ist, herrschten spätherbstliche Temperaturen. Es war dunkel, nicht unheimlich, und am Himmel leuchteten die Sterne. Besser solch ein gemütliches lebendiges Kalenderblatt mit Menschen als ein digitales von CHIP-online auf dem Laptop.

(1) Thomas Mann, Werke, Buddenbrooks, Verfall einer Familie (Achter Teil, 8. Kapitel), Frankfurt / M, 1967, S. 400
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2 Kommentare
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Dieter Goldmann aus Seelze | 10.12.2015 | 13:33  
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Reinhard Tegtmeier-Blanck aus Wedemark | 11.12.2015 | 09:05  
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