Rot-Grün uneinsichtig - Die Koalition setzt auf Beton

 

Auf dem heutigen Bahnhofsvorplatz stand damals, 1877 eröffnet, eine Badeanstalt: Der Bahnhof befand sich damals noch nicht an der heutigen Stelle, sondern ein Stück weit westlich davon.

Als 1885-1889 dann der alte Bahnhof abgerissen und ein Stück weiter östlich der neue „Centralbahnhof“ gebaut wurde, lag die Badeanstalt plötzlich genau gegenüber. Und sofort begann die Debatte: „Das geht doch nicht.“ Der Platz gegenüber vom Bahnhof, ein so herausgehobener und ökonomisch vielversprechender Platz, sei doch kein Ort für ein Volksbad.

Als das Volksbad im 2. Weltkrieg beschädigt wurde, setzte nach 1945 die Diskussion ein, dass der Bahnhofsvorplatz doch repräsentativer genutzt und „aufgewertet“ werden müsste. Das Bad wurde abgerissen, und es begann die Suche nach einem Investor für den Platz. Es fand sich aber niemand, obwohl der Platz immer wieder dafür hergerichtet wurde.

Die Große Koalition in Bremen 1995-2007 verstärkte die Anstrengungen, den Platz zu verkaufen, aber weiterhin ohne Erfolg. Der damalige CDU-Bausenator Jens Eckhoff ließ dann eine Skater-Bahn als Zwischennutzung auf dem Platz errichten. So entwickelte sich die Nutzung, die den Bahnhofsvorplatz prägte. Die Skater nutzten ihn, die Suppenengel schenkten dort Essen für Bedürftige aus, jeden Tag gingen 100.000 Passanten über den Platz. Jugendliche trafen sich hier, es fanden hier Demos und Kundgebungen statt. Es war ein öffentlicher Freiraum.

2011 wurde der Platz überraschend verkauft an den Hamburger Bauinvestor Achim Griese und seine „Treuhandgesellschaft“. Der Verkauf wurde maßgeblich betrieben vom damaligen Ortsamtsleiter und heutigen Bürgerschaftsabgeordneten, Robert Bücking. Die Öffentlichkeit war geschockt, als Griese die Pläne enthüllte, die der Architekt Max Dudler in seinem Auftrag erstellt hatte. Auf dem Platz soll ein siebenstöckiges Hochhaus entstehen, das den Platz komplett ausfüllt. Gestaltet sein soll dieses Monstrum in dem unangenehmen Monumentalstil, der abweisende Außenansicht mit einer maximalen Ausbeute profitabler Mietfläche verbindet.

Der Skandal war auch, dass der Bahnhofsvorplatz ausgesprochen billig an den Investor verkauft wurde. Die Achim Griese Treuhand zahlte etwa 1.000 Euro pro Quadratmeter für die 5.600 qm große Fläche. Wenn das Gebiet um den Bahnhof tatsächlich eine Gentrifizierung und „Aufwertung“ erfahren sollte, können Flächen hier aber schnell auch das Doppelte und mehr kosten. Das ist das eigentliche Ziel, auf den Investoren spekulieren: Der wirklich große Profit wird nicht durch das Bauen selbst gemacht, sondern dadurch, dass der Grundstückspreis

anzieht und man den Grund dann für das Doppelte weiterverkauft. Die Stadt – und das ist das Skandalöse – will das. Der Senat unterstützt eine solche Spekulation, weil er sich die „Aufwertung“ der Gegend erhofft. Die herrschende Politik möchte, dass die bisherigen Nutzer hier verschwinden, dass ein Hochglanz-Areal entsteht, das von Geschäftsleuten, Touristen und zahlungskräftigen Gruppen beherrscht wird. Die Bebauung des Bahnhofsvorplatzes soll der Anschub sein, um die ganze Gegend hier zu gentrifizieren.

In dieser Woche nun erfolgte der erste Spatenstich durch den Bauherrn, den Architekten, den Bürgermeister und den grünen Betonsenator. 2002 übrigens hat sich der damalige baupolitische Sprecher der SPD-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft, Carsten Sieling, noch gegen diese Bebauung ausgesprochen, wie man im Plenarprotokoll nachlesen kann. Darin steht: „Ich bin heilfroh, dass das Thema einer Hochhausbebauung auf dem Bahnhofsvorplatz, was ich immer für wahnsinnig und falsch gehalten habe, vom Tisch ist.“ Heute - als Bürgermeister - will er sich an seine früheren Worte nicht mehr so recht erinnern.

Zeitgleich protestierten am Bauzaun knapp 100 mit Trillerpfeifen und Plakaten bewaffnete Bremerinnen und Bremer gegen die Bahnhofsvorplatzbebauung. „Schande, Schande“, riefen sie. "Während drinnen die Promi-Fotos gemacht werden, steht die Vernunft mal wieder draußen und protestiert. Faszinierend, mit welcher Hingabe der Senat an einem derart verkorksten Projekt festhält", kommentierte der Linkspartei-Landessprecher Christoph Spehr den Festakt. Hier können Sie sein Video-Statement einsehen.

Mitglieder der Bremer Bahnhofsplatz Initiative (BBI) kritisierten, dass der Senat das Bauprojekt gegen den Willen der Bevölkerung durchpeitscht. „Wir haben mehr als 7.000 Unterschriften gesammelt, die der Senat einfach ignoriert.“ Der Sprecher der Bürgerinitiative, Olaf Brandstätter, bemängelte zudem, dass das Areal vor dem Hauptbahnhof durch den Bau eher verschandelt als verschönert werden würde. „Die Hochhäuser werden den Blick auf den Bahnhof verstellen. So sollten wir mit unserem wertvollen Bremer Denkmal nicht umgehen.“

Derweil hat die Bürgerschaftsabgeordnete der LINKEN, Claudia Bernhard eine Berichtsbitte in den Parlamentsbetrieb eingereicht. Sie möchte unter anderem geklärt wissen, wie es zur Verlängerung der Baugenehmigung bis zum Jahr 2018 kam. Mehr dazu – inklusive eines taz-Interviews mit der baupolitischen Sprecherin der Linksfraktion, können Sie hier nachlesen.

Hier das Video 1: www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=nThkSPnjzD8
Hier das Video 2: www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=-0N2Nfv7sfA
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