Kleingartensatire - Die Wiedergeburt vom armen Horst

Es gibt sie – die Reinkarnation. Ich habe es selbst erleben dürfen.

Man muss nicht fragen, wo sich das ereignet hat. Natürlich in unserer kleinen idyllischen Gartenanlage, dem liebevollen gallischen Dorf, wo alle in Eintracht … Moment mal. Wirklich alle?

Nein, es gibt einen Rüpel, unseren Horst. Ich habe ihn so getauft, da er immer auf unsere Gartenparzelle rotzt wie ein Lama. Das war er mit Sicherheit in einem seiner vorherigen Leben! Daher auch der Name Horst. Man erinnere sich an das Fernseh-Lama aus dem Leipziger Zoo! Eigentlich tun dies Lamas nur, um sich in der Herde zu verteidigen. Bleibt jedoch die Frage, ob ein Individuum schon eine Herde bildet? Eher nicht.

Aber bei seinem typischen gebeugten Gang komme ich gleich auf ein weiteres Leben von unserem Horst zurück. Gemütlich schlurft unser Einzelgänger – seine imaginäre Keule hinter sich her schleifend – auf dem Gartenweg. An wen erinnert mich nur diese Körpersprache? Ach ja, an einen Homo erectus - die erste Art, die das Feuer benutzte, die das Jagen als ein wesentliches Element zur Sicherung ihrer Nahrungsversorgung einsetzte und wie ein moderner Mensch laufen konnte. Seine grunzenden Laute lassen den Neandertaler jedoch höchstwahrscheinlich als hochbegabt durchgehen.

Hier eine weitere Facette von Horst. Dass er noch die Gesinnung zu Zeiten des Deutschen Reiches in sich tragen muss, beweist sein deutscher Gruß, mit dem wir öfter empfangen werden. Manchmal stelle ich mir vor, wenn es mal wieder hinterm hohen Zaun auf seiner Gartenparzelle rumpelt, dass er wieder ein paar Schützengräben, Flak – Stellungen und Minipanzer positioniert, um erneut einen Angriff auf unsere Laufenten zu starten. Da geht wohl meine Phantasie ein wenig mit mir durch, aber seine Munition aus Äpfeln und Plastikteilen hinterlässt eben sichtbare Spuren, auch wenn er keinen kleinen Panzer im Vorgarten in Stellung gebracht hat.

Seine erbärmlichen Versuche in Minnegesänge, alte deutsche Kampflieder … auch das gute Ohr vermeint es nicht ganz zu deuten, reichen mit Sicherheit nicht für „DSDS“. Der Einzige, der vielleicht neidvoll dreinblicken würde, wäre der gute Menderes Bağcı. Aber für eine schlechte Stimme kann ja unser Horst nichts. Tun wir einfach, als würden wir es nicht hören und alles wird gut.

Im jetzigen Leben jedoch ist unser lieber Gartennachbar ein unzufriedener, ständig nörgelnder alter Griesgram, der stellenweise beim Abschreiten unserer Gartenparzellen mit den Hufen scharrt wie ein Esel. Leider vergisst er dabei, dass wenn man zu nah an den Gartenzaun oder an das Gartentor tritt, etwas kaputt gehen kann. Armer Horst, wir sehen es dir nach, du kannst ganz einfach nicht anders. Schon so oft Wiedergeboren, da kann die Gefühlswelt schon einmal Achterbahn fahren. Wir haben aber immer ein offenes Ohr und ein Stück trockenes Brot für dich, wenn du magst. Und auch Mitglieder des Vorstandes bezeichnen den armen Horst einfach als schwierigen Fall. Macht man es sich da nicht zu einfach? Wo bleibt die Nächstenliebe, der Zusammenhalt, die Gemeinschaft?

Für mich stellt sich am Ende aber noch die Frage, wie ist er so schnell aus den Kriegswirren der 40 -er Jahre in die jetzige Zeit gekommen? Die Antwort ist ganz einfach. Er ist kurzum eine Eintagsfliege geworden und hat sich einmal ein SCHÖNES LEBEN gemacht.
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