8oo Jahre Bielefeld – g’schlampert recherchiert?

Just zur 800-Jahr-Feier der Stadtgründung Bielefelds ist ein neues Buch zweier Autoren erschienen. Auf den ersten Eindruck hin, scheint dieses Buch ein guter Lesestoff zu sein. Das ist lobenswert, wenn man sich um die Stadtwerdung Bielefelds publizistisch bemüht.
Nun kann man aber auch wenig erbaut darüber sein, wenn man in diesem Buch erfährt, dass der Stadtgründer Hermann IV gewesen sein soll. Denn das ist falsch. Einen Hermann IV hat es 1214 nie gegeben. Der Fehler liegt bei einem Bielefelder Professor, der vor zig Jahren ein mehrbändiges Werk zur Geschichte unserer Stadt geschaffen und dabei den Stadtgründer als Hermann IV bezeichnet hat, aber den Nachweis schuldig blieb.
Unser Stadtgründer war „nur“ der vierte Hermann in der Grafenreihe und nannte sich nicht mehr nach denen von Calvelage, sondern nur noch „Graf Hermann II von Ravensberg“. Ein Hermann, der den Titel „von Ravensberg“ nicht erhielt, starb schon im sehr frühen Kindesalter und wurde daher vermutlich nicht gezählt. Nachweise finden sich bei Gustav Engel (Stadtarchiv). Ebenso findet sich im Stadtarchiv eine Geschlechtertafel aus dem 18. Jh. in der der Stadtgründer als "Graf Hermann III von Ravensberg" bezeichnet wird, obwohl es zwei Hermanne (I und II) vor ihm ohne den Zusatz von Calvelage nicht gegeben hat. Ein Hermann IV taucht erst im Jahre 1287 auf und zwar als Domprobst zu Osnabrück.

Jetzt wundert und schüttelt sich nicht nur der Laie darüber, was die beiden Autoren wohl bewogen haben mag, den Stadtgründer als Hermann IV zu bezeichnen, wenn die Faktenlage dies nicht hergibt und damit zwangsläufig der Anschein der unseriösen oder g’schlamperten Recherche erweckt wird.
Sie geben zwar zu, dass ein Nachweis darüber nicht eindeutig vorhanden ist, wollen aber mit einer gekünstelten Argumentation und in ihrer Freiheit als Autoren den Namen Hermann IV so fortführen.
Warum? Diese Frage muss gestellt werden!
Denn damit führen sie einen Fehler fort, der möglicherweise, seit Erscheinung des ersten Bandes ihres Vorautors vor zig Jahren, in den örtlichen Schulen im Geschichtsunterricht in die Köpfe unserer Kinder eingepflanzt wurde und weiter wird, weil Geschichtslehrer nicht die Quellen für ihr Unterrichtsmaterial überprüfen, sondern sich gerade auch auf solche Quellen verlassen.

Also, warum wird dieser Fehler fortgeführt? Wem soll das einen Nutzen bringen? Will man damit dem Vorautor den Rücken stärken, um seinen Fehler zu vertuschen? Oder wurde doch nur g’schlampert recherchiert? Oder stützt man sich auf den besagten Professor, weil man es selber nicht besser weiß?

Es wäre auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten richtiger gewesen, die Autoren hätten auf die Ordnungszahl hinter Hermann verzichtet und den Stadtgründer nur „Graf Hermann von Ravensberg“ genannt.
Der geneigte Leser könnte jetzt auf den Gedanken kommen, dass da - wie es in Köln heißt - geklüngelt wurde. Das wäre dann fatal und oberpeinlich für eine Stadt, die ihren Stadtgründer nicht kennt.
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3 Kommentare
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Laus Lausilov aus Bielefeld | 29.05.2014 | 16:55  
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Hans-Werner Blume aus Garbsen | 30.05.2014 | 12:29  
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Helmut F. FRANK aus Bielefeld | 30.05.2014 | 13:14  
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