"Aller Anfang sei mit Gott" - 2. Teil einer Schulchronik

Kinder der Schule Lanzingen aus dem Jahr 1936 oder 37 mit Lehrer Maul. Die Aufnahme entstand im vorderen Garten der Schule.
   
Der Schriftzug "VLS" wurde im Zeichenunterricht entworfen und im Handarbeitsunterricht gestickt.
 
Tabelle über 'Größe und Gewicht' der Schülerinnen und Schüler.
Biebergemünd: Schule |

Auch im zweiten Teil der Schulchronik von Lanzingen berichten die Lehrer über Interessantes aus dem Dorfleben und auch über 'bemerkenswerte' Wetterereignisse.

III. Das Dorfleben

Die Lehrer hatten nicht nur das Leben in ihrer Schule aufzuzeichnen, sondern auch über das Dorfleben zu berichten. Heute sind Schulchroniken für jeden eine Fundgrube und wir erfahren aus der vorliegenden über die Geschichte der Gemeinde Lanzingen:
„- Am …. April 1919 brach der Landw. Ludwig Schick, zwei Häuser unterhalb der
Schule infolge eines Herzschlags tot an seinem Benzinmotor zusammen zum
großen Schrecken nicht nur seiner Familie sondern des ganzen Dörfchens. Im
Jahre 1919 war Bürgermeisterwahl, bei der der alte Herr Krebs nach 14jähriger
treuer Amtstätigkeit abdankte u. an dessen Stelle Karl Lenz, Schreinermeister,
trat...
Im Sommer 1921 wurde auch der oberhalb Vorbecks, an der Kasseler Straße
gelegene, für den Schulneubau vorgesehene Platz von der Gemeinde erworben...
Am 12. August 1921, zwei Tage vor der Kerb, brannte zum ersten Mal das
elektrische Licht
- Zum ersten Mal wurde in diesen Tagen ein Elternbeirat gewählt. Wahltermin war
der 11. Juni 1922. Es waren 47 Eltern wahlberechtigt. Da nur ein Wahlvorschlag
eingereicht wurde, galt dieser als gewählt. Die Namen der Mitglieder:
M. Bohlender – Adam Lenz Hs.-Nr. 15 – Johs. Schick 10 – Wilhelm Huth 23 – Johs.
Huth 20 – Die Amtszeit dauert 2 Jahre.
- Am Dienstag, den 16.6.1925 fand eine Volks- und Berufszählung im deutschen
Reiche statt. Lanzingen zählte 245 Einwohner
- Dafür hat die Gemeinde Lanzingen mit der Ausführung eines anderen Projektes
begonnen, dem des Wasserleitungsbaues. Kurz vor Weihnachten 1926
begannen die Erdarbeiten, … Am 15.3.1927 konnte man das erste Wasser der
Leitung entnehmen. Als Wassergeld erhebt die Gemeinde eine Pauschale
von 10 RM Grundgebühr plus 1 RM pro Kopf im halben Jahr. Viehhalter zahlen für
den Kopf Großvieh 2 RM zusätzlich im halben Jahr.
- Am 1.6.1929 ging die Spessartbahn durch Kauf der Aktien seitens des
Kreises Gelnhausen und der interessierten Gemeinden aus dem Besitz der
Sieg-Lahn-Bergbaugesellschaft in Weilburg a./L. in deren Besitz übergegangen.
Auch Lanzingen übernahm 1 Aktie zu 1000 RM. Es wurde die Stilllegung
vermieden.
- 1933 - 3 Radioapparate im Dorfe: Heinrich Schick, Johannes Huth, Wilhelm Euler
- Am 16. Juni 1933 wurde eine Volks-, Berufs- und Betriebszählung durchgeführt.
Lanzingen zählte: 234 Einwohner, davon 120 männliche – 114 weiblichen
Geschlechts, in 50 Haushaltungen, davon 45 Bauernfamilien.“

IV. Wetterbeobachtungen

In der Schulchronik vermerkten die Lehrer auch ihre Wetterbeobachtungen und bezeichneten sie zum Teil sogar als „bemerkenswerte Ereignisse…“. Im Jahre 1916 lesen wir über das Wetter:
„Juli 1916 - Die Bauern sind mit der Heuernte weit zurück. Viel Gras ist ihnen durch das hohe Wasser fortgeschwommen. Die Lützel war besonders groß. 1. August. Ernte hat begonnen. In den letzten Tagen günstiges Wetter. Ähren sind klein, viel Unkraut im Getreide. Hafer steht gut. Obst mittelmäßig.“

So finden wir immer wieder Eintragungen über Hochwasser, wie z. Bsp. am 16.8.1922, am 25.10.1923, am 25./26. August 1931, am 31.10.1932 und auch am 3. und 4.2.1932. Über die Zeit vom 1. – 7. November 1924 schreibt der Lehrer in der Chronik:
Das große Hochwasser im Biebertal vom 1. – 7. November 1924
Der Anfang des November 1924 brachte im Bieber- und Lützeltal ein sehr großes Hochwasser, wie es größer und anhaltender keinem alten Einwohner Lanzingens denkt. Da floss auch der Dorfgraben wie ein wilder Sturzbach vom Kasseler Eck an in ganzer Straßenbreite etwa Fuß hoch an der Schule vorbei, um das Wasser der Bieber zu verstärken. Die Schule war damit vollständig vom Verkehr abgeschlossen. Auf manchen Äckern am Südhang entsprangen armdicke Quellen, die durch die darunter liegenden Äcker ihren Weg suchten. Dabei rissen sie durch die zum größten Teil schon bestellten Äcker tiefe + breite Gräben. Die im Talgrund liegenden Äcker + Wiesen wurden vielfach versandet. Die Straße zum Unterdorf und Bahnhof blieb bis Donnerstag vom Wasser gesperrt. Der Milchwagen von Wirtheim hatte das Einholen der Milch eingestellt. …“.

In der Zeit vom 26.9.1928 bis zum 12.2.1929 sind die Seiten der Schulchronik beschrieben mit einer Schilderung über einen besonders kalten Winter und seine Auswirkungen. Temperaturen von -18 bis -24 Grad sorgten dafür das viele Wasserleitungen und Abflüsse eingefroren waren, Kartoffeln und Rüben Schaden erlitten, Eingemachtes wie Pökelfleisch, Sauerkraut und Gurken in den Fässern einfroren. In den Stallungen heizten Landwirte 14 Tage lang mit Öfen, eine recht seltene Maßnahme im Kampf gegen die extreme und anhaltende Kälte.
Über die Wetterbeobachtungen des Jahres 1931 möchte ich hier noch einmal die Schulchronik zitieren:
„Die Witterungsverhältnisse des Jahres 1931 waren furchtbar und brachten Schaden und Aufregungen über Lanzingen, …Am 15. Januar 1931 vorm. war das erste Gewitter…Der 12. Februar brachte nach Hagelschauern Schnee. Der Monat März war so arg verregnet, dass die Bauern allgemein in ihrer Arbeit weit zurückgeworfen wurden, …In der Nacht vom 5./6. August 1931 gingen über dem Biebergrund einige Gewitter nieder, dabei schlug ein Blitz in die Scheune des Landwirts Schneider Hs. Nr. 36, und zündete. … Aber schon in der Nacht vom 19./20. August 1931 war ein neues Gewitter mit sehr starkem Sturm. …Die Nacht vom 25./26. August brachte noch ein Hochwasser, das aber bis zum Morgen sich wieder verlief. Und schon am 9. September kam der erste Frost, die Mäher fanden Eis in den Wiesen.“

Abschließen möchte ich die Wetterbeobachtungen mit den Aufzeichnungen aus der Chronik vom August 1932 über ‚so heiße Tage‘, das bereits um 10 Uhr 25 Grad Hitze erreicht waren. Hitzefrei hatten die Kinder der Volksschule Lanzingen am Sonnabend, den 13., Montag, d. 15., Mittwoch, d. 17., Donnerstag, d. 18. und Sonnabend, d. 20.8.

V. Wir holen den Wimpel

Vom Jahr 1925 bis 1930 beteiligte sich die Schule Lanzingen am Kreisjugendfest in Gelnhausen. Das Kreisjugendfest war ein sportlicher Wettstreit aller Schulen des Kreises, bei dem die Schülerinnen und Schüler im Weitsprung, Schlagballweitwurf und einem 75 Meter Lauf um Punkte und Urkunden kämpften. Im Jahre 1930 erfuhr das Kreisjugendfest eine grundlegende Änderung und zwar veranstalteten die einzelnen Bezirke des Kreises jeder sein eigenes Jugendfest. Der Bezirk Bieber, zu dem auch die Volksschule Lanzingen gehörte, wählte als Austragungsort die Wiesen an der Burgbergkapelle bzw. eine Waldwiese bei Flörsbach. Zum Drittenmal fand das sportliche Fest der Schulen des Bezirks Bieber am Donnerstag, den 8.9.1932, auf der Waldwiese bei Flörsbach statt. Der Dreikampf bestand für die Schülerinnen und Schüler aus Hochsprung, Ballweitwurf und Lauf. Es war ein ganz besonderer Tag für die Kinder der Schule von Lanzingen und daher zitieren wir hier lieber den Bericht der Schülerin Anna Euler, der von ihr in Schönschrift so in der Schulchronik eingetragen ist:
Wir holten den Wimpel.
Am 8. September hatten wir Turnfest. Da machten wir den Staffellauf mit. Nach dem Dreikampf kam der Vorlauf. Es waren 9 Staffeln da. Wir rannten zuletzt und holten die beste Zeit heraus. Nach dem Vorlauf gab es erst die Mittagspause. Vor lauter Aufregung und Freude, dass wir vielleicht den Wimpel holen können, konnte ich nicht mal ein halbes Brötchen essen. Endlich hörten wir den Trompetenschall, und es hieß: „Der Endlauf beginnt !“ Schon fing das Herz wieder an zu puppern. Endlich wurden wir gestellt, und es hieß: „Leute weg !“ Alles war in Ordnung, Achtung – fertig – los! Luise rannte los. Ich konnte es nicht erkennen, wer der erste war. Herr Lehrer sagte, ich hätte getrampelt wie ein kleines Rennpferdchen. Nun wurde mir das Staffelholz gebracht, ich brachte es Georg. Dieser rannte zum letzten Mal. Die Leute schrien: „Lanzingen hat gewonnen.“ Wir sprangen hinauf, Luise nahm die Plakette, und mit Stolz und großer Freude spazierten wir auf dem Platze herum. Von allen Leuten bekamen wir gratuliert, man wusste gar nicht, wem man zuerst die Hand geben sollte. Am Abend ging es mit Wimpel, Plakette und Gesang ins Dorf. Und alle Lanzinger freuten sich mit uns.
Anna Euler.
Die Namenszüge der siegreichen Staffelläufer sind ebenfalls in der Chronik eingetragen, und zwar: Anna Euler, Luise Schick, Georg Lenz, Hans Lenz.

VI. Gesammeltes

Bereits nach dem ich wenige Seiten der Chronik durchgelesen hatte, wartete ein überraschender Bericht auf mich, den ich hier gerne wiedergeben möchte:
Schuljahr 1902/03 - „Am 12.(22.?) August ging bei Lanzingen ein Luftballon mit zwei Insassen nieder. Der Ballon stieg am 3. August in Paris auf und wurde von günstigen Winde gut getrieben; sein Endziel sollte Rußland sein, der Wind schlug jedoch um und gingen die Insassen, zwei Franzosen, bei Lanzingen nieder. Das Bergen des Ballons war sehr interessant und hatten sich die Einwohner von Lanzingen fast vollzählig eingefunden. Mit dem Zug der Spessartbahn fuhren die beiden Franzosen nach Gelnhausen und von da per Bahn nach Paris zurück. Sehr lobend sprachen sich die beiden Herren über das freundliche und hilfsbereite Entgegenkommen der Einwohner von Lanzingen aus, was sie von ihren früheren Fahrten, bei denen sie in Rußland landeten, nicht sagen konnten.“

In den Gesprächen mit meiner Mutter hat sie mir viel über ihre Kindheit in Lanzingen, über Nachbarn, Verwandte und die Schule erzählt. Dabei ist auch öfters der Name „Jägers Tante“ gefallen, jedoch konnte sie mir nur berichten, dass sie die Handarbeitslehrerin war und in dem gegenüberliegenden Nachbarhaus meiner Mutter wohnte. Die Schulchronik klärt auch die Fragen zur „Jägers Tante“: „Am 3.7.33 verschied im Hanauer Landkrankenhaus unsere Handarbeitslehrerin Frl. Wagner. Sie war Straßburger Kind; der Versailler Vertrag entwurzelte sie, und durch ihren Neffen (ebenfalls Straßburger) kam die Vertriebene hierher. Sie übernahm bald die Strickschule und war bei den Kindern die 'Jägers Tante'. Sie wurde am 5.7.33 auf dem Lanzinger Friedhof beigesetzt.“

Mit den Worten „Aller Anfang sei mit Gott“ beginnt die Schulchronik der Volksschule Lanzingen, in der seit dem Jahre 1875 nachstehend aufgeführte Lehrer ihren Dienst versahen:
- vor dem 1.7.1875 Lehrer Schefer
- seit dem 1.7.1875 vertretungsweise Lehrer Herget aus Breitenborn
- seit dem 1.3.1877 Lehrer H. Brunner
- seit 1899 Lehrer H. Hucke, der am 1.4.1912 in den Ruhestand trat
- seit 15.4.1912 Lehrer Willy Wagner
- am 1.11.1914 vertretungsweise Schulamtsbewerber Goy
- vom 14.2.1915 bis 28.4.1915 Schulamtsbewerber Karl Hübner aus Bieber
- vom 28.4.1915 wieder Schulamtsbewerber Goy
- am 2. Mai 1916 vertretungsweise Schulamtsbewerber Albert Lèon aus Breitenborn
- am 1. August 1916 vertretungsweise Schulamtsbewerber Feit aus Roßbach
- vom 1. Februar 1919 bis 29. September 1921 Lehrer Peter Müller
- vom 1. Oktober 1921 Schulamtsbewerber Gustav Maul

Soweit meine Zusammenfassung der Schulchronik von Lanzingen, die ich meiner Mutter widme, die im vergangenen Jahr verstarb.
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Werner Szramka aus Lehrte | 04.03.2015 | 10:04  
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