Interview mit Regisseur François Ozon zum Deutsch-Französischem Liebesdrama "Frantz": "Mein nächster Film wird sehr sexy!"

"Frantz" Filmplakat (Foto: (c) X-Verleih)
 
"Frantz" François Ozon, Marie Gruber, Pierre Niney, Paula Beer, Ernst Stötzner (Foto: X-Verleih)
 
"Frantz" François Ozon, Ernst Stötzner (Foto: (c) X-Verleih)
Regisseur François Ozon ("Acht Frauen", "Swimming Pool") über seine erste deutsch-französische Koproduktion "Frantz" (Liebesgeschichte Ende des Ersten Weltkrieges) im Gespräch mit Martin Döringer.

Sehen Sie sich oft deutsche Filme an? Beim Cast ihres neuen Filmes „Frantz“ hat man diesen Eindruck.

François Ozon:
„Also ich kenne deutsche Klassiker, und die Filme von Fassbinder. Ich habe selbst ein Stück von Fassbinder adaptiert. Ich kenne die Filme von Wim Wenders, Schlöndorff, Petzold. Aber es gibt in Frankreich sehr wenige deutsche Filme die dort laufen – außer sie handeln vom zweiten Weltkrieg. Ich kannte wirklich nicht alle Schauspieler, die Sie jetzt in meinem neuen Film sehen. Viele hatte ich erst durch das Casting kennengelernt. Wen ich vorher kannte, war Johann von Bülow, ihn hatte ich in „Das Labyrinth des Schweigens“ gesehen und Ernst Stötzner, den ich in einem Film von Hans-Christian Schmid sah. Paula Beer und Marie Gruber kannte ich nicht, das hatte sich erst durch das Casting ergeben.“

Haben Sie durch das vorwiegend schwarz-weiß-filmen in „Frantz“ neue künstlerische Aspekte für sich entdeckt? Fanden Sie es schwieriger in Schwarz-Weiß zu drehen als in Farbe?

François Ozon:
„Das Schwarz-Weiß vereinfacht einfach vieles; wenn man einen historischen Film dreht, dann ist schwarz-weiß insofern einfacher, weil die Dekors, die man streckenweise hat, einfach zu modern sind. Schwarz-Weiß ist ein guter Ausgleich, das ist praktisch. Wenn ich durch den Kamerasucher schaute, hatte ich natürlich Farbe gesehen. Auf meinem Monitor hingegen war es dann Schwarz-Weiß. Das war ganz interessant, weil wenn ich selber drehte, schien mir alles zu sein, wie immer. Und wenn ich mir das anschaute, was ich gemacht hatte, auf dem Monitor in Schwarz-Weiß, dann war ich total erstaunt, weil plötzlich eine ganze cinemafotographische Erinnerung vor einem erscheint, so dass ich dachte: „Oh! Das sieht ja aus wie aus einem Film von Max Ophüls.“ Das ist eben das, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Erinnerung des Kinos kommt wieder zurück. Das ist unbewusst. Letztlich war es auch amüsant, plötzlich sagen mir Leute: „Ah, Sie haben sich an diesem und jenem Stummfilm inspiriert.“ Aber es stimmt eigentlich gar nicht, sondern es ist einfach kollektive Erinnerung an das Schwarz-Weiß-Kino die dann eine Rolle spielt.“

Dieses Weich und Hart durch das Schwarz-Weiß in Ihrem Film „Frantz“ erinnert auch sehr an Fotos von Helmut Newton. Mir fiel das speziell in der Szene auf, wo Anna (Paula Beer) ins Wasser geht um sich umzubringen. Der harte Kontrast von den Wellen im Wasser zu ihrem weichem Gesicht.

François Ozon:
„Also das Schwarz-Weiß verstärkt ja durch seine Strenge auch das Leiden. Dadurch wirkt das alles auch ein bisschen stärker. Eine Geschichte die 1919 spielt, nach Millionen von Toten, die verlangt auch ein bisschen nach Strenge, so fand ich es logisch und es dient dem Film. Das interessante an der Szene mit dem See ist, dass man diesen See in der Szene mit Anna und Adrian zusammen in Farbe sieht. Als man ihn dann zum zweiten Mal sieht, ist die Szene mit Anna alleine und das zeigt auch ein bisschen die Depression, in der sich die junge Frau in diesem Moment befindet.“

„Die Franzosen lernen Deutsch und die Deutschen lernen Französisch, um sich dann gegenseitig zu bekriegen.“ So lautet ein Dialog aus „Frantz“. Woran lag dieses Verhalten von Früher Ihrer Meinung nach?

François Ozon:
„Ich habe mit vielen Historikern gesprochen und diese bestätigten mir, dass es eigentlich zwischen Deutschen und Franzosen starke Freundschaften gab vor diesem Krieg 1914 bis 1918 und dass es viele pazifistische Tendenzen gab. Das war in intellektuellen und in wissenschaftlichen Kreisen. Unter Philosophen, unter Literaten, unter Künstlern. In meinem Film sind es ja auch junge Studenten, die insofern nicht repräsentativ sind für alle Deutschen oder für alle Franzosen. Aber Fakt ist, dass es zwischen beiden Ländern sehr starke Bindungen gab. Diese Bindungen haben in erster Linie über die Kultur, über die Musik funktioniert, wie man auch in „Frantz“ sieht. Gerade in einer Zeit, wo die Nationalismen überall wieder hoch kommen, wo man sich plötzlich auch versteift, aus der eigenen Identität; wo es diese Angst vor dem Fremden gibt, Angst vor Immigranten – da war mir sehr wichtig, auf andere Aspekte hinzuweisen.“

Wie war es für Sie das erste Mal Kriegs-Szenen zu drehen? Manche der Szenen sehen sehr gefährlich aus. Hatten Sie Stunt-Männer eingesetzt?

François Ozon:
„Ehrlich gesagt hatte ich viel Spaß diese Kriegs-Szenen zu drehen. Wir fanden es auch komisch, weil es war das erste Mal solche Action-Szenen überhaupt zu drehen. Danach sagte ich mir: „Vielleicht sollte ich das öfter mal machen!“ Auf der Leinwand sieht es natürlich alles sehr dramatisch aus, aber das war es eigentlich überhaupt nicht beim drehen. Sicherlich gab es auch Gefahren, aber wir waren von sehr guten Technikern umgeben. Pierre Niney und ich hatten an diesen Tagen sehr viel Spaß, wir waren so wie Kinder, die Krieg spielen.“

„Frantz“ thematisiert Lügen. Was war die bisher größte Lüge in Ihrem Leben?

François Ozon:
„Oh la la!, das ist jetzt eine sehr private Frage! Die Lüge interessiert mich vor allem im Kino! Bei der Lüge ist es ja immer so, dass man sich selbst etwas offenbart, indem man lügt. Anna lügt in diesem Film die Eltern an, aber auch Adrien lügt. Ein Effekt von Lügen ist immer eine gewisse Form der Selbstverleugnung. Dinge, die man über sich selbst nicht wissen möchte. Und Anna wird dann vielleicht irgendwann klar, dass weder Frantz, noch Adrien die richtigen Männer in ihrem Leben sind.“

Würden Sie Ihren Film als Anti-Kriegs-Film bezeichnen?

François Ozon:
„Nun, „Frantz“ ist sicherlich ein pazifistischer Film, der die Absolutheit eines Krieges zeigt und auch die Nutzlosigkeit, und der vor allen Dingen auch zeigt, dass das Leiden auf beiden Seiten gleich ist. Egal ob auf deutscher oder französischer Seite – man leidet. Der Film zeigt es wie in einem Spiegel. Dieser Krieg ist auch so nutzlos, weil wir als Zuschauer auch wissen, dass danach ein zweiter Krieg folgte, der unter anderem daraus resultierte, dass der Frieden 1919 in Versailles die Deutschen sehr verletzt hat und letztendlich dazu geholfen hat, dass die Nazis in Deutschland die Macht erringen konnten.“

Frantz war Pazifist. Wollte er lieber sterben als morden?

François Ozon:
„Frantz ist sehr frankophil, er ist pazifistisch und er hat überhaupt keine Lust auf diesen Krieg. Als er Adrien im Schützengraben trifft – solche Szenen hat es sehr oft gegeben während des Krieges und es gibt Leute, die haben dann eben als erstes geschossen. Es hat auch kurze Szenen von Verbrüderungen gegeben für eine Nacht, als man sich beispielsweise Fotos von seinen Verlobten gezeigt hat. Frantz sagt es ja in einem Brief: Franzosen sind seine Brüder. Ob es ein bewusster Selbstmord ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hatte er keine Lust, an diesem Krieg teilzunehmen.“

Einige Filmkritiker behaupten, in „Frantz“ käme eine gewisse Homo-Erotik vor. Das ist mir persönlich überhaupt nicht aufgefallen. Was sagen Sie dazu?

François Ozon:
„Sicher gibt es da direkte Anspielungen. Ich denke, die Zuschauer, die das mit ihren heutigen Augen sehen, verstehen das natürlich auch, wenn es zu einer Männerfreundschaft kommt, dass sie ihrer Interpretation freien Lauf lassen. Das ist das was ich will! Der Zuschauer soll Bilder interpretieren! Das sind keine neutralen Bilder und jeder interpretiert das, was er aus eigener Erfahrung hineinprojizieren möchte. Ich habe diese Begegnung zwischen Adrien und Frantz so inszeniert, als würden sie sich in diesen Schützengraben heftig ineinander verlieben. Es ist Hitchcock, der einmal sagte, man muss den Mord so filmen, wie eine Liebesbeziehung und eine Liebesbeziehung so filmen, wie einen Mord.“

Ihre Filme von „Sitcom“ bis „Frantz“ sind extrem unterschiedlich. Können Sie bereits über Ihr neuestes Projekt berichten?

François Ozon:
„Der nächste Film-Dreh beginnt in einem Monat. Mir ist klar geworden, dass „Frantz“ ein sehr keuscher Film war. Der nächste Film wird sehr sexy!“

"Frantz" seit 29. September bundesweit im Kino (X-Verleih)

Trailer "Frantz" (François Ozon)

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