zum 8. Mai: "OHNE ABSCHIED" - Volker von Törne

  

"OHNE ABSCHIED" - Volker von Törne

A M T L I C H E M I T T E I L U N G
Die Suppe ist eingebrockt;
wir werden nicht hungern.
Wasser steht uns bis zum Hals;
wir werden nicht dürsten.
Sie spielen mit dem Feuer;
wir werden nicht frieren.
Für uns ist gesorgt.


BEIM LESEN DER ZEITUNG
Ich lese in der Zeitung, daß die Mörder
von Mord und Totschlag nichts gewußt.
[Meine Schwester nähte damals
ihren Puppen gelbe Flicken auf die Brust.]


FRAGE
Mein Großvater starb
An der Westfront;
Mein Vater starb
An der Ostfront: an was
Sterbe ich?


ELEGIE
Dörfer, windschief im Regen
Wiesen im Weidenlicht
Die sanfte Schönheit
Der Mädchen am Abend
Übern Zaun des Flieders
Duftender Schnee

Land, ausgelöscht
Aus allen Atlanten
Verbrannte Erde, Asche
Von Wurzeln durchbohrt
Worte, geworfen wie Steine
In steigende Wasser

Kürzer werden die Tage
Kälter das Licht
In den Händen nichts
Als meine Trauer
Sammle ich in meinen Augen
Die Scherben des Himmels


PERSPEKTIVE
Bald ist die Erde aufgebraucht
Die schwarzen Wälder sind verraucht
Schon nutzen sich die Berge ab
Die Ozeane werden knapp

Spuck in die Hände!
Aus dem Hemd!
Kompressor her!

Jetzt wird der Himmel aufgestemmt!


ABENDLIED
Da die Sonne am Galgen hing
Schwarz und schon erloschen
Kauft ich einen Schmetterling
Für drei blanke Groschen

Kauft dazu ein Amsellaut
Und ein Blatt Holunder
Kauft mir eine liebe Braut
Und ne Handvoll Zunder

Kauft ein Harnisch aus Papier
Für mein Herz aus Flammen
Pflückt mir Sterne vom Spalier:
Müßt mich Gott verdammen


PASTORALE
1
O Morgen, birkengrün und duftend
Nach frischem Brot
Aprilregenkühl
Deine Küsse
2
Staubfahnen entfaltet der Sommer
Über den Wegen, es welken
Im Kornfeld die Wurzeln
Des Windes
3
Am Wegrand ein Kind, im Haar
Kornblumen und Mohn, schärfer
Werden die Schatten
Im Licht
4
Durch die Wälder singen
Die Sägen, kopflos
Flattern die Hühner
Im Hof
5
nichts weiß ich über den Anfang
nichts weiß ich über das Ende
ich bewege, was mich
Bewegt


FÜR REUVEN – RAUCH
Einst lebte das Land. Grüne Wagen
Zogen durchs Dorf. Im Frühlicht
Schnaubten die Pferde
Am Fluß

Wohin sind sie gezogen, die Kesselflicker
Und Musikanten? An welchem Ufer
Weiden ihre Pferde? Unter welchem Mond
Singe ihre
Geigen?

Niemand hat sie gesehen. Spurlos
Rauch in den Wolken
Zogen sie
Fort


ANKÜNDIGUNG DES PARADIESES
1
Ich sage euch: begrüßt den Tag
mit Donner- und mit Drosselschlag!
2
Ich sage euch: Legt Hand ans Werk!
Befahrt das Meer, das Flöz im Berg!
3
Ich sage euch: Verzehrt den Rauch!
Hißt Sonnen, rot, am Aschenstrauch!
4
Ich sage euch: Bebaut das Land!
Mischt Pech und Schwefel, Kalk und Sand!
5
Ich sage euch: Befliegt den Wind,
die Himmel, die euch freundlich sind!
6
Ich sage euch: Setzt euch zu Tisch!
Schlagt euch den Bauch voll Fleisch und Fisch!
7
Was nützt den Mächtigen die Macht?
Ich sage euch: Vertagt die Nacht!


HERBSTFEIER

Dunkler rauschen die Wasser am Abend
Und tiefer schweigen die Steine
Im Wind weht des Herbstes Angelschnur
Die Blätter der Bäume erzittern

Feiern möchte ich und singen – aber wofür?
In frostige Nacht sank hinunter die schönere Welt
Über Äcker huschen die Hasen hungrige Schatten
Das Halali gefriert im Jagdhorn des Jägers

O diese Kälte! An allen Häusern verschlossene Türen
Auf der Blutspur des Lammes geh ich einher unter Wölfen
Zeit ist es heimzukehren in die Stille
Aus einsamer Luft regnet Asche herab


BERGE WOLLT ICH VERSETZEN UND KUGELN
Aufhalten im Flug, mit der Hand – Städte
Wollte ich sehn, voll Sommern und Wintern
Lauschen wollt ich den Stimmen
Der Wälder am Fluß.

Die Wahrheit ist einfach wie Wasser
Und Brot. Ein Netz ist die Nacht.
Und der Mensch ein Wild für den Jäger
Meine Haut ist dünn: eine Kugel
Kann mich töten.
Volker von Törne
von 14.03.1934 Quedlinburg
bis 30.12.1980 Münster

[diese Verse stehen auf der Todesanzeige von Volker von Törne]


CONFESSIO - VON VOLKER VON TÖRNE

1
Wovor sollen wir uns fürchten? Wozu brauchen wir dich? Bis an die Wolken ragen unsere Häuser: höher als die Türme von Babylon. Mächtig sind die Mauern unserer Städte: mächtiger als die Mauern von Jericho. Unbegrenzt sind unsere Möglichkeiten! Grenzenlos ist unsere Freiheit. Ein Gespött sind uns die Schwachen.

Du aber sagst: Wohl denen, die arm sind vor Gott und es wissen.
Ihnen gehört das Reich der Himmel.

2
Aufgeteilt haben wir Länder und Meere. Offen liegt vor uns der Weg zu den Sternen. Freie Bahn hat der Starke. Die Zaudernden geben wir preis unserem Gelächter. In den Staub wird getreten wer uns nicht folgt. Gepanzert sind unsere Herzen gegen den Schmerz.

Du aber sagst: Wohl denen, die trauern. Trost ist ihnen gewiss.

3
Du hast uns deine Erde in die Hand gegeben: Fische, Vögel, Vieh und alles Getier. Sieh: Wir verschlingen deine Schöpfung wie eine Beute. Die Fische sterben in den Flüssen. Die Vögel ersticken in der Luft. Es verendet das Vieh auf den Weiden. Eine Müllhalde machen wir aus deinem Garten. Deinen Acker verwandeln wir in eine Wüste.

Du aber sagst: Wohl denen, die gewaltlos sind und Freundlichkeit üben.
Erben werden sie das Land.

4
Wer kann sich messen mit uns? Gewaltig ist unsere Macht auf den Märkten: Über Leben und Tod entscheiden wir mit einem Federstrich. Ein Geschäft machen wir aus der Not unseres Nächsten: In klingende Münze verwandeln wir seine Tränen. Wir gehen über Leichen wenn es uns nützt. Unseren Bruder erwürgen wir um eines Vorteiles Willen. Zum Schweigen bringen wir den, der nach Gerechtigkeit ruft.

Du aber sagst: Wohl denen, die hungrig und durstig nach Gerechtigkeit sind.
Ihr Hunger und Durst wird gestillt.

5
Warum suchen wir dich hinter den Sternen? Bist du nicht alle Tage bei uns? Haben wir nicht, was wir dem Geringsten unter unsren Brüdern tun, dir getan? Warum halten wir fest mit Klauen und Zähnen, was wir besitzen? An vollen Tischen vergessen wir die Hungernden. Nutzlose Esser sind uns die Alten und Kranken.

Du aber sagst: Wohl denen, die barmherzig sind.
Sie werden Barmherzigkeit finden.

6
Warum bleiben wir unter uns: im Kreis unserer Familie, unserer Kirche? Warum schließen wir uns ein: in die Grenzen unseres Volkes, unsrer Hautfarbe? Lügen und Mauern richten wir zwischen uns auf. Fremde sind uns verdächtig. Andersdenkende sind uns ein Greuel. Mördergruben machen wir aus unseren Herzen.

Du aber sagst: Wohl denen, die aufrichtig sind in ihrem Herzen.
Sie werden Gott sehen.

7
Du bist das Licht und das Leben. Wir aber sind mit Blindheit geschlagen und planen den Tod. Panzer und Bombengeschwader sind unsere Zuversicht. Angst und Schrecken sind unsere Hoffnung Unrecht rechtfertigen wir und Gewalt.

Du aber sagst: Wohl denen, die Frieden bringen.
Gottes Kinder werden sie heißen.

8
Warum wenden wir unsere Augen ab von jeglichem Leid? Warum erheben wir nicht unsere Stimme gegen das Unrecht, wo immer es geschieht? Taub sind unsere Ohren für die Schreie der Gemarterten. Satt werden wir vom Brot, das unseren Brüdern fehlt .Verriegelt sind unsere Herzen denen, die um Gerechtigkeit Willen verfolgt werden.

Du aber sagst: Wohl denen, die verfolgt werden weil sie Gerechtigkeit lieben.
Ihnen gehört das Reich der Himmel.

(Die „Confessio“ war Bestandteil des Eröffnungsgottesdienstes des Berliner Kirchentages im Juni `77)

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3 Kommentare zum Beitrag
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Edgard Fuß aus Peine am 09.05.2009 um 23:29 Uhr  
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