Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Wir befinden uns in einem weiteren Jahr des Aufschwungs, welches nach Aussage von Hobbywirtschaftsweisen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung verspricht und uns weiterhin das Hungertuch entgegenwirft, an dem wir noch ein wenig lutschen können, wenn wir es nicht bereits in der letzten Weihnachtszeit, dem Fest der Mehrwertsteuererhöhungsfeierei, verzehrt haben.
Verzehrt haben wir uns, wie jedes Jahr, nach Ruhe, Frie-den und dem Wohlbefinden in der Obhut unserer Familien und Freundschaften und in der Obhut von Weihnachtsmärkten, die uns mit ihren Waren und Düften einmal mehr in einen Zustand geistiger Umnachtung versetzten, in der wir uns sogar hinreißen ließen, gebrannte Mandeln und Nüsse zu einem Preis zu kaufen, den wir früher für eine ganze Mahlzeit zahlten. Egal. Alles glitzerte und funkelte, viel mehr als in den letzten Jahren, so dass wir quasi zu unserer geistigen Umnachtung auch noch hypnotisiert waren. Jedenfalls muss dies auf einige Teile der Weihnachtsmarkbesucher zugetroffen haben, denn diese wuss-ten nicht einmal, warum Weihnachten überhaupt gefeiert wird.
Wie in Trance liefen sie über diese Märkte, rochen den Duft dieses ganz speziellen Weihnachtskapitalismus, schlürften eifrig überteuerten Tetrapackglühwein, kauften zu den tausenden von Weihnachtskugeln, die sie bereits zu Hause im Schrank beherbergen noch einige dazu, aßen viel zu teure und für diesen Preis zu kurze Rostbratwürste, schoben sich dabei durch die Menschenmassen, die ebenfalls versuchten, sich einen Flur zu den Staubeinchen- und Stehrummchenfigürchen, die im Grunde niemand braucht, an den Ständen zu bahnen.
Umgeben von Menschen in Weihnachtmänner- und Weih
nachtsfrauenkostümen und Menschen mit Engelsflügeln auf dem Rücken und güldenen Perücken auf dem Kopf hörten sie sich die an fast jeder Ecke erklingenden Weihnachtmelodien an, summten sie mit und erlagen zum Teil einer melancholischen Stimmung die darauf schließen ließ, die feiern tatsächlich die Weihnachtszeit. Warum eigentlich?
Befragt wurden diese an Festlichkeitsstimmung kaum zu überbietenden Menschen auf den Märkten von einem privaten Fernsehsender, was denn Weihnachten ist. Es wurde nicht gefragt, was denn für die Einzelnen Weihnachten bedeutet, sondern tatsächlich, was denn an Weihnachten gefeiert wird und was die Heiligen Drei Könige damit zu tun hatten. Die Antworten hatten keinen anderen Sinn, als dem Buchtitel „Talking Bullshit“ Recht zu geben.
„Keine Ahnung.“, „Jesus ist geboren.“, „Jesus ist gestor-ben.“, „Jesus ist auferstanden.“, „Christus und Jesus wur-den beide geboren.“, „Jesus und Christus sind Brüder.“, „Die heiligen drei Könige hießen Balthasar, Baldrian und weiß ich nicht.“, „Die drei Könige brachten Gold und Mürbe.“
Auf die Frage, warum denn, bitte schön, „Mürbe“ ge-bracht wurde und was denn „Mürbe“ sei, antwortete die Befragte, „Na Mürbe eben.“
„Mürbe gequatscht“ entfernte sich dieser Befrager des privaten Fernsehsenders von diesen Menschen und diese peinliche Antworterei hatte, zumindest für diesen Moment, ihr Ende gefunden.
Frei nach dem Motto, „Denn sie wissen nicht, was sie feiern, Hauptsache, es gibt Geschenke.“, tummelte und trubelte es auf diesen Weihnachtsmärkten weiter bis in die Geschäfte hinein.
„Das Christkind ist geboren.“, so die einzig wahre Erklärung für das Weihnachtsfest. Blieb nun noch die Frage zu stellen, wann denn das Christkind geboren ist. Die Antwort eines weiteren Passanten entpuppte sich als Schät-zungen. „Im Jahre 1870 „vor“ Christus wurde Christus geboren.“ Da war er sich aber nicht ganz sicher.
Macht ja nichts.
Wir müssen nichts wissen über die Weihnachtsgeschichte. Wir wissen ja nicht einmal, ob sie sich genau so abgespielt hat, wie einige von uns sie kennen. Es wird schon seinen Grund haben, warum einmal im Jahr die Menschen über bunte Märkte laufen, melancholisch gucken, so tun, als ob sie sich ganz doll lieb haben und hunderte von Euro für Geschenke ausgeben.
Sie beschenken auch Menschen, mit denen sie im Grunde nichts zu tun haben. Menschen, die sie vielleicht nur einmal im Jahr sehen, weil sie eben kaum etwas mit ihnen zu tun haben und dieses auch gar nicht wollen. Aber man muss ja irgendwas mitbringen, damit es nicht so dumm aussieht, wenn man mit leeren Händen dasteht. Egal, was für ein Tinnef mitgebracht wird, ob es gebraucht werden kann, ob es wenigstens schön aussieht oder sonst irgend-ein Nutzen hat. Niedlich verpackt wirkt es dann mit Liebe geschenkt, und man kann dann auch gut den Beschenkten ein wenig brüskieren, denn eigentlich wurde ja gesagt, dass sich in diesem Jahr nichts geschenkt wird. Außerdem hat man, wie jedes Jahr, das Problem, dass man gar nicht so genau weiß, was man denn dem einen oder anderen schenken soll. Die meisten haben schon alles, das, was sie noch nicht haben ist zu teuer und das, was sie sich eventuell wünschen, hätte man selbst gern, kauft es sich aber nicht, weil auch dieses im Grunde zu teuer ist und der andere nicht haben soll, was man sich selbst nicht leisten kann.
Trotzdem wird durch die Geschäfte gehetzt, ziellos und immer in der Hoffnung, man würde noch irgendetwas finden, was im richtigen Verhältnis von Preis, Leistung und emotionalem Empfinden gegenüber des zu Beschenkenden steht. Denn ganz plötzlich ist es dann soweit. Es naht der heilige Abend.
Es ist der Abend, an dem urplötzlich und gequält das freundlichste Gesicht aufgesetzt wird, obwohl man schon Tage vorher überlegt hat, wie man am schnellsten wieder aus dieser Weihnachtsnummer herauskommt. Sogar eine spontane Virusgrippe oder ein kurzweiliger Brechdurch-fall wäre angenehm, wenn man, so, ganz schnell wieder diesen familiären Weihnachtsfriedenstisch verlassen kann.
Weihnachten, das Fest der Liebe.
Plötzlich sollen sie alle vergessen sein, diese Streitereien, die sich durch das ganze und im Grunde durch jedes Jahr ziehen. Diese Streitereien, die nie wirklich beendet wurden, weil ja jeder auf sein Recht bestehen muss. Auch dann, wenn doch eindeutig klar ist, dass das Recht nicht genau auf dieser Seite ist. Aber an diesem Abend, am heiligen Abend, soll alles vergessen sein. Warum auch nicht für einen Moment einmal alles vergessen? Warum sollten wir nicht für einen Moment vergessen, dass das Geld im-mer knapper wird, die Familienmitglieder sich sonst nur zufällig in den Fluren ihrer Wohnungen treffen, dass man im Grunde schon geschieden ist, dass die Schwiegermutter einen seit Jahren traktiert, weil man eben nicht die Musterschwiegertochter oder der Vorzeigeschwiegersohn ist, wie sie es sich gewünscht hätte.
Vergessen wir auch für einen Moment die vorweihnachtliche Stresszeit, in der schon im November darüber gestritten wurde, bei wem denn nun der heilige Abend, der erste und der zweite Feiertag verbracht wird, wer denn die Gans, die Ente oder den Karpfen kauft und zubereitet, ob es nun Grünkohl, Rotkohl oder beides geben soll, wer denn nun Kartoffeln oder Klöße und wie viel davon möchte und ob die Kinder etwas ganz anderes bekommen sollen, z.B. Nudeln oder Leberkäse, ob sie mit am Erwachse-nentisch sitzen sollen oder ob ihnen ein Kindertisch aufgestellt wird.
Ein weiterer Stressfaktor ist ohne Zweifel die Beschaffung des Weihnachtsbaumes. Mit welcher Höhe wird er gekauft, zu welchem Preis wird er gekauft, welcher Baum wird gekauft, Nordmanntanne oder irgendein anderer Baum, vielleicht in einem Topf stehend oder doch nur Kiefernzweige und vor allem, wann wird der Baum, die Kiefernzweige oder das Töpfchen gekauft.
Werden Töpfchen, Zweige oder Baum zu spät gekauft, gilt es noch, den passenden Weihnachtsschmuck an die Zweige zu hängen, woraus sich dann beim Baum die zwingende Frage ergibt, mit Baumspitze oder ohne und wenn ja, dann welche, Engelchen oder Kugelspitze, passt das En-gelchen eher zu den grünen oder zu den goldenen Weihnachtskugeln oder die Kugelspitze eher zum Strohschmuck, den man zwischen den vertrockneten Tannennadeln sowieso kaum sieht.
Wird alles zu früh gekauft, lassen Zweige, Töpfchen und Baum die Tannennadeln hängen, bevor sie dann endgültig, spätestens am heiligen Abend auf dem weihnachtlich gereinigten Fußboden ihr jähes Ende finden, sie dauernd aus dem Teppich gepult werden müssen und die Verwandtschaft sich darüber tot lacht, anstatt das Design dieser, extra für das Weihnachtsgeschäft gezüchteten, Weih-nachtspflanze nachhaltig zu loben.
Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit.
Ganz besonders besonnen rennen die Kunden am Vormittag des heiligen Abends noch durch die Geschäfte, um die restlichen Zutaten für ihr Weihnachtsmahl zu erwerben. Dabei schubsen sie zur Not auch die Regalauffüllerin im Supermarkt auf die Paletten mit weiteren Waren, um ja schnell alles zu kaufen, was sie glauben zu brauchen. Warum steht die da auch rum und guckt ins Leere? Anstatt dem Kunden am Gesicht anzusehen, was er braucht und ihm diese Waren direkt in den Einkaufswagen zu schmeißen, steht die da einfach so besinnlich herum. Der Kunde nämlich, und nur er, ist dem Weihnachtsstress ausgesetzt. Sonst niemand.
Genau aus diesem Grund stellt der gestresste Weih-nachtseinkaufskunde seinen Einkaufwagen auch immer dorthin, wo er gerade steht. Und das, bitte schön, immer schön quer in den Gang hinein, so dass auch ja kein ande-rer diesen Weg im Supermarkt beschreiten kann. Es sei denn, man springt olympiareif und todesmutig über diesen Einkaufswagen hinweg und landet gleich im nächsten, der in entgegengesetzter Richtung im gleichen Gang mindestens genau so quer herum steht. Und wehe, man beschwert sich darüber und fordert von seinen Einkaufsmitmenschen ein rücksichtsvolles, organisiertes Miteinander. Dann lernt man sie erst richtig kennen und versteht ganz plötzlich das teilnahmslose Gesicht der Regalauffüllerin, die wohl ver-sucht, das Erlebte nicht zu glauben und dieses durch einen Blick der Verständnislosigkeit auszudrücken. Diese weihnachtsbesinnlichen Supermarktkunden lassen sich es, trotz aller Nächstenliebe, die ja insbesondere an Weihnachten propagiert wird, nicht nehmen, sich wie im Straßenverkehr bei der Parkplatzsuche gegenseitig anzupöbeln und mit dem Hineinstoßen ihres Einkaufswagens in den anderen Einkaufswagen zu drohen.
„Ich stand zuerst dort.“, „Ich will da ran.“, „Ich brauche doch nur Salami.“ Also ich für meinen Teil brauchte nur eine klitzekleine Dose Champignons für mein Omelett und fühlte mich fast schon der Todesstrafe ausgesetzt, als ich darum bat, bitte an das Champignonregal zu dürfen. „Jehn se doch.“, wurde ich angeschrieen und dieser sich büffel-artig artikulierende Kunde mit seinen großen Augen und hervorstehenden Unterkiefer schob mich zugleich mit sei-nem Einkaufwagen in Richtung der Kondome, die ich für mein Omelett nun wirklich nicht brauchte.
Ich versuchte, mich seitwärts zwischen diesen ganzen Ein-kaufswagen hindurch zu drängeln, um endlich zu den Champignons zu gelangen und erlaubte mir, einen dieser Wagen ein wenig bei Seite zu schieben. Das hätte ich nicht tun dürfen.
Eine dickliche kleine Frau raste plötzlich auf mich zu und fragte mich kreischend, ob ich nicht sehen würde, dass ihr Wagen dort steht. „Ja.“, sagte ich, „Ich sehe ganz genau, dass dieser Wagen genau ihr Wagen ist und den finde ich so nett ausgefüllt, dass ich ihn wenigstens einmal anfassen wollte. Genau wegen ihrem Wagen befinde ich mich in diesem Geschäft.“
Diese kleine Einkaufskugel von Kundin war der Gipfel des Einkaufswahnsinns und ich wollte mich nun durchsetzen gegen quer stehende Einkaufswagen, deren Schiebern, und stieß diese ganzen Wagen einmal an, so dass nun niemand mehr wusste, welcher Einkaufwagen denn nun zu wem gehört oder auch nicht. Es versammelte sich eine Masse von besonnenen Menschen im Gang zwischen Waschmitteln und Müsli, so dass ich nun endlich freie Bahn in Richtung der Champignons hatte. Niemand hatte gesehen, dass ich dieser Wagenanstoßer war, da alle Kunden überall, nur eben nicht bei ihren Einkaufswagen waren. Jeder beschuldigte nun jeden, genau seinen Wagen weggeschoben zu haben und Schuld daran zu sein, wenn nun die Hälfte der geplanten Einkäufe vergessen werden würde. Während des ganzen Trubels um im Grunde genommen nichts, erklang eine sanfte Musik im Hinter-grund, um die Einkaufsfreude der Kunden entsprechend zu erhöhen. „Stille Nacht, Heilige Nacht.“
In diese stille Nacht gilt es aber nun erst einmal besinnlich hinein zu kommen und die Vorfreude auf die kommenden Stunden zu genießen.
Wenn nun alle Einkäufe erledigt sind, wird sich darauf besonnen, was vor dem heiligen Abend, vor der stillen Nacht noch alles erledigt werden muss.
Besinnlich wird daran gedacht, dass das Weihnachtsmahl vorbereitet werden muss, dass die hässliche Tischdecke, die man schon vor Jahren von irgendeiner Tante geschenkt bekommen hatte, gebügelt und auf den Tisch gelegt werden muss, dass das Bild der Schwiegermutter gesucht, abgestaubt und wieder aufgestellt werden muss, dass man ja die gute Garderobe noch bügeln muss und eigentlich wollte man ja auch noch ein Entspannungsbad nehmen, bevor dann die Verwandtschaft kommt, welche sich dann darüber brüskiert, wenn man sich darüber aufregt, weil sie, wie jedes Jahr, eine halbe Stunde zu früh gekommen sind und man es wieder einmal nicht geschafft hat, den Kaffee pünktlich auf den Tisch zu stellen und somit die Bedürf-nisse der Verwandtschaft gleich zu Beginn des heiligen Abends zu befriedigen. Man hatte ja sonst nichts zu tun.
Besonders gut hat man es jedoch, wenn man von der Aus-richtung des heiligen Abends verschont bleibt und sich für diesen Abend, der meist ja schon um 16 Uhr beginnt, als „Gast“ fühlen darf.
Man genießt den frühen Nachmittag, bügelt in aller Ruhe seine Garderobe für den Abend, nimmt sein Entspan-nungsbad, weiß, dass das Mahl für den nächsten Tag bereits vorbereitet ist und sieht dem „heiligen Abend“ gelassen entgegen. Bis zu diesem Moment, in dem um 15 Uhr das Telefon klingelt, man unvoreingenommen den Hörer abnimmt und einem die hysterische Stimme der verwandten Gastgeberin in die Ohren rauscht. „Wo bleibst du denn? Die anderen kommen auch gleich. Der Tisch muss noch gedeckt, der Kuchen angeschnitten und der Kaffee gekocht werden.“ Selbst, wenn man dann freundlich darauf hinweist, dass man doch erst um 16 Uhr „antreten“ sollte, wird diese einst getroffene Verabredung ignoriert, somit als null und nichtig erklärt, und der Befehl der Gast-geberin, gefälligst jetzt schon zu erscheinen, hat ausgeführt zu werden.
In der Ruhe, Besinnlichkeit und Vorfreude auf den heiligen Abend erschüttert und von der Angst geplagt, dass genau dieser Abend in einer Katastrophe enden würde, wird sich nun beeilt. Man hetzt vom Bad zum Kleiderschrank und umgekehrt, onduliert sich in doppelter Geschwindigkeit, fängt dabei fürchterlich an zu schwitzen, so dass auch noch die Angst mitschwingt, das Deo könnte versagen, schmeißt alle Geschenke wahllos in irgendeine Tasche und hofft, dass man in genau zwei Minuten am Zielort ist, um die Laune der Gastgeberin nicht weiter zu strapazieren. Dabei nimmt man auch gern diesen Schlechtegewissenklops im Bauch in Kauf, obwohl man gar nicht weiß, warum man ein schlechtes Gewissen haben sollte. Aber, es ist schließlich Weihnachten, das Fest der Liebe.
Nicht etwa, dass man an der Tür seiner Gastgeberfamilie mit einem friedlichen und freundlichen Lächeln empfangen wird und das Gefühl hat, man wäre gern gesehen. Nein. Man braucht erst gar nicht klingeln, denn man wur-de schon von Weitem beobachtet und die Tür wurde bereits geöffnet, ohne, dass jemand an der Tür steht, einen in den Arm nimmt und sagt, „Schön, dass Du da bist.“
Stattdessen hört man schon an der Wohnungstür, „Bin in der Küche, komm mal her und hilf mir.“
Man fühlt sich in diesem Moment herzlich willkommen, geliebt aber vor allem gebraucht und spielt mit dem kurzen Gedanken, auf dem Absatz kehrt zu machen und sein Weihnachtsdasein allein zu fristen. Aber nein, man fügt sich, um die ohnehin spannende Stimmung nicht noch mehr anzuheizen. Es wird nur schnell die Tasche mit den Geschenken in die Ecke gestellt, der Mantel auf irgendeinen Garderobenhaken geschmissen, die Schuhe ausgezogen, denn der Winterdreck der Straße sollte natürlich nicht den frisch geputzten Fußboden schmücken, und in die Küche gerannt, um der nahenden Katastrophe mutig entgegenzutreten. Dabei ist es auch völlig egal, dass man kom-plett bescheuert aussieht und sich vor allem auch so fühlt, wenn man in seiner besten Weihnachtsgarderobe und frisch frisiert auf Strümpfen in der Küche herumschliddert, dabei mit Rotkohl-, Grünkohl-, Kartoffel-, Klos- und Sau-censchüsseln jongliert und dabei hofft, dass wenigstens Gans und Ente sich gut miteinander verstehen, sich gut auseinander schneiden lassen, damit man sich nicht auch noch das hysterische Gekreische der Gastgeber anhören muss, wenn inzwischen alle Sättigungsbeilagen erkaltet sind und man genau dafür die Schuld bekommt, weil man ja schließlich früher hätte kommen müssen als es verabredet war. Und wenn man schon eingeladen ist, hätte man sich wenigstens um die Zubereitung des Nachtischs küm-mern können, denn es ist ja sonst nichts zu tun gewesen in der Vorweihnachtszeit. Auch dann nicht, wenn man am nächsten Tag selbst der Gastgeber ist und wenigstens am Vortag die Ruhe vor dem Sturm genießen will.
Ist der Tisch dann endlich gedeckt und alle sich liebenden Familienmitglieder sitzen friedlich drum herum könnte die Hoffnung entstehen, dass nun alles gut ist, gemütlich gegessen wird und vielleicht auch eine Unterhaltung stattfindet, die nicht in der Fortführung der Streitereien aus dem letzten Jahr mündet.
Vorerst wird dieser Hoffnung dann Recht gegeben, denn mit vollem Mund streitet es sich nicht besonders gut. Allerdings wird es dann langsam brenzlig, wenn der Blick des Gastgebers die Runde macht, langsam, von einem zum anderen. Wenigstens einer der beim Essen besonnenen Gäste könnte das Wort ergreifen und ein Loblied auf diese hervorragend zubereiteten Speisen singen. Das passiert in der Regel allerdings sehr selten, denn man könnte meinen, dass diese ständigen Wiederholungen auch nicht mehr Würze in den Rotkohl zaubern. Jedes Jahr dasselbe Essen, jedes Jahr derselbe Geschmack, jedes Jahr derselbe Blick der Gastgeber und jedes Jahr in Ungeduld Selbiger die Frage, „Schmeckt es denn allen?“, jedes Jahr dieselbe, von allen synchron gegebene begeistert wirkende Antwort „Hmmmm, jaaaa.“.
Ob diese geistreichen Aussagen nun ehrlich sind, geglaubt werden oder nicht, ist egal. Hauptsache, es herrscht wenigsten für die Zeit der Kauerei ein wenig Besinnlichkeit.
Spätestens nach dem Nachtisch, der meist schnell hergestellt, aus Tütenpudding und Büchsenobst besteht, wird dann das erste mal auf die Uhr gesehen und in sich hinein gestöhnt, denn die letzten eineinhalb Stunden muten wie mindestens sechs Stunden an, und das Bedürfnis nach ei-ner schnellen Erledigung dieses Abends macht sich breit.
Menschen, die sich sonst nichts zu sagen haben, haben sich an diesem heiligen Abend auch nichts zu sagen und Menschen, die das ganze Jahr Kontakt haben, haben sich an diesem Abend eben auch etwas zu erzählen. Also alles wie immer, nur eben an einem „heiligen Abend“ in der Gemeinschaft, um die man sich sonst erfolgreich zu drücken wusste. Nun sitzt man aber eben einmal im Jahr ge-meinsam um den Tisch herum und versucht irgendwie das Beste daraus zu machen. Und so furchtbar ist es ja auch gar nicht, wenn man nur weiß, wie man sich beherrschen kann, um nicht die ungeklärten Streitigkeiten der letzten Jahre hervorzuholen und den anderen den Abend damit zu verderben. Und was ist mit einem selbst?
Es brodelt und brodelt und brodelt unter der Oberfläche während des Festes der Nächstenliebe, bis sich der Höhepunkt des Abends nähert und somit dieser Abend doch noch einen Sinn zu bekommen scheint:
Die Besch(w)erung.
Feierlich verkündet Gastgeber oder Gastgeberin, „Sooooo Kinder“, (die meinen damit auch die Erwachsenen) „dann kommen wir jetzt zur Bescherung.“
Nicht etwa, dass die Geschenke nach und nach, wenn jeder Einzelne die gastliche Stätte der Nächstenliebe betreten hatte, seine Geschenke vorab in aller Ruhe unter den Weihnachtsbaum legte, nein, nun erst laufen alle durch-einander, suchen ihre Tüten und Taschen mit den Geschenken, treten sich dabei auf die Füße und buhlen dar-um, wer denn als erster seine Geschenke verteilen oder in Empfang nehmen darf. Es herrscht ein Heidendurcheinan-der, welches die Besinnlichkeit dieses Abends erheblich einschränkt. Denn wieder einmal ist nicht nur die Erwartung auf die zu bekommenden Geschenke groß, sondern auch die Erwartung auf die Reaktion der geschenkten Ge-schenke. In beiden Fällen jedoch überwiegen insgeheim wieder einmal die Zweifel, ob man auch das Richtige gekauft hat und ob man auch das bekommt, was man sich gewünscht hat. Meistens hat die Zweifelei ihre Berechtigung, denn die geschenkten Geschenke werden billigend zur Kenntnis genommen und die bekommenen Geschenke sind auch nicht wirklich das, worüber man sich freut.
Im Grunde sind es Verlegenheitsmitbringsel, weil ja irgendetwas unter dem Baum liegen muss oder es ist etwas, was man sich zur Not hätte auch selbst kaufen können.
Herzenswünsche werden schon lange nicht mehr erfüllt, da sie oft nicht den Vorstellungen des Schenkers entsprechen und somit auch keine Wunschberechtigung haben. Wünscht man sich einen Gutschein für irgendetwas, um bei sofortigem Kauf durch den Schenker nicht in den Um-tauschtrubel zu geraten, bekommt man keinen Gutschein, sondern der Schenker besorgt selbst das, was man dann eben umtauschen muss. Wünscht man sich ein bestimmtes Parfum bekommt man es nicht, weil es dem Schenker nicht gefällt, wünscht man sich irgendein technisches Gerät bekommt man es nicht, weil der Schenker es für über-flüssig hält, es eventuell selbst gern hätte und somit überhaupt nicht einsieht, so etwas für einen anderen zu kaufen. Also gibt es die Geschenke, die andere für richtig halten. Bücher, deren Inhalte einen nicht interessieren, bunte So-cken, deren Farben zu keinem einzigen anderen Kleidungsstück passen, Kalender, von denen man schon drei hat und dort eben nur andere Jahreszahlen draufstehen und eventuell bereits bezahlte Gutscheine für Dinge, die man auch nicht braucht.
„Gerührt“, in Wahrheit eher „geschüttelt“, sieht man in die Runde, versucht, seine Enttäuschung zu verbergen und erfreut sich bestenfalls an der Freude der Kinder über ihre Geschenke, wenn diese auch nach 3maligem Gebrauch wieder in irgendeiner Ecke verschwinden, weil die „New Edition 1023“ von irgendeinem Computerspiel nicht mehr aktuell, also nicht mehr „new“, geschweige denn „in“ ist.
Wollte man lediglich ein gutes Werk tun, hätte man sein sauer verdientes Geld auch spenden können. Dorthin spenden, wo es am Nötigsten gebraucht und hoffentlich auch sinnvoll eingesetzt wird. Allerdings ist auch dieses nicht immer zu überprüfen, denn zu allererst werden natürlich die Kosten der Organisationen gedeckt, welche sich für ihre „Ziel“-Gruppe einsetzen, um diese tat- und sachkräftig zu unterstützen. Dazu gehört natürlich auch die pas-sende Verkaufsstrategie.
Was lässt sich, außer fortschrittlicher Technik natürlich, in der Weihnachtszeit am besten verkaufen?
Was rührt den weihnachtlich gestimmten Bürger in seiner Psyche so an, dass er gar nicht anders kann, als zu spenden?
Der gezielte Stich ins Gewissen, der psychologisch gezielt ausmanövrierte Blick in das Elend anderer lässt uns warmherzig, großzügig und unser Gewissen beruhigend spenden, wenn wir doch, ausgerechnet in der Weihnachtszeit feststellen, dass unser Elend im Verhältnis zu anderen elendigen Zuständen eine Kleinigkeit darstellt. Für einen Moment.
Genau dieser Moment ist es, den es gilt für die Spenden-freudigkeit zu nutzen. Denkwürdig ist nur, dass diese Freudigkeit scheinbar nicht aus einer Überzeugung entspringt, sondern tatsächlich ein stimmungsabhängiger An-fall in Richtung der Befriedigung des eigenen Gewissens ist, sollten wir tatsächlich daran denken, dass es außer uns andere Menschen gibt, die durchaus andere Sorgen haben, als die Befriedigung von unsinnigen Bedürfnissen wie dem Erwerb von neumodischem Kram, den kein Mensch zum Leben wirklich braucht.
Man könnte aber, unabhängig und doch auch in Anbetracht von unserer getroffenen Psyche daran glauben, dass Spendenaktionen von sämtlichen Hilfsorganisationen le-diglich in Absprache und/oder durch Einschränkung mit/durch der/die Wirtschaft ausgerechnet in der Weihnachtszeit stattfinden. Würden wir nämlich im gesamten Jahr in sämtliche Richtungen spenden, könnte es durchaus sein, dass so einige Euros nicht in den Kassen der Wirt-schaftsunternehmen landen. Daran kann es liegen, dass Blinde offensichtlich nur in der Weihnachtszeit blind sind, Kinder in den so genannten Dritte-Welt-Ländern nur in der Weihnachtszeit hungern, Aidskranke nur in der Weih-nachtszeit dem Tode geweiht sind und Obdachlose nur zu Weihnachten kein Dach über dem Kopf haben.
Ich jedenfalls kann zum Beispiel im Juni, Juli, August, etc. keine besonderen Spendenaufrufe im TV und in meinem Briefkasten verzeichnen.

Weihnachten, das Fest der Liebe, das Fest der Nächsten-liebe.
Sieht man in die Gesichter mancher Festteilnehmer könnte man sich fragen, ob die Liebe immer noch das gemeinsame Leben bestimmt oder eher die Gewohnheit, an die sich dann auch schon gewöhnt wurde. Sie laufen aneinander vorbei, ohne sich anzusehen, sie sitzen nebeneinander, ohne das eine Nähe zu spüren ist, sie unterhalten sich wie flüchtige Bekannte über Belanglosigkeiten, wenn sie überhaupt miteinander sprechen.
Über die Kinder wird gesprochen, das ist dann meist schon alles. Vielleicht sind sie aber auch so fest miteinander verbunden, dass sie sich wortlos verstehen. Wenigstens das bleibt zu hoffen.
Ist das Fest der Liebe für diesen Tag beendet, drehen sich alle um, verlassen in die jeweiligen Richtungen die festliche Stätte des heiligen Abends und es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Mäuler über die anderen Nächstenliebenden zerrissen werden. Sei es über deren Garderobe, über den lauwarmen Kaffee, über die Ge-schenke, die unterschiedlicher Preisklassen waren, und somit den Wert des Beschenkten errechnen ließen.

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