Ein Schlitten und kein Schnee

Ein Schlitten, und kein Schnee.

Was mir am deutlichsten von Weihnachten aus meiner Kindheit in Erinnerung ist, das ist eigentlich der Christbaum.
Schön geschmückt, mit silbernen Kugeln, Vögelchen wippten auf den Zweigen, Eiszapfen aus Glas funkelten im Kerzenlicht, und mit kleinen Glöckchen die klingelten wenn man sie sanft anstieß, überstrahlt von silbernem Lametta, präsentierte er sich in jedem Jahr in alter, neuer Pracht.
Die zweite Herrlichkeit war der bunte Teller.
Ein Teller voller Süßigkeiten für jeden ganz allein.
Eine ganze Tafel Schokolade, Marzipanbrot, Fondantkringel, in Stanniol gewickelte Figürchen, Spritzgebäck und Pfeffernüsse, Spekulatius und süße Printen.
Und, eine Apfelsine. Sie wurde bis zuletzt aufgehoben, allein schon wegen dem Duft den sie verströmte wenn man mit dem Daumennagel die Schale etwas einritzte.

Bei uns fand die Bescherung immer erst am Weihnachtsmorgen statt, denn das Christkind kam erst am späten Heilig Abend um den Baum zu schmücken, dann musste Ruhe im Hause sein, sonst flöge es gleich wieder fort, wurden wir ermahnt.
In diesem Jahr wurden wir schon vorgewarnt, es war Krieg, und ob das Christkindchen Geschenke bringen würde war sehr in Frage gestellt.

Doch am Weihnachtsmorgen, als wir in die gute Stube kamen, hatte das Christkind doch ein Geschenk für uns gebracht.
Einen Rodelschlitten. Einen Viersitzer, ein Riesending, mit Kufen aus gebogenen Eisenrohren und schön blank lackierten Leisten.
Nur, es lag leider überhaupt kein Schnee!
Ein bisschen verloren und enttäuscht hockten wir auf unserem Schlitten, mein Bruder vorne und ich dahinter, wie sich das in der Rangordnung gehörte, und wir wussten nicht viel mit uns anzufangen.
Ich schlich den Christbaum von hinten an, dort wo mich niemand sehen konnte und mopste mir von dem Lametta. Daraus drehte ich mir Armbänder und Fingerringe. Leider musste ich zwischendurch immer einmal ein Glöckchen am Christbaum zum Klingen bringen, dadurch wurde mein Frevel bald entdeckt.
Als nächstes sortierte ich dann wohl meinen bunten Teller, zählte mein Vermögen und verglich es heimlich mit dem meines Bruders.
So quälte sich der erste Weihnachtstag dahin. Unsere sehnsüchtigen Blicke zum Himmel in der Hoffnung auf Schnee wurden nicht erhört.
Doch der Himmel hatte dennoch ein Einsehen. Am zweiten Weihnachtstag fielen reichlich die weißen Flocken von Himmel, Frau Holle machte endlich ihre Betten.
Am Nachmittag konnten wir schon mit unserem neuen Schlitten losziehen, und unser Stolz kannte keine Grenzen, denn unser Schlitten war der Schönste, der Schnellste und der Größte von allen.
Unser Vater hatte ihn auf der Zeche eigenhändig für uns gebaut.

E.Jahns

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Corinna Brinkmann aus Langweid am Lech am 03.01.2009 um 20:08 Uhr  
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