Singkreisleiterin Gabriele Hemb: "Das Engagement der Eltern ist wichtig"
Der Kindersingkreis der Mariengemeinde Barsinghausen hat im Dezember 2011 sein 20-jähriges Bestehen mit dem Musical „Josef und Maria – der durchkreuzte Plan“ gefeiert. Gabriele Hemb rief den Singkreis 1991 ins Leben und leitet ihn heute zusammen mit Lars Peter. Wie es dazu kam, erklärt sie im Interview.
Frau Hemb, Sie sind die Leiterin des Kindersingkreises der Mariengemeinde. Im Dezember hat Ihr Singkreis sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. Was zeichnet den Singkreis aus?
Ich leite den Kindersingkreis der Mariengemeinde schon seit vielen Jahren gemeinsam mit Lars Peter. Die Gruppenstärke beläuft sich in der Regel auf 20 bis 25 Kinder. Die Kinder sind zwischen fünf und 13 Jahren alt, und kommen aus verschiedenen Barsinghäuser Gemeinden. So haben wir stets eine bunt-gemischte Truppe, die für ein Musicalprojekt immer erst zu einer Gruppe zusammengeführt werden und zusammenwachsen muss. Für die Kinder und uns ist es stets ein sehr belebendes Ereignis, in ganz anderen als schulischen Strukturen miteinander zu arbeiten, und Spaß zu haben.
Wir inszenieren pro Jahr ein biblisches Musical im Frühling und eins in der Advents- und Weihnachtszeit. Dazwischen gibt es auch Themengottesdienste zum Kirchenjahr (z. B. Erntedank). Hier singen wir auch traditionelles Liedgut aus dem Gesangbuch. Wir arbeiten projektbezogen, also von Februar bis Mai eines Jahres und von September bis Dezember.
Gibt es auch etwas, das besser sein könnte?
Toll wäre, wenn wir noch mehr Jungen zum Singen gewinnen könnten. Die Jungen, die zurzeit mitwirken, sind voller Engagement dabei. Und in biblischen Geschichten gibt es zahlreiche „Hosenrollen“.
Was zeichnet Ihre Musicals aus?
Unsere Musicals sind biblische Singspiele. In unseren Stücken singen und spielen die Singkreiskinder die alttestamentlichen Geschichten von Adam und Eva, Abraham und Sarah, Josef und seinen Brüdern, Mose und Miriam, Noah und Jona sowie David und Ruth. Natürlich inszenieren wir auch viele neutestamentliche Geschichten, im Kirchenjahr stets beginnend mit einem Krippensingspiel.
Ebenso singen die Kinder vom blinden Barthimäus, von der Heilung des Gelähmten, vom Zöllner Zachäus, vom verlorenen Sohn und von der Sturmstillung. Den Musikstil der Musicals können wir weitläufig als Sacro-Pop bezeichnen. Es wird chorisch und solistisch gesungen. Unsere Musikliteratur suchen wir in der Regel auf den großen Auslagetischen der Kirchentagsbuchhandlungen aus, zuletzt in Dresden.
Wie viel Vorbereitungszeit steckt in einem Auftritt?
Wenn ein Arrangement gefunden wurde, das mit unserer Kindergruppe und der Singkreisband zu bewältigen ist, proben wir zunächst einmal wöchentlich donnerstags mit den Kindern im Gemeindehaus, begleitet mit Gitarre und Keyboard. Parallel übt montags die Singkreisband ihren Part (E-Bass, E-Gitarre, Keyboard, Flöte). Auf einer Wochenendfreizeit in einer der umliegenden Gemeinden wird das Musical intensiv erarbeitet, nicht nur musikalisch, sondern auch die biblische Geschichte vertieft. Ebenso werden Sprechrollen eingeübt und Kostümfragen geklärt. Natürlich gibt`s auch jede Menge Spaß beim Herumtollen mit den Teamern im Freigelände draußen, bei einer Bastel- oder Werkarbeit und beim gemeinsamen Essen, stets von fleißigen Elternhänden zelebriert. Pastorin Uta Junginger feiert mit uns auf jeder Freizeit eine Andacht.
Nach der Freizeit proben wir zweimal wöchentlich mit der Singkreisband zusammen, dann folgen die Haupt- und Generalproben. Pro Musical gibt es drei bis vier Aufführungen in der Barsinghäuser Klosterkirche und den Kirchen der umliegenden Gemeinden. Zu Weihnachten sind wir gern gesehene Gäste im Marienstift und Brigittenstift. Die Vorbereitungszeit für ein Musical beträgt im Schnitt drei Monate.
Wie ist es damals eigentlich zur Gründung des Singkreises gekommen?
Ende der achtziger Jahre zog ich mit meinem Mann und unseren damals kleinen Kindern in unser neues Haus im Einzugsbereich der Petrusgemeinde. Da es in der Gemeinde keine musikalische Kinderarbeit gab, kamen Pastor Manfred Otterstätter und ich bald auf die Idee, mit unseren Kindern und deren Freunden zusammen zu singen. Die singenden Kinder begleiteten wir mit Gitarre und Klavier/Keyboard. Der erste Auftritt der Kinder in der Petruskirche fand zu St. Martin im November 1991 statt. Auch zum Advent und zu Weihnachten sangen wir und besuchten als Sternsinger alte und kranke Menschen in der Gemeinde.
Im Zuge der Stellenkürzungen verließ Manfred Otterstätter Ende der neunziger Jahre die Petrusgemeinde. Zu diesem Zeitpunkt ging auch Kreiskantor Paul-Jürgen Brodersen in den Ruhestand. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, den Kindersingkreis in der Petrusgemeinde mit seinem Kinderchor in der Mariengemeinde zu fusionieren, und so geschah es dann auch. Seit 2000 leite ich mit Lars Peter zusammen den Kindersingkreis der Mariengemeinde, bei dem aber Kinder anderer gemeinden stets herzlich willkommen sind.
Wenn Sie ein Resümee zu Ihrem Jubiläumsauftritt ziehen: Wie ist das Musical „Josef und Maria – der durchkreuzte Plan“ angekommen?
Wir können mit unserem Jubiläumsjahr sehr zufrieden sein. Sowohl unser Musical „Voll im Wind“, das die Geschichte der Sturmstillung erzählt, sowie unser diesjähriges Weihnachtsstück „Josef und Maria – der durchkreuzte Plan“ kamen gut an und haben viel Spaß gemacht. Ein Novum hatten wir in diesem Jahr beim Krippensingspiel insofern, als dass wir die Vorweihnachtsgeschichte mit der Verkündigung und dem „Beziehungsstress“ zwischen Josef und Maria in den Fokus gestellt haben. Die Weihnachtsgeschichte selbst wurde erstmalig von drei Kindern im Original Lukas-Text auswendig vorgetragen.
Sie haben im Laufe Ihrer Zeit mit dem Singkreis bestimmt viel erlebt. Gab es auch etwas Kurioses, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist? Oder eine nette Begebenheit, über die Sie eine Anekdote erzählen können?
O ja, wir haben viel erlebt! Oft mussten wir erkrankte Kinder spontan ersetzen, daher ist es immer wichtig, dass wir „Springer-Kinder“ in der Gruppe haben, die in der Lage sind spontan in andere Rollen schlüpfen können. Wenn die Technik ausfällt, gibt´s auch Stress, dann muss halt improvisiert werden.
Anekdoten? Natürlich haben wir solche! Einmal hatte unsere Maria in einer Aufführung im Altenstift ihre Babypuppe, also das Jesuskind, vergessen. Wie konnten wir die Situation retten? Schließlich verkleideten wir einen Teddybären, den uns eine nette Bewohnerin zur Verfügung gestellt hatte, als Baby und legten ihn in die Krippe…
Ein anderes Mal wurde ein kleines Singkreiskind zuhause von seinem Papa befragt, was es denn nun im Singkreis zu Weihnachten singen werde. Die Fünfjährige erzählte: „O, wir singen von Jesus und von Julia!“ Schmunzelnd verbesserte der Papa: „Du meinst wohl von Jesus und Maria!“ Entrüstet antwortete die Kleine: „Nein, wir singen nicht „Hallo Maria“, wir singen immer „Hallo Julia!“ Fröhliche Weihnachten! Halleluja!
Viele Vereine beklagen das fehlende Engagement des Nachwuchses. Welche Beobachtungen machen Sie beim Singkreis?
Obwohl das projektbezogene Arbeiten dem Zeitgeist entspricht, müssen auch wir schauen, dass wir unsere Kinder zu einem Projekt zusammenbekommen. Es ist heute nicht mehr so einfach, Kinder für ein dreimonatiges Projekt an sich zu binden und die Probenmoral, die wir einfach brauchen, durchzusetzen.
Auch die Veränderung der Schulen in Ganztagsschulen und die Verlegung der Empfehlung für die weiterführende Schule in das vierte Grundschuljahr erleichtert uns die Arbeit keineswegs. Häufiger dürfen Kinder, die schulisch zu Beginn des vierten Schuljahrs in ihren Leistungen auf der Kippe stehen, nicht mehr kommen, weil die Schule ihren Tribut verlangt. Leistung und Erfolg zählen sehr. Das spüren wir stark, weil so vielen Kindern einfach die Zeit fehlt, auch bei der Kirche noch musikalisch mitzumachen, obwohl sie Lust dazu hätten. Das ist schade. Da ich selbst Grundschullehrerin bin und viel und gern Musik und Religion unterrichte, weiß ich, wie sehr Kinder die biblischen Geschichten mögen und sich selbst in ihnen wieder finden.
Ein wichtiges Thema sind in diesem Zusammenhang auch das Engagement der Eltern. Allein können Kinder in der Regel einen Probenplan nicht einhalten oder Texte lernen. Für jedes Projekt und manchmal auch über mehrere Jahre hinweg kristallisiert sich eine nette Singkreisfamilie heraus, die die Freizeiten mit unterstützt und auch gemeinsame kulturelle Aktionen unternimmt.
Wie ist die Stimmung bei Ihren Auftritten? Warum sollte jeder Barsinghäuser eines Ihrer Musicals gesehen haben?
Da unsere Musicals stets eine Botschaft transportieren, beobachten wir bei unseren Auftritten stets eine freudige Spannung beim Publikum. Natürlich requirieren sich die Zuschauer vorrangig aus dem Umfeld der singenden Kinder, aber es gibt auch stets neugierige Gemeindemitglieder. Natürlich gibt`s auch Schulfreunde als Zuschauer. Werbung durch Plakate, Zeitung und Mund-zu- Mund-Propaganda sind allerdings immer wichtig.
Nie würden wir erwarten, dass jeder Barsinghäuser eines unserer Stücke kennenlernen sollte. Wir freuen uns natürlich über jeden Besucher, egal welchen Alters und welchen kirchlichen Hintergrunds, der unsere singenden „Botschafter für die Sache Gottes“ hören und vielleicht sogar mitsingen mag. Wir freuen uns auch über Besucher, die weniger religiösen Hintergrund haben oder weniger kirchlich sozialisiert sind, die biblischen Geschichten aber als wichtige Kulturbotschaft erkennen, die eigentlich jeder kennen sollte.
Welche Veranstaltungen haben Sie im Jahr 2012 geplant? Worauf dürfen sich die Barsinghäuser freuen?
Unser nächstes Kinder-Musical heißt „Der barmherzige Samariter“. Es ist die Geschichte um die immer wieder spannende Frage „Wer ist mein Nächster?“ Die Aufführungen werden voraussichtlich an den Maisonntagen 2012 sein. Über ein Weihnachtsmusical haben wir uns zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken gemacht, wohl wissend, dass Weihnachten immer so plötzlich kommt…
Wenn ein Kind Interesse daran hat, bei Ihrem Singkreis mitzumachen, wo bekommt es Informationen?
Wenn ein Kind im Alter von circa sechs bis zwölf Jahren bei unserem nächsten Projekt mitmachen möchte, kann es ab dem 9. Februar einfach zu uns in den Gemeindesaal neben der Klosterkirche St. Marien kommen, und zwar donnerstags zwischen 18 und 18.45 Uhr. Unsere Telefonnummern stehen im Gemeindebrief und im Telefonbuch.
Wo sehen Sie den Singkreis in zehn Jahren?
Das ist schwer zu beantworten. Es geht hier ja nicht nur um Zeit- und Kraftreserven bei uns, sondern auch darum, inwiefern Konzepte von heute in zehn Jahren noch greifen.
Die Kinder zahlen keine Beiträge: Herr Peter und ich arbeiten ehrenamtlich, also unentgeltlich. Uns beiden ist sehr wichtig, dass das Ehrenamt als Urgestein kirchlicher Gemeindearbeit erhalten bleibt. Finanziell trägt sich der Kindersingkreis durch Kollekten, private Spenden und Gaben, die wir bei Auftritten z. B. in den Altenstiften erhalten. Auch der Förderverein unterstützt uns sehr spendabel, so dass wir Geld haben zur Pflege unserer Kostüme, Requisiten, der Technik und gemeinsamer Unternehmungen.
Ob das Kindersingkreisprojekt in dieser Form in zehn Jahren noch durchführbar ist, hängt wesentlich davon ab, ob die nötigen Rahmenbedingungen noch gegeben sind.
Mal abgesehen vom Singkreis: Was macht Barsinghausen lebenswert? Und was könnte besser werden?
Ich selbst bin gebürtige Hannoveranerin. Mit Familie und Kindern lässt es sich jedoch hervorragend in einer Kleinstadt in der Nähe einer Großstadt leben. Das Leben ist im Ganzen überschaubarer und persönlicher, die Schullandschaft im Raum Barsinghausen, die Angebote im Bereich des Sports, der Kirchen und der Kultur sind wirklich gut. Der nahe Deister, die Feldmark und das Steinhuder Meer bieten Raum für wunderbare Wanderungen, Spaziergänge und Fahrradtouren. Kulinarisch kann man sich in dieser Gegend auch wunderbar verwöhnen lassen. Die Vorteile, in der Nähe einer Landeshauptstadt zu leben, muss ich nicht hervorheben.
Schade finde ich, dass ich in der Marktstraße, im Zentrum Barsinghausens, vorrangig nur noch Schuhe, Brillen und Handys kaufen kann. Natürlich gibt es rühmliche Ausnahmen! Das Eingehen alt eingesessener familiengeleiteter Geschäfte ohne Nachfolge mit so persönlicher Beratung, die man in Hannover nicht so kennt, empfinde ich als echten Verlust. Für einige Anschaffungen müssen wir jetzt längere Wege und unpersönliche Beratung in Kauf nehmen.
Haben Sie einen Wunsch fürs neue Jahr?
Biblische Geschichten erzählen viel von menschlichen Begegnungen. So wünschen wir uns, dass wir auch im Jahr der Kirchenmusik 2012 mit dem Kindersingkreis und unserem Musical „Der barmherzige Samariter“ das Gesicht von Menschlichkeit in unsere Stadt transportieren können. Mitgefühl, Rücksichtnahme und Toleranz sind Werte, ohne die unser Miteinander nicht funktionieren kann.


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