Illegaler Wegefreischnitt im Nationalpark Kellerwald-Edersee

Wanderer nutzen bevorzugt urige Steige und Pfade für ihre Touren, auf denen sie ursprüngliche Natur genießen können. Illegale Wegefreischnitte von Nationalparkbesuchern zerstören den gewünschten Wildnischarakter dieser gern genutzten Steige und bleiben für Jahrzehnte sichtbar. Bildautor: Nationalpark Kellerwald-Edersee
Bad Wildungen: Hessen-Forst | Maßnahmen zur Besucherlenkung im Großschutzgebiet dürfen ausschließlich von Mitarbeitern der Nationalparkverwaltung vorgenommen werden. Werden Wanderer oder Fahrradfahrer selbst aktiv und greifen zur mitgebrachten Säge, so handelt es sich um einen illegalen Wegefreischnitt.

Zum wiederholten Male entdeckten Nationalparkmitarbeiter, dass Wanderwege und Steige freigeschnitten wurden. Mit Bügel- oder sogar Motorsägen wurden Baumstämme durchtrennt und die vermeintlichen Behinderungen von Wegen entfernt.

Bei diesen illegalen Wegefreischnitten handelt es sich jedoch nicht um kleine Kavaliersdelikte, sondern um eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem erheblichen Bußgeld geahndet werden kann, wie Achim Frede vom Nationalparkamt als Leiter der Unteren Naturschutzbehörde betont. Rechtsgrundlage ist zum einen die Nationalparkverordnung, die das 5.738 ha große Gebiet als höchste Schutzgebietskategorie Deutschlands ausweist und Ge- und Verbote definiert, zum anderen in Bezug auf Sachbeschädigungen das Bürgerliche Gesetzbuch.

Neben der nachhaltigen Beeinträchtigung des Schutzgebiets durch die illegalen Wegefreischnitte sieht die Nationalparkverwaltung die Auswirkungen auf den Wildnischarakter und der damit verbundenen didaktischen Bildungseffekte besonders kritisch.

Nationalparkleiter Manfred Bauer erläutert: “In einem Nationalpark gilt das Motto „Natur Natur sein lassen“, der Mensch greift nicht mehr ein und lässt Entwicklungsprozesse zu. Auf kleinen Steigen und Pfaden können Wanderer diese werdende Wildnis im Großschutzgebiet hautnah erleben. Sie durchqueren eine ehemalige Windwurffläche, werden auf verschlungenen Wegen um Bäume herumgeführt oder steigen über den Stamm eines gefallenen Baumes. Gerade dieser Wildnischarakter, den Nationalparkbesucher bewusst suchen, geht durch die illegalen Wegefreischnitte verloren, da die Spuren der Sägen über Jahrzehnte sichtbar bleiben“.

Um Wanderern eine sichere Wegeführung auf sog. Wildnispfaden ermöglichen zu können, greift die Nationalparkverwaltung in Ausnahmefällen an ausgewählten Stellen ein und führt einen Wegefreischnitt durch. „Dieser erfolgt, wie alle Maßnahmen der Nationalparkverwaltung, nach einer Prüfung. Dabei sind zahlreiche Kriterien zu beachten, um jedweden Eingriff so minimal wie möglich zu halten“, erklärt Achim Frede. Beispielsweise werden die Monate festgelegt, in denen die Freischneidearbeiten durchgeführt werden, um den in der Nähe brütenden Schwarzstorch nicht zu stören oder im schlimmsten Fall sogar zu vertreiben. Es werden darüber hinaus besondere Schneidetechniken angewendet, um glatte Schnittflächen zu vermeiden, die auf den ersten Blick auf menschliche Spuren hindeuten und den Wildnischarakter stören.

Die Ergebnisse einer Besucherbefragung belegen, dass gerade die urigen Steige und Pfade mit ihrem Wildnischarakter bei Nationalparkbesuchern sehr gut ankommen und als etwas Besonderes erlebt werden.

Ebenso störend sind Spuren von Mountainbikern oder Reitern, die regelmäßig von Nationalparkmitarbeitern auf nur für Wanderer vorgesehenen Steigen und Pfaden entdeckt werden. Diese sind jedoch nicht nur aus ästhetischen Gründen kritisch zu beurteilen. Immer wieder kommt es auch zu Konflikten zwischen den verschiedenen Nationalparkbesuchern. Auf den oftmals schmalen Steigen, wie beispielsweise dem Urwaldsteig Edersee, kann es zu gefährlichen Situationen kommen, wenn sich Wanderer und schnellfahrende Mountainbiker oder Reiter plötzlich hinter einer engen Kurve begegnen, da ein Ausweichen manchmal kaum möglich ist. Aus diesem Grund sind bestimmte Wege im Nationalpark Kellerwald-Edersee, meistens Steige und Pfade, ausschließlich den Wanderern vorbehalten. Für Radfahrer und Reiter gibt es ein separat ausgewiesenes Wegenetz.

Illegale Wegefreischnitte oder das verbotenes Radfahren auf dem Urwaldsteig Edersee sind nicht die einzigen Ordnungswidrigkeiten im Nationalpark Kellerwald-Edersee. In den vergangenen Jahren wurden sogar Forschungseinrichtungen wie Wildkameras oder eine Besucherzähleinrichtung gestohlen.

Die Nationalparkverwaltung ist dankbar für zweckdienliche Hinweise in Bezug auf illegale Wegefreischnitte oder sonstige Handlungen, die gegen die Nationalparkverordnung verstoßen. Gleichzeitig bittet sie Nationalparkbesucher, sich an das Wegegebot im Großschutzgebiet zu halten und das große Angebot von derzeit 20 vorhandenen Rundwanderwegen und einem Wanderwegenetz von insgesamt ca. 200 Kilometern im Nationalpark zu nutzen, um Flora und Fauna abseits der Wege nicht zu stören.

„Es geht darum, die höchste internationale Schutzkategorie, noch dazu geadelt mit dem UNESCO-Werltnaturerbe-Prädikat und einer weltweiten Zertifizierung, mit einem einzigartigen Naturgenuss in Einklang zu bringen“, betont Achim Frede, für Naturschutz und Planung zuständiger Sachgebietsleiter im Nationalparkamt.

Hintergrund:
Auszüge aus der Verordnung über den Nationalpark Kellerwald-Edersee
§ 2 Schutzzweck

(1) Zweck der Unterschutzstellung ist, die natürlichen und naturnahen Ökosysteme des Nationalparks mit ihren typischen Tier- und Pflanzengesellschaften sowie ihren Gesteinen und Böden zu erhalten und auf Dauer einer nur den natürlichen Umweltfaktoren unterworfenen, eigenen Entwicklung und Dynamik auf mindestens 75 vom Hundert der Fläche zu überlassen (Prozessschutz).

(2) Mit der Ausweisung als Nationalpark sollen darüber hinaus – soweit es mit dem Schutzzweck vereinbar ist -

1. die Lebensräume bodenständiger Tier- und Pflanzenarten erhalten oder wiederhergestellt werden, Störungen von ihnen ferngehalten und die natürliche Wiederansiedlung verdrängter Arten gefördert,

2. die besondere Eigenart, landschaftliche Schönheit, Ruhe und Ungestörtheit des Gebietes erhalten oder wiederhergestellt,

3. kulturhistorisch und naturgeschichtlich wertvolle Denkmale und Flächen erhalten und im Rahmen der Möglichkeiten wiederhergestellt,

4. die ungestörte Dynamik der Lebensgemeinschaften des Waldes wissenschaftlich beobachtet und erforscht und

5. das Gebiet der Bevölkerung zu Erholungs- und Bildungszwecken zugänglich gemacht und erschlossen werden.

§ 4 Nationalparkplan

(1) Leitbild, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen des Nationalparks sind in einem Nationalparkplan darzustellen. Dieser enthält insbesondere Maßnahmen und Pläne zur Erreichung des Schutzzwecks nach § 2. Dazu zählen insbesondere:

1. Prozess-, Biotop- und Artenschutz,

2. Behandlung des Waldes und der Offenlandflächen,

3. Sicherung und Lenkung des Erholungs- und Besucherverkehrs,

4. Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit,

5, Wildbestandslenkung,

6. wissenschaftliche Dokumentation und Forschung und

7. Erfüllung von Berichtspflichten nach der FFH- und Vogelschutzrichtlinie.

§ 7 Erholung und Wegeplan

(1) Der Nationalpark steht der Allgemeinheit zum Zwecke einer naturverträglichen Erholung zur Verfügung, soweit dies dem Schutzzweck nach § 2 nicht widerspricht.

(2) Der Nationalpark darf ausschließlich auf den jeweils dafür besonders gekennzeichneten Wegen auf eigene Gefahr betreten, mit Krankenfahrstühlen befahren, zum Radfahren und zum Reiten benutzt werden. Zur Regelung des Besucherverkehrs kann das Nationalparkamt Besucherlenkungsmaßnahmen vornehmen oder Ausnahmen zulassen.
Im Auftrag

Nicole Backhaus
Hessen-Forst
Nationalpark Kellerwald-Edersee
Sachgebiet Kommunikation, Bildung und Naturerleben
Geschäftsführung Förderverein Nationalpark
Nicole Backhaus
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8 Kommentare
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Rudolf (Rudi) Schäfer aus Frankenberg (Eder) | 02.11.2013 | 10:50  
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Rudolf (Rudi) Schäfer aus Frankenberg (Eder) | 02.11.2013 | 11:33  
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Helmut Kosin aus Rickenbach | 02.11.2013 | 12:44  
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Rudolf (Rudi) Schäfer aus Frankenberg (Eder) | 02.11.2013 | 13:16  
12.231
Heidi K. aus Schongau | 02.11.2013 | 19:13  
1.821
Rudolf (Rudi) Schäfer aus Frankenberg (Eder) | 03.11.2013 | 10:14  
12.231
Heidi K. aus Schongau | 03.11.2013 | 17:26  
110.996
Gaby Floer aus Garbsen | 04.11.2013 | 08:35  
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