Inklusion - so funktioniert sie

Inklusion - so funktioniert sie

Kolumne vom 16.03.2014

Ich war auf einer Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenbeauftragten von Nordhessen eingeladen. Alleine der Name machte mich neugierig. Sollte es inzwischen wirklich Behindertenbeauftragte geben, die miteinander reden?

von Robert Schneider

Wir alle kennen Behindertenbeauftragte, die eher den Titel Verhinderungsbeauftragte verdienen. Haben sie doch die wichtige Aufgabe, ihre jeweilige Stadt oder Gemeindeverwaltung in so wichtigen Dingen, wie zum Beispiel der Breite einer barrierefreien Friedhofstüre zu beraten. Da bleibt für die Behinderten selbst keine Zeit. Sollen die sich doch an die Sozialbehörden wenden.

Der Behindertenbeauftragte meiner Verbandsgemeinde sieht seine Aufgabe zum Glück nicht so. Er sieht sich eher als Interessenvertreter der Behinderten und ist da auch ziemlich rührig. Bisher hielt ich sein Verständnis des Aufgabenbereichs für recht passend. Aber man ist nie zu alt, um dazuzulernen.

Nun, Nordhessen habe ich intensiv kennen gelernt, als ich vor Jahren, noch besser zu Fuß die dortigen Wälder, meist in Bauchlage, erkundete. Gemeinsam mit Gleichgesinnten krauchten wir, in der Modefarbe oliv gekleidet, durchs Unterholz und kannten so ziemlich jede Ameise und jeden Kieselstein mit Vornamen.

So war mir die Gegend nicht allzu fremd. Ich war schon ein bisschen früher da, um mich ein wenig zu akklimatisieren und mich auf die Leute einzustimmen. Außerdem schwebte bei meinem letzten Aufenthalt noch nicht das Damoklesschwert des Decubitus über mir. Vor der Veranstaltung wollte ich im Hotel noch ein bisschen entlasten. Beim historischen Ortskern mit seinem Kopfsteinpflaster hatten wohl die Denkmalschützer bessere Argumente, als die Barrieren-Abbauer. Aber gerade das sollte mir eine Ahnung davon geben, was Inklusion bedeuten kann. Auf Kopfsteinpflaster vor einer kleinen Schwelle Schwung zu holen, ist für sich schon nicht leicht. Beim dritten Versuch hörte ich eine Stimme: "Ja, bei dem Pflaster ist das ganz schön schwer. Darf ich helfen?"
Ein vielleicht 14 oder 15 Jahre altes Mädchen half mir geschickt über das kleine Hindernis hinweg und ging dann fröhlich plaudernd mit ihren Freundinnen weiter. Kein großes Ding.

Das historische Hotel hat nicht nur einen barrierefreien Seiteneingang, nein der lässt sich auch noch über eine Taste, wie wir sie aus den Reha-Kliniken kennen, elektrisch öffnen. Die Empfangsdame konnte meine positive Überraschung gar nicht verstehen. "Wieso, der gehört doch dahin. Wie sollen denn unsere behinderten Gäste sonst rein kommen?"

Wohl gemerkt, eine ganz normale kleine Stadt, kein Reha-Zentrum, keine Spezialklinik in der Nähe.

Am Abend der Veranstaltung stellte ich fest, dass auch bei den Toiletten die Behinderten nicht das dritte Geschlecht sind. Das kennen wir alle: Damentoiletten, Herrentoiletten und Behindertentoiletten. Weit gefehlt, hier hat jede geschlechtsspezifische Toilette ihr Behindertenabteil. Also, geht doch.

Dann kam ich hinter das Geheimnis: Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen gehören zum alltäglichen Stadtbild. Die Behindertenbeauftragten arbeiten mit den Gemeinde- und Stadtverwaltungen, mit der Presse und den Behinderteneinrichtungen eng zusammen. Auf diese Art sind Behinderte ständig präsent. Sie werden nicht mehr als die Exoten bestaunt, sondern gehören einfach dazu. Eine lange andauernde, sensible Öffentlichkeitsarbeit hat nach und nach, in winzigen Schritten, die Menschen in der Gegend daran gewöhnt, dass einige Mitglieder der Gemeinde eben ein bisschen anders sind. Mitleid sucht man dort vergebens, aber die Menschen beginnen ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann eine hilfreiche Hand nötig sein könnte.

Am Abend durfte ich die Ausstellung eines Ateliers kennen lernen, das mit Menschen arbeitet, die weniger sichtbare Behinderungen haben. Es ist beeindruckend, wie Leute mit einer Lernschwäche sich mit Farbe und Leinwand oder Papier mitteilen können. Kunst als Sprache der weniger Wortgewandten. Da wurden keine Freaks vorgeführt, da wurde eine weitere Facette der Kunst gezeigt.

Mit Musik ging es weiter - noch eine andere Art von Kunst. Ganz selbstverständlich waren Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, präsentierten das, was sie für besonders hielten.

In meinem eigenen Vortrag nahm ich Bezug darauf, dass Inklusion in den Gesetzbüchern sein muss, es aber genauso wichtig sei, sie in die Köpfe der Menschen zu bringen. Und noch einmal musste ich mich vom Team der Behindertenbeauftragten eines Besseren belehren lassen. Die Inklusion muss nicht nur in die Gesetze und in die Köpfe, sie muss vor allem in die Herzen der Menschen. Nur so wird sie zu dem, was sie einmal sein soll - selbstverständlich.

Die Kooperation von ein paar Behindertenbeauftragten, die gemeinsam mit allen Beteiligten Schritt für Schritt die Inklusion in die Köpfe und Herzen bringt, sie hat nach eine Menge Arbeit vor sich. Aber der Anfang ist gemacht. Vor allem: Die Richtung stimmt!

Nicht behinderte und behinderte Menschen feiern ganz selbstverständlich zusammen. Und ein Rollstuhl fahrender alter Knochen erlaubte sich einen wirklich winzig kleinen Flirt mit einer sehr talentierten und exterm süßen nicht behinderten Chellistin. Ohne Hintergedanken und schlechtes Gewissen - einfach nur ein nettes Gespräch, das niemand so besonders fand.

Dass die Inklusion auch Schattenseiten hat, das durfte ich am nächsten Morgen feststellen. Der barrierefreie Eingang ist nämlich auch der Eingang zum Trauzimmer. So ließ der Standesbeamte mir ausrichten, dass ich bis 10 Uhr verschwunden sein müsste, sonst könnte ich erst wieder zwischen zwei Trauungen das Haus verlassen. Mit meinem ganzen Gepäck würde ich sonst die Zeremonie stören. Der Eingang ist eben nicht exklusiv nur für Behinderte. Klar, sonst wäre er ja nicht mehr inklusiv.

Aber auch das ist Inklusion: Keine Extrawürste mehr.

Ich wusste doch, die Sache hat einen Haken.
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