„Haben wir alles richtig gemacht?“ - Interview zum Widerstand im KZ Buchenwald mit Paul Grünewald

Bernd Langer bei seinem Vortrag.
 
Das CD-Cover mit dem Interview von Paul Grünewald, welches Bernd Langer vorstellte.
 
Der „Rote Sender“, eine im Untergrund von Bad Lauterberg auf Matrizen gedruckte Zeitung rief zum Streik auf.

SS-Unterscharführer Bernhard F. später angesehenes SPD-Mitglied


Bad Lauterberg (bj). Anfang letzten Jahres wurde in Berlin eine geschichtsträchtige CD des gebürtigen Bad Lauterbergers Bernd Langer veröffentlicht und im Rahmen einer bundesweiten Vortragsreise auf mehreren Veranstaltungen, im Harz unter anderem in Goslar, vorgestellt. Vor einigen Wochen (am 10. Mai 2014) konnte Bernd Langer nun in seiner ehemaligen Heimatstadt Bad Lauterberg, nur wenige Hundert Meter von seinem Geburtsort entfernt, im Restaurant „Goldene Aue“, sein Werk einem interessierten Publikum präsentieren.

Ergänzt wurde die eigentliche Vorstellung dabei mit einem Rückblick auf die damals örtlichen Gegebenheiten, denn Bad Lauterberg war nach dem 1. Weltkrieg eine Hochburg der KPD. Im März 1920, bei der Abwehr des Kapp-Putsches, kontrollierte eine bewaffnete Arbeiterwehr die Stadt und den Nazis gelang es bis zur Machtauslieferung 1933 nicht, auch nur einen Aufmarsch in Bad Lauterberg durchzuführen. Auch zeigte sich, dass Bad Lauterberg eine sehr starke linke Bewegung hatte, als 1928 mit über 3.000 Teilnehmern der internationale kommunistische Jugendtag durchgeführt wurde. Die kleine Harzstadt zählte außerdem zu den ganz wenigen Orten in Deutschland, in denen die KPD einen Streik organisierte, als Hitler zum Reichskanzler erklärt wurde. Der „Rote Sender“, eine im Untergrund von Bad Lauterberg auf Matrizen gedruckte Zeitung rief dazu auf. Zu jener Zeit, so Bernd Langer, war die KPD in Bad Lauterberg noch stärkste politische Kraft vor der SPD.
Entsprechend brutal fiel die Rache der Nazis in den folgenden Jahren aus - es gab Hunderte von Verhaftungen, Menschen wurden gejagt und mindestens fünf Antifaschisten aus Bad Lauterberg wurden in Konzentrationslagern umgebracht.
Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgten die Besucher der Vortragsveranstaltung die Tonaufnahmen, die nach einem Aufruf 1994 mit Emmi Bockelmann entstanden. Deren Bruder Otto Bockelmann gehört zu den ermordeten Antifaschisten, zu deren Gedenken im Kurpark Bad Lauterberg ein Gedenkstein errichtet wurde. In diesem Interview erzählt Emmi Bockelmann von einem illegalen KPD-Treffen in der elterlichen Wohnung und schildert die Denunziation durch einen Nachbarn, die schließlich zur Festnahme ihres Bruders führte. Denunziant, so Frau Bockelmann auf Nachfrage von Bernd Langer, war der in der Nachbarschaft wohnende SS-Unterscharführer Bernhard F., der nach dem II. Weltkrieg als angesehener Genosse und Mäzen über Jahrzehnte als SPD-Mitglied in der örtlichen Kommunalpolitik mitwirkte.

„Haben wir alles richtig gemacht?“


Sowohl der Bad Lauterberger Karl Peix wie auch Walter Krämer wurden durch ihre Erfahrungen im 1. Weltkrieg in ihren Anschauungen geprägt und zu Widerständlern der ersten Stunde. Sie stiegen im KPD-Apparat zu Funktionären auf und wurden Abgeordnete im Provinziallandtag Hannover.
Krämer wurde gleich nach der Machtübertragung an Hitler verhaftet, Peix war noch einige Monate an der Organisation des Widerstandes aus der Illegalität beteiligt. Im KZ Buchenwald trafen sich beiden wieder und gehörten zur Widerstandszelle im Krankenbau, die für etliche KZ-Häftlinge die Überlebenschancen verbesserte. Das Wissen sowohl um die Korruption im Lager als auch und vor allem die Syphilis-Erkrankung des Lagerführers Koch ließ die beiden zu unliebsamen Zeugen werden – auf Befehls Koch wurde Karl Peix auf dem Gelände des Fliegerhorstes Goslar und Walter Krämer in der Sandgrube Hahndorf erschossen.

„Haben wir alles richtig gemacht?“ ist der Titel der vorgestellten CD mit einem Interviews mit Paul Grünewald, der zusammen mit Krämer und Peix eine Widerstandsgruppe im Krankenrevier des KZ Buchenwald bildete. Insbesondere Krämer war in der DDR als „Arzt von Buchenwald“ populär, im Roman „Nackt unter Wölfen“ setzte ihm Bruno Apitz ein literarisches Denkmal.
Doch die einfache Schwarz-Weiß-Beschreibung von antifaschistischen Helden unterschlägt die komplizierten Verhältnisse in den Konzentrationslagern. Während nach Krämer Schulen, Straßen, usw. benannt wurden, fand Karl Peix später kaum noch Erwähnung. Dabei war er zunächst von zentraler Bedeutung für den Widerstand in Buchenwald, verstrickte sich aber zunehmend in Machenschaften mit der SS - Vorwürfe gehen bis hin zu Mord.
Im aufgezeichneten Gespräch schildert Grünewald (verstorben 1996) mit seltener Offenheit über das Dilemma von notwendiger Zusammenarbeit mit SS-Schergen, Korruption, Geldbeschaffung und politischem Selbstverständnis.

Antifaschistischer Arbeitskreis Bad Lauterberg


Die Vorgeschichte des Interviews reicht weit zurück. Im Jahr 1978, so Bernd Langer, ich war gerade 18 Jahre alt, gehörte ich zu den Mitbegründern des »Antifaschistischen Arbeitskreises Bad Lauterberg«. Als wir im Arbeitskreis begannen, uns mit der Geschichte des Widerstands in unserer Region zu befassen, betraten wir Neuland. Glücklicherweise gehörte zu unserer Gruppe mit Fritz Ließmann (Jahrgang 1906) ein Veteran, der bereits in der Weimarer Zeit KPD-Aktivist gewesen war. Mit ihm und einigen anderen Zeitzeugen konnten wir erste Interviews führen und Dokumente sammeln.
Wir stießen jedoch oft auf Schwierigkeiten. Uns wurde der Zutritt zu Zeitungsarchiven verwehrt und die meisten wollten nicht über die Vergangenheit sprechen. Bald waren uns die Gründe klar: Wir rüttelten unbequem an der kollektiven Verdrängung. Doch trotz alledem entdeckten wir die Geschichte des Antifaschismus.

75 Minuten Interview


Das in 16 Teile gegliederte Interview mit Paul Grünewald schildert eingehend den Alltag im KZ Buchenwald, wo der Bad Lauterberger Karl Peix die Funktion eines Krankenpflegers im Krankenrevier besetzen konnte. Walter Krämer, von Beruf Schlosser, eignete sich, angetrieben durch das Leid und Elend im Lager, medizinische Fähigkeiten an, sodass er schließlich in der Lage war, selbsttätig Operationen durchzuführen.
Weitere Informationen zu den am 11. Juni 1960 in Bad Lauterberg geborenen und heute in Berlin lebenden politischen Aktivisten, Künstler, Buchautor und Künstler Bernd Langer sind im Internet unter www.kunst-und-kampf.de zu finden. Hier gibt es auch weitere Informationen zum Kauf und Bestellung der CD sowie mehr als 20 Biografien der im Interview benannten und beschriebenen Personen. Zu der CD gehört auch ein 12-seitiges Booklet, in dem neben einigen Abbildungen vor allem Hintergrundinformationen zu Karl Peix und Walter Krämer zu finden sind.
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