Narrenpossen

NARRENPOSSEN

`Zur Faschingszeit, da steht der Rhein in Flammen`, hatte ich vor Jahren mal in einem Liedtext geschrieben, wohl wissend, dass natürlich auch an Unstrut und Saale dann heftig gezündelt wird. Man möchte ja den Mainzern und Kölnern nicht nachstehen. Da wirbeln schlanke Tanzmariechen genau so über die Bühnen wie in den uralten Faschingsburgen. Und ebenso wie dort mühen sich hier selbst strammste Waden, die Gürtellinie nach oben hin weit zu überfliegen, während Wortakrobaten sich oft darunter am heimischsten fühlen. Derbheit und Karneval sind zwei gleichartige Geschwister, und wenn sich Bruder Alkohol noch dazu gesellt, ist der Jubel komplett. „Der Saal kocht“, heißt es dann. Da prosten sich Prinz und Penner genüsslich zu, da feilschen falsche Ladies nicht um einen Kuss. Jede Pappnase wird estimiert, jeder Milchbart kann Professor werden. Das ist ja gerade das Schöne am Karneval, dass jederman in die Rolle schlüpfen kann, in der er sich am wohlsten fühlt. Kein Mensch wird einen Ganoven daran hindern, im Saal als Engel zu erscheinen, niemand wird Anstoß nehmen, wenn sich ein vulgäres Frauenzimmer als Madonna präsentiert. Ein Schuss Übermut, ein paar Übertreibungen gehören nun mal zu Fasching und werden die Welt nicht aus den Angeln heben! Aschermittwoch ist eh alles vorbei.
Bedenklich freilich muss es erscheinen, wenn fauler Zauber das ganze Jahr über anhält, wenn Fäkalausdrücke ohne Unterlass über die Menschen gekippt werden und die Latte des guten Geschmacks nicht tief genug hängen kann. Möglicherweise setzen gewisse Leute ja darauf, dass man in paar Jahren einen Zotenkönig wählen und beim Ball der Prominenten die `Goldene Zote` verleihen wird! Gar viele Zuhörer würde es freuen.
Aktive Faschingsfreunde interessieren derartige Überlegungen freilich eher selten. Für sie zählt die Gegenwart, wo sie ungestraft über Politiker und Schwiegermütter herziehen können. Auch über Kellner. Nach den Köchen fragt nie einer!
Wer in der Bütt angezählt wird, ärgert sich zuweilen. Aber so richtig beleidigt ist wohl selten jemand. Schließlich ist Narrenzeit.

RUDOLF PÖHLIG
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