MÄRZBECHER

Als Kind hatte ich gehört, dass man jene glockenförmigen, gelben Blumen, die im Frühjahr in fast allen Gärten blühen, „Märzenbecher“ nennt. Später dann, in thüringischen Gefilden, hieß es, mein botanisches Wissen sei mangelhaft: Was ich da als Märzenbecher bezeichnete, seien in Wirklichkeit Osterglocken. Die Märzbecher hätten zwar auch glockige Blüten, aber diese seien bedeutend kleiner, weiß und mit grünen Punkten besetzt. Auch seien sie weniger in Gärten als viel mehr in der freien Natur zu finden.
Ich hatte diese Belehrung widerspruchslos hingenommen und wäre vermutlich nie zu irgendwelchen Zweifeln in dieser Sache gekommen, wenn mich nicht, unmittelbar nach der Wende, Max besucht hätte.
Max ist ein ehemaliger Schulfreund von mir, lebt in Hannover und ist Blumenspezialist. Nicht irgendeiner, sondern eine Kapazität auf seinem Gebiet! Seit Jahren fungiert er als Preisrichter bei den Bundesgartenschauen.. Und dieser Mensch erklärte mir damals in seinem Fach-Chinesich, dass in unterschiedlichen deutschen Gegenden in der Tat sowohl der Narcissus pseudonarcissus (Trompetennarzisse) als auch jenes Leucojum vernum als Märzbecher bezeichnet werden und dass für letzteres in einzelnen Gebieten auch der Name Frühlingsknotenblume oder auch großes Schneeglöckchen gebräuchlich sei. Exaktheit in der Bezeichnung sei eben letztendlich nur durch wissenschaftliche Benennung möglich. Das reichte mir.
Im weiteren Verlauf jenes denkwürdigen Abends hatten wir uns dann auch nicht mehr März-, sondern anderen Bechern zugewandt. Und es war eine gar feucht-fröhliche Begegnung geworden. Mein Gast, ich entsinne mich, hatte dabei ein besonderes Augenmerk auf den Karlsbader Becher geworfen.
Selbstverständlich tranken wir nicht aus güldenen oder sonst welchen Bechern, sondern aus handelsüblichen gläsernen Gefäßen, die noch aus der HO-Zeit stammten. In seliger Stimmung wurden Erinnerungen wach und manche alte Schnurre aufgetischt. Besonders amüsierte sich Max, als ich ihm die Story von einem Witzbold erzählte, der in den siebziger Jahren als Schreiber des Brigade-Tagebuches unter kulturellen Aktivitäten eine gewöhnliche Besäufnis als `Becherfeier` aufgeführt hatte ( J. R. Becher, das musste ich dem „Bundi“ freilich erklären, war der Dichter der Nationalhymne der DDR.).
Und während Max mehrmals äußerte, dass man den Becher der Freude stets bis zum Grunde leeren müsse, wagte ich am frühen Morgen dennoch einzuwenden, dass bei aller Euphorie ein gerüttelt Maß an Verstand unabdingbar sei. Schließlich heiße es nicht umsonst in einem alten Sprichwort, dass im Becher mehr Leute ersaufen als im Bache!

Rudolf Pöhlig
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