BALLGEFLÜSTER

Die Überschrift irritiert. – Wenn heute irgendwo vom Ball die Rede ist, wird weder getuschelt noch geflüstert, da wird getönt und geklotzt. Häufig auch gesungen und gebrüllt. Hauptsächlich in Stadien, zuweilen aber auch vor Bildschirmen und gigantischen Leinwänden, die man eigens für das Spektakel aufgebaut hat. Und besonders laut machen sich da immer Bierbauchstrategen bemerkbar, Ball-Eunuchen, die alles besser wissen als Spieler und Schiedsrichter, auf dem Rasen aber nichts zustande bringen würden.
Vergessen sind jetzt Sportarten, bei denen es nicht um einen Ball geht, der per Fuß oder Kopf ins Netz zu befördern ist. Allüberall ist das bekannt. Höchstens hinter den Sieben Bergen oder im Brasilianischen Urwald dürfte es noch größere Menschengruppen geben, denen die Bedeutung des Fußballs nicht klar ist. Arme Erdenbürger im Abseits!
Die Fußballenthusiasten in aller Welt fiebern mit bei den Spielen ihrer favorisierten Mannschaft, geraten in Verzückung, wenn diese gewinnt und sind zu Tode betrübt, wenn andere als Sieger vom Platz gehen.
Kaum etwas einzuwenden gegen solchen Patriotismus. Tadelnswert allein sind jene, denen es überhaupt nicht um Spiele, sondern um Krawalle geht. Zum Glück bilden derartige Negativ-Figuren im Millionenheer der Aufrechten nur eine verschwindende Minderheit.
So unwahrscheinlich es klingen mag: Es gibt in unserern Breiten aber auch noch Leute, die mit dem Thema Fußball nichts am Hut haben, das Weltereignis als „Kaiserschmarren“ abtun und sich maßlos darüber ärgern, dass die Medien so voll darauf abfahren. Man sollte sie trösten mit dem Hinweis, dass für Heimatfilm- Freunde noch immer genug Platz im Fernsehen bleiben wird und auch die Fans der Volksmusik nicht auf die „schönsten Lieder aller Zeiten“ werden verzichten müssen.
Um auf obigen Titel zurückzukommen: „Ballgeflüster“ hat natürlich nichts mit dem Kampf um die Lederkugel zu tun. Das Wort gab es schon zu einer Zeit, als der Fußball noch gar nicht existierte. Damals standen ganz andere Bälle im Kurs. Vereinzelt gibt es derartige Lustbarkeiten ja heute noch. Von „Ballgeflüster“ kann freilich auch dort nicht mehr die Rede sein. Bei den üblichen Lautstärken muss einer seine Sitznachbarn schon anbrüllen, um sich halbwegs verständlich zu machen.

Rudolf Pöhlig
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