WENDEGESPRÄCH

Renate hatte bei unserer Geburtstagsparty das Thema Wende zur Sprache gebracht. In einem Sinne freilich, wie wir es gewöhnlich nicht verstehen. Doch davon später.
Wenn heutzutage irgendwo das Wort Wende fällt, dann ist immer nur eins gemeint: der gesellschaftliche Umbruch gegen Ende des alten Jahrhunderts, jene Zeit, als die Emotionen hohe Wellen schlugen und alte Strukturen zerbrachen. Als manch einer erlöst aufatmete und nicht nur in Thüringen naive Gemüter glaubten, die Zeit des Begrüßungsgeldes würde nie ein Ende haben!
Inzwischen sind die Illusionen verflogen. Jetzt ist man gezwungen, alles nüchterner zu betrachten. - Das kam jedenfalls bei unseren Gesprächen mehrmals zum Ausdruck.
Mein Freund Johannes warf schließlich ein, dass man das Thema Wende nicht gar so einseitig betrachten sollte. Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus brachte schließlich auch eine Wende mit sich. Eine ganz gewaltige sogar. Der erste Weltraumflug und manche anderen Ereignisse gehören ebenfalls in diese Reihe.
„Stimmt“, pflichtete mein Schwager Gerd bei. „Auch mit dem Auto kannst du
jederzeit eine herrliche Wende vollführen; mancher Gerichtsprozess hat eine Wende;
im Leben des Menschen kann es ebenfalls eine solche geben.“
„Klar doch, ej,“ frotzelte mein hinzugekommener Neffe, während er unsere Gläser füllte, „selbst jeder ordentliche Braten muss seine Wende haben.“
„Beherrsch dich, Junge“ tadelte Mutter Renate, um gleich darauf fortzufahren, dass natürlich auch jede Jahreszeit ihre Wende mit sich bringe. Nicht ohne Grund werden in einigen deutschen Gegenden seit Jahrhunderten Sonnenwenden gefeiert! Immer wieder seien die Menschen davon ergriffen, was sich in der Natur vollzieht.–
Als Renate dann dazu ansetzte, aus dem Stegreif Ludwig Uhlands „Frühlingsglaube“ zu rezitieren, war ihr der Beifall der Anwesenden sicher: „...Nun muss sich alles, alles wenden. – Kann man das eigentlich noch schöner ausdrücken?“
„Schöner vielleicht nicht“, spöttelte Opa Artur, der alte Feldwebel, „aber kürzer gewiss. Bei uns auf dem Kasernenhof jedenfalls hieß es immer nur: `Abteilung – kehrt!`“

Rudolf Pöhlig
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