WEINLESE

Erinnerst du dich, wie ein Obstladen in Thüringen vor dreißig Jahren aussah?
Von wegen Ananas und Bananen, Nektarinen und Aprikosen! Wer zufällig des Weges kam und genügend Zeit zum Anstehen mitbrachte, konnte um diese Jahreszeit vielleicht ein paar der süßen Reben aus Bulgarien ergattern.
Die Zeiten haben sich geändert. Total! Heutzutage ist so ein Obsthändler fast beleidigt, wenn du an seinem Stand vorbeigehst, ohne was zu kaufen. Und die Weinbauern wenden alle möglichen Tricks an, die Leute an die Flasche zu bringen. Aber so sehr sie sich auch mühen, zum Land der Weintrinker wird unser „Ländle“ wohl kaum werden. Was nicht heißen soll, dass man bei bestimmten Festlichkeiten auf das edle Getränk verzichten wollte. Undenkbar eine Hochzeit ohne Wein! Oder der Geburtstag Fünfzigjähriger, ein Firmenjubiläum und anderes mehr. Mir ist sogar ein Fall bekannt, wo Geschiedene sich nach der Gerichtsverhandlung bei einem Schoppen Rotwein „adieu“ sagten! Keine Alltäglichkeit, gewiss, aber es kommt eben vor.
Die Bedeutung des Weines im Leben der Völker ist legendär. Unzählige Aussprüche und Gesänge zu dem Thema beweisen das. Und diese fallen durchaus nicht immer schmeichelhaft für das bacchantische Getränk aus:
„Der Wein ist Drachengift!“ kann man beispielsweise schon im Alten Testament lesen. „Der Wein und die Weiber bringen manchen in Jammer und Herzeleid“, heißt es irgendwo in Luthers Schriften. Selbigem Gottesmann wird aber auch der Ausspruch zugeschrieben ,dass einer, der nicht „Wein, Weib und Gesang“ liebt, ein Narr bleibt sein Leben lang.
Und der Volksmund? Er sagt zum Beispiel: „Ist der Wein im Manne, ist sein Verstand in der Kanne!“
Nicht immer werden derartige Meinungen und Lebenserfahrungen in Verszeilen vorgetragen. Manche kommen (ohne es zu sein) auch ganz ungereimt daher. Wir alle kennen Leute, die anderen gern Wasser in den Wein gießen, jemandem reinen Wein einschenken oder alten Wein in neuen Schläuchen kredenzen.
Weitaus öfter als das gesprochene Wort hat das gesungene mit dem Thema Wein Furore gemacht. Das trifft für uralte Volkslieder ebenso zu wie für neuzeitliche Schlager. Und die Operette erst! Die könnte glattweg ihren Bankrott erklären, würde man alles, was mit Wein zu tun hat, von der Bühne verbannen.
Kein Getränk, Wasser ausgenommen, das in der breiten Öffentlichkeit Jahrhunderte lang mehr im Gespräch gewesen wäre als der Wein!
Und heute? Mir scheint, dass mittlerweile anderes dem Wein den Rang abgelaufen hat.. Nicht ohne Grund setzen moderne Vermarkter immer mehr auf Gersten- statt auf Rebensaft.
Und wenn bei jungen Leuten von einer Fete die Rede ist, die „einfach zum Heulen“ war, ist da todsicher kein Weinfest gemeint!
Rudolf Pöhlig
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Silke Dokter aus Erfurt | 13.08.2015 | 08:47  
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