TÜTENZAUBER

Tütenzauber

Silvio hat eine Zuckertüte bekommen, sein Kita-Freund Sandro nicht. Noch nicht. Die Familie ist von Thüringen nach München gezogen. Dort gehen die Uhren anders.
Nanu? stutzt da vielleicht mancher. Die Bayern hinken nach? Ausgerechnet die Bayern, die großen Leuchttürme in Sachen Bildung und Kultur? Eingeweihte wissen natürlich, dass Termine für den Beginn eines Schuljahres keinen Wertmaßstab darstellen, sondern ausschließlich etwas mit deutschlandweiter Urlaubs- und Verkehrsplanung zu tun haben. Gleiche Einschulungstermine, wie in der ehemaligen DDR üblich, hat es in den alten Bundesländern schon seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben.
Der Neubayer Sandro wird also seine Zuckertüte bekommen. Das gehört sich nun mal so. Keine Schuleinführung ohne Zuckertüte! Diese besitzt Kultstatus in unserem Lande. Sie ist eine jener heiligen Kühe, die selbst in den armseligsten Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht geschlachtet wurden. Auch dann nicht, als man ausrangierte Tüten von Dachböden holte, mit Zeitungspapier voll stopfte und ganz oben mit ein paar mickrigen Plätzchen und Bonbons garnierte. Den Kindern gefiel `s, die Freude war groß. Der Not gehorchend, waren ja alle viel anspruchsloser als heutzutage, wo so ein ABC-Schütze seine Zuckertüte oft kaum noch bis zu Papas Auto schleppen kann.
Übrigens: Eine gewichtige Tüte erzeugt nicht automatisch auch einen großen Drang zum Lernen. Erfahrungen zeigen, dass reichlich Beschenkte später durchaus zu den Bequemen in ihrer Klasse gehören können.
Fast zeitgleich mit dem Start ins Schülerleben beginnt für viele jungen Leute der Einstieg in die berufliche Ausbildung. Zuckertüten gibt es für Teenager freilich nicht mehr (Diesbezügliche Zuwendungen von Witzbolden sind lediglich als Gags zu betrachten.). Was allerdings nicht heißt, dass so ein Azubi sich allen Gaben gegenüber abweisend verhielte. Ein schöner Schein wird stets mit Freude entgegengenommen, manchmal sogar mit einem „Danke“ quittiert.
Auch Geschenke anderer Art sind immer willkommen und natürlich nicht an irgendwelche Starts gebunden. Selbst Altersgrenzen verlieren hier jegliche Bedeutung. Das „Hotel Mama“ zum Beispiel wird von Spätstartern ins Leben mitunter noch Jahrzehnte lang – und frei von jeglichem Tütenzauber – genutzt.

Rudolf Pöhlig
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