REIFEZEIT

„Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah ...“
Die Gedichtzeile von Friedrich Hebbel hat sich unentrinnbar in mein Gedächtnis eingeprägt. Und ich erinnere mich auch noch, dass in dem genannten Text von Früchten die Rede war, die „durch den milden Strahl der Sonne“ von ihren Zweigen gelöst werden.
Blühen – Wachsen – Reifen – ein Prozess, der sich in unseren Breiten alljährlich wiederholt. Jedenfalls bei Äpfeln, Birnen, Pflaumen ist das so.
Ähnlich geht es bei Getreide und Raps zu. Der Wein kann sogar doppelt reifen: als Traube am Rebstock und verflüssigt im Fass. Für Letzteres freilich sind keine Blüten erforderlich. Die benötigt übrigens auch der Käse nicht.
Eine Reife besonderer Art gibt es im menschlichen Leben. Und die braucht so ihre Zeit. Ein grüner Junge wird nicht dadurch zum Manne, dass er sich eine Zigarette in den Mund steckt. Innerliches Gefestigtsein, Erfahrung, Entscheidungsvermögen sind Attribute dieses Zustandes, der sich erst im Laufe von Jahrzehnten einstellt. Und längst nicht bei allen zur gleichen Zeit. Und auch nicht in gleichförmiger Weise. William Shakespeare hat in einem seiner Stücke mal behauptet: „Gesunde Beeren reifen und gedeihn am besten neben Früchten schlechtrer Art.“
Von manchen Menschen sagt man, dass sie wohl nie erwachsen werden. Eine Portion Ironie ist meist im Spiele, wenn von der „reiferen Jugend“ die Rede ist. Auch die Bezeichnung „frühreif“ ist zur Genüge bekannt. Und nicht nur im Obstbau, wo der Begriff einen negativen Beigeschmack hat.
Dass junge Leute, selbst wenn sie ein Reifezeugnis besitzen, nicht gefeit sind vor Anfechtungen, beweist der Ausspruch eines (beleibten) Professors, der von seinem Pult im Hörsaal aus wetterte: „Studenten, ihr nennt mich heimlich `Fass`. Das ist unstimmig. Ich bin nicht von Reifen umgeben!“

Rudolf Pöhlig


PS.: Die bekannte Wendung „Reif für die Insel“ ist übrigens kein Zitat aus dem „Hamlet“, sondern wurde 1982 von dem österreichischen Liedermacher Peter Cornelius in die Welt gesetzt. Er wollte damit ausdrücken, dass es an der Zeit sei, endlich mal Urlaub zu machen.
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Basti S. aus Aystetten | 09.09.2015 | 17:45  
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