KÄLTEGRADE

Ich erinnere mich deutlich der Worte eines Erfurter Geographielehrers aus der Vorwende-Zeit: „Die Braunkohlevorräte der DDR reichen noch mindestens bis ins erste Viertel des kommenden Jahrtausends!“
„Und was dann?“ wollte ich wissen.
Der Mann hatte mit den Schultern gezuckt: „Keine Ahnung. Unsere führenden Genossen werden sich schon was einfallen lassen. –Vielleicht haben Wissenschaftler inzwischen die Kernfusion im Griff.“
„Schöne Aussichten!“
Vergessen die Querelen der Brikettzeit. Anrückende Kältefronten können uns nicht mehr einschüchtern oder gar Panikattacken auslösen, die den Einsatz von Armeeeinheiten an Tagebauen erforderlich machen. Heute legst du einfach den Schalter um, und schon wird es buddelwarm in der Stube. Einziges Handicap: die leidigen Energiekosten. Die bringen ja nicht bloß Geizkragen auf die Idee, Heizungen auf ein Minimum zu drosseln. Aber was hilft `s. Wer wollte schon das tapfere Schneiderlein spielen und sich mit Energieriesen anlegen. Man würde höchstens kalte Füße bekommen. Und das in doppeltem Sinne.
Mit der übertragenen Bedeutung des Wortes Kälte hat es im Deutschen überhaupt eine besondere Bewandtnis. Viele Redensarten und Begriffe ranken sich da herum. Immer wieder ist in der Umgangssprache von „kaltstellen“ und „kalt lassen“, ja sogar „kaltmachen“ die Rede. Da packt einen mitunter „das kalte Grausen“ , wenn man die Kälte im Blick eines anderen entdeckt. Mancher hoffnungsgestimmte Single ist maßlos enttäuscht, wenn ihm bei einer Party seine Angebetete am (kalten) Büfett die kalte Schulter zeigt.
Gefühlskälte, so scheint es, ist im Vormarsch und kann überall dort nur schwer eingedämmt werden, wo über der Vermögensbildung die Menschenbildung vergessen wird. Kühles Taktieren hat noch nie Seelenwärme erzeugt. Das sei, wie manche behaupten, im Zeitalter der Computer auch gar nicht mehr erforderlich. Einzig auf kühlen Verstand komme es jetzt an.
„Wenn dat man stimmt!“ hätte der gute Onkel Bräsig aus Fritz Reuters Erzählwerk vermutlich dazu gesagt
Rudolf Pöhlig
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