GIFTHAUCH

Wenn von Gift die Rede ist, gehen unsere Gedanken schnell in Richtung Umbringen, Vernichten. Wobei der Meuchelmord immer ganz vorne steht. Das ist übrigens nicht erst im Krimi-Zeitalter so. In uralten Geschichtsbüchern und antiken Tragödien schon wird von der Beseitigung unliebsamer Mitmenschen durch Gift berichtet, in Werken Shakespeares und Schillers ist ebenso von derartigen Verbrechen zu lesen. Insgesamt wurden den Zuschauern und Lesern früherer Tage solcherlei Geschehen aber doch eher selten vorgeführt. Im Gegensatz zu heute, wo es ein Leichtes wäre, sich (mit Hilfe moderner Medien) tagtäglich Giftmorde in unbegrenzter Anzahl „einzuverleiben“. Der Sinn einer derartigen Konsumtion freilich dürfte mehr als fraglich sein.
Weitaus gefährlicher als jene in den Medien angeführten Gifte sind für uns Durchschnittsbürger die schleichenden, die in der Umwelt versteckten, die manchmal erst nach Jahren ihre verheerenden Wirkungen zeigen. Dann zum Beispiel, wenn sie auf tückische Weise unsere Nerventätigkeit beeinflussen, Blutkreislauf und Verdauung durcheinanderbringen, Gewebe zerstören.
Andererseits gilt natürlich auch, dass Gifte, in den Händen kundiger Fachleute, sehr hilfreich für Menschen sein können. Auch bei der Bekämpfung schädlicher Insekten und Säuger sind Giftstoffe inzwischen unentbehrlich geworden.
Es gibt freilich auch Gifte, die nicht in Laboratorien oder Werkhallen fabriziert werden, sondern in menschlichen Köpfen. Von Giftnudeln und Giftzwergen. Verleumdungen und Intrigen hat jeder von uns schon mal gehört. Auch Zwänge jeglicher Art sind Gift. Für die Seele.
Interessant vielleicht, daran zu erinnern, dass im Germanischen das Wort „Gift“ durchaus nichts Negatives hatte, sondern soviel wie Geschenk, Gabe bedeutete. Im Englischen ist jener ursprüngliche Sinn erhalten geblieben. Im Deutschen weist das Wort „Mitgift“ noch auf diese sprachliche Wurzel hin.
Möglicherweise ist es gar nicht so sehr angebracht, sich zu intensiv mit diesem Themenkomplex zu befassen. Folgen wir besser dem Gedankengang des Erfurter Schriftstellers Heyse, der in einem Aphorismus mal sinngemäß schrieb, dass X seinem Leben mit Gift ein (Wochen)Ende setzte. - Mit einem blonden Gift.

Rudolf Pöhlig
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Erster Geschichtenerzähler aus Naumburg (Saale) | 09.04.2016 | 11:35  
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