25 Jahre Deutsche Einheit: Auswirkungen auf den IHK-Bezirk Hannover

25 Jahre Deutsche Einheit: Auswirkungen auf den IHK-Bezirk Hannover
Mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze im November 1989 begann ein politischer und ökonomischer Prozess der Angleichung der Lebensverhältnisse. Ökonomen ahnten damals, dass dies langwierig sein würde und dass beide Seiten der Grenze betroffen sein würden. Von zentraler Bedeutung war zweifelsohne der Wandel und letztendlich Erfolg in den neuen Bundesländern. Die Auswirkungen auf die alten Bundesländer, und hier vor allem auf die grenznahen Bereiche, wurden bundesweit weniger wahrgenommen, sie waren vor Ort jedoch teilweise deutlich zu spüren.

Die hier präsentierten Daten zur Entwicklung des IHK-Bezirks geben nur einen kleinen Ausschnitt des Angleichungsprozesses wieder. Die aktuell verfügbaren Daten zur Bevölkerung, der Beschäftigung und der Arbeitslosigkeit zeigen allerdings den Kern der Entwicklung.

Die Veränderungen in den letzten 25 Jahren sind auch vom allgemeinen Strukturwandel der Wirtschaft geprägt. Hierbei spielen Fragen der Wettbewerbsfähigkeit von Produkten und Unternehmen eine zentrale Rolle. Die Veränderungen sind daher zum einen auf die vielfältigen Effekte mit der Grenzöffnung zurückzuführen und zum anderen Effekte des Strukturwandels, wie es ihn in allen marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften gibt.

Was zeigen die aktuellen Daten im Vergleich zu 1989? Zunächst ist erkennbar, dass sich der nördliche Teil des IHK-Bezirks (Landkreise Diepholz und Nienburg), die Region Hannover und der Landkreis Göttingen in den letzten 25 Jahren deutlich besser entwickelt haben als die übrigen Landkreise im IHK-Bezirk. Die Beschäftigung wuchs zwischen 1989 und 2014 im Landkreis Diepholz mit +45 Prozent am stärksten, gefolgt vom Landkreis Nienburg (+21 %) und der Region Hannover (+15 %). Schlecht abgeschnitten haben dagegen der Landkreis Osterode (Harz), der direkt an der alten innerdeutschen Grenze lag, mit einem Beschäftigungsminus von 13 Prozent und der Landkreis Holzminden (-6 %). Insgesamt haben die Landkreise im Süden Niedersachsens – mit Ausnahme Göttingens – und des Weserberglandes erkennbar unterdurchschnittlich abgeschnitten.

Die Gründe für das schlechte Abschneiden der Landkreise Osterode und Holzminden sind unterschiedlich. Während das Weserbergland, und hier insbesondere Holzminden, unter der schlechten Anbindung an die Verkehrsinfrastruktur (Autobahn, Eisenbahn) leiden, werden die Gründe bei Osterode eher beim Fall der Mauer gesehen. Mit dem Wegfall der Zonenrandförderung und dem gleichzeitigen Aufbau der Investitionszulagen für die Standorte in den neuen Bundesländern direkt in den Nachbar-Landkreisen war der Standort Landkreis Osterode für Investoren nicht mehr attraktiv genug. Gleichzeitig drängten viele Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt im Westen, wobei viele Unternehmen im Westen von „billigen“ Arbeitskräften profitierten. Über die Jahre stieg die Arbeitslosenquote im Landkreis Osterode bis ins Jahr 2005 sogar auf 15 Prozent. Seitdem hat sie sich dank des Aufschwungs etwa halbiert.

Merklich besser war die Entwicklung in Göttingen, was auf den geringeren Anteil der industriellen Wertschöpfung (LK Göttingen: 24 %; LK Osterode: 38%) und auf den ausgeprägten öffentlichen Sektor zurückgeführt werden kann. Göttingen ist als große Universitätsstadt deutlich weniger abhängig von Investitionsentscheidungen als die Industriebetriebe rund um Osterode, die zudem meistens nur den Charakter einer Niederlassung auswärtiger Unternehmen hatten.

Trotzdem können die größeren Betriebsschließungen im Landkreis Osterode wie Homanit (Furnierplatten), Wilhelm Mende (Spanplatten) und Fuba (elektronische Leiterplatten) nicht direkt auf den Fall der Mauer zurückgeführt werden. Vielmehr wurden mit der Öffnung der Grenze neue Investitionen beispielsweise auch in Polen getätigt und Produktion dorthin verlagert. Diese Verlagerungen aber trafen alle Standorte in den alten Bundesländern gleichermaßen und waren Ausdruck des verstärkten internationalen Wettbewerbs.

Für lokale Produkte und Dienstleistungen hatte sich der Wettbewerb ebenfalls deutlich verändert. In vielen Branchen wie dem Baugewerbe mussten die Firmen im Westen nach dem Mauerfall direkt mit (neuen) Unternehmen aus den neuen Bundesländern konkurrieren. So ging die Beschäftigung bei den größeren Unternehmen des Bauhauptgewerbes mit mehr als 20 Beschäftigten im Landkreis Osterode – weit überdurchschnittlich – von gut 1000 Ende der 80er Jahre auf zuletzt 180 Personen zurück.

Die wirtschaftlichen Probleme im Landkreis Osterode waren ein wesentlicher Auslöser für die Wanderungsbewegungen. Die Bevölkerungszahlen zeigen, dass es zwischen der Beschäftigungsentwicklung und den Bevölkerungszahlen eine enge Korrelation gibt. Die Menschen sind der Beschäftigung gefolgt. Im Landkreis Diepholz erhöhte sich die Einwohnerzahl binnen 25 Jahren um 14 Prozent während sie in Osterode um 14 und in Holzminden um 9 Prozent abnahm. Mittlerweile sind viele junge Menschen aus den Landkreisen Osterode und Holzminden fortgezogen. Das höhere Durchschnittsalter und die aktuelle Altersstruktur sprechen hier eine deutliche Sprache. Der demografische Wandel wird diese Entwicklungen in Südniedersachsen wie auch im Weserbergland weiter verstärken.

Fazit: Die Maueröffnung hatte vielfältige Effekte auf die Wirtschaft. Im Vergleich der Landkreise im IHK-Bezirk Hannover hatte die „Grenzregion Osterode“ eine relativ ungünstige Entwicklung. Nicht viel besser war die Entwicklung aufgrund der Defizite im Bereich Infrastruktur im Raum Holzminden. Deutlich besser entwickelte sich der Raum Göttingen. Grund hierfür war die geringere Abhängigkeit vom industriellen Sektor und die strukturprägende Universität. (ihk)
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