Waldinventur im Nationalpark Harz hat im August 2015 begonnen

Waldinventur im Nationalpark Harz hat begonnen

Wernigerode(nph/kip) In diesen Tagen beginnen im Nationalpark die Außenaufnahmen zur Waldinventur mit dem sperrigen Namen „Aufnahme der Waldstrukturen als permanente Stichprobeninventur an fest vermarkten Probepunkten“.

An ca. 2.400 Probepunkten von je 500 Quadratmetern werden auf den knapp 25.000 ha des Nationalparks Bäume und Holz „unter die Lupe“ genommen – so z.B. stehende Bäume je nach Baumart, Höhe und Durchmesser, aber auch die Verjüngung am Waldboden und das Totholz. Weiterhin werden verschiedene Kleinstrukturen wie Baumhöhlen, Blitzrinnen oder abgerissene Äste aufgenommen. Diese Inventuraufgabe erwächst aus dem Nationalparkplan. Sie ist wichtig, um die Waldentwicklung im Nationalpark beurteilen zu können.
Mit dieser Erstaufnahme wird der aktuelle Waldzustand quantitativ beschrieben und dokumentiert – sowohl in der Naturdynamikzone, d.h. der Kernzone, wo kein menschlicher Eingriff mehr erfolgt, als auch in der Naturentwicklungszone, wo der Mensch noch aktiv eingreifen darf.

Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein – sind doch nach mehr als 20 Jahren Nationalparkgeschichte bereits vielfältige Entwicklungen sichtbar. Deutlich wird bei genauem Hinschauen, dass Wald nicht einfach eine Ansammlung vieler Bäume ist, sondern sich sehr vielgestaltige Bilder zeigen.

„Immer wieder hören wir von Forstexperten aus wirtschaftenden Forstbetrieben, dass im Nationalpark Harz mittlerweile ganz besondere Waldbilder zu sehen sind, die es anderswo so nicht gibt und auch gar nicht geben kann. Daraus können zukünftig Sichtweisen und Anregungen für die naturnahe Waldbewirtschaftung abgeleitet werden“, so Sabine Bauling, die für die Waldentwicklung im Nationalpark Harz zuständige Fachbereichsleiterin. Die Waldentwicklung im Nationalpark Harz und ihre fachliche Aufnahme hat daher auch Bedeutung für die Forschung sowohl in Natur- wie in Wirtschaftswäldern.

Noch spannender werden die Ergebnisse der Wiederholungsaufnahmen in zehn Jahren sein. Neben der fortschreitenden Entwicklung in der Naturdynamikzone hin zur Wildnis werden sich die Ergebnisse der Waldumwandlungsmaßnahmen zeigen.

Wissenschaftlich begleitet wird die Waldinventur im Nationalpark Harz durch die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in Göttingen.
 
Totholz im Wald – Grundlage für neues Waldleben
Der hohe ökologische Wert von Totholz und seine Bedeutung für die Biodiversität im Wald stehen in Zusammenhang mit dessen enormer Formenvielfalt. Dabei kann es sich um stehende oder liegende Baumstämme handeln, um ganze Bäume oder um Teile davon wie abgestorbene Äste oder Baumstrünke oder gar um Asthaufen am Boden.
 
Stehendes Totholz
… spielt bei der Erhaltung der Artenvielfalt im Wald eine sehr wichtige Rolle, weil tote Bäume zahlreiche Funktionen als Habitat, Nahrungsquelle, Nistgelegenheit, Rückzugsgebiet, Sitzwarte usw. aufweisen. Auch verschiedenste Insekten nutzen sie als Lebensraum, darunter viele Arten, die Trockenheit und Wärme lieben. Deshalb benötigen diese südexponiertes und vorzugsweise gut besonntes Totholz. Das Vorkommen höhlenbrütender Arten ist insbesondere vom Stammdurchmesser abhängig. Ein dicker Stamm kann einer größeren Anzahl Arten als Brutort dienen, und dies über einen längeren Zeitraum hinweg. Stehende Totholzstämme sind zudem im wahrsten Sinne des Wortes „lebende Vorratskammern“ für Vögel und Säugetiere, die sich von den zahlreichen im Totholz heranwachsenden Insekten ernähren. Raubvögel nutzen das stehende Totholz zudem gern als Ansitz.

Liegendes Totholz
… wird vor allem durch sein Zersetzungsstadium geprägt. Jede Phase des Holzabbaus hat ein besonderes Artenspektrum. Gewisse Organismen, die das liegende Totholz besiedeln, tragen zusätzlich zu seinem Zerfall bei. Dies ist beispielsweise bei holzabbauenden Pilzen oder bei zahlreichen Insekten der Fall. Auch Wirbeltiere profitieren von liegendem Totholz: Eidechsen nutzen den sich schnell erwärmenden Untergrund für ein Sonnenbad. Am Boden lebende Kleinsäuger (z.B. Mäuse oder Spitzmäuse), Reptilien und Amphibien finden darin enge Gänge als Unterschlupf, um sich vor Prädatoren zu schützen. Spalten und Höhlen bieten auch Futter in Form von Pilzen, Pflanzen und Wirbellosen. Liegendes Totholz ist insbesondere für Amphibien wie den Feuersalamander während ihrer terrestrischen Phase unentbehrlich, da das angenehm feuchte Mikroklima sie vor dem Austrocknen schützt. Im Wurzelwirrwarr auf einer jüngeren Windwurffläche brüten Amsel, Zaunkönig und Nachtigall. Und auf liegenden Stämmen im fortgeschrittenen Zerfallsstadium verjüngen sich Bäume im Gebirgswald – die sogenannte „Kadaververjüngung“, auch „Moderholzverjüngung“ genannt.

Baumstrünke
… entstehen durch Holzeinschlag oder durch den Zusammenbruch eines Baumes. Das an der Schnitt- bzw. Bruchfläche freigelegte Holz erleichtert im Holz lebenden Organismen den Zugang erheblich, vor allem Pilzen und Insekten. Im Wald sind vermodernde Baumstrünke ein gutes Keimsubstrat für Jungbäume. Zudem helfen hohe Baumstrünke, den Schnee zurückzuhalten und der Erosion vorzubeugen, indem sie die Bodenrauigkeit erhöhen. Im Frühling taut der Schnee rund um das Totholz schneller ab.
 
Wurzelteller und Asthaufen
… sind ebenfalls wichtige Totholzelemente, bringen Struktur in den Wald und bieten Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Amphibien Unterschlupf.
 
Foto NPH1572
Totholz und Wildnisentwicklung mit Moderverjüngung (junge Fichten wachsen auf dem Totholzstamm) im sogenannten Brockenurwald, Foto Jürgen Steimecke.
 
Foto NPH 1572
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