Die Nase vorn: „EX-IN“ in Schwaben ist bundesweit ein Vorzeigemodell

Die Absolventen des ersten schwäbischen EX-IN-Kurses freuen sich gemeinsam mit Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert (erste Reihe, dritter von links) über den erfolgreichen Abschluss. (Foto: Bezirk Schwaben)
Augsburg (pm). „Wir Schwaben werden in ganz Deutschland darum beneidet, wie EX-IN hier im Bezirk organisiert ist und läuft“. Dietmar Geissler muss es wissen: Der Patientenbeauftragte des Bezirkskrankenhauses Kempten ist selbst EX-IN-Trainer und kennt durch sein Engagement die bestehenden EX-IN-Projekte bundesweit. Bei einer Feierstunde für die 17 Absolventen des ersten EX-IN-Kurses im Bezirk Schwaben dankte Geissler im Namen aller Beteiligten Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert sowie den Mitgliedern des schwäbischen Bezirkstags für deren Unterstützung des Projektes: „Sie haben dadurch gelebte Inklusion ermöglicht.“

EX-IN bedeutet „Experienced Involvement“, also das Einbeziehen von Erfahrung und Wissen psychiatrieerfahrenerer Menschen in das psychiatrische Versorgungssystem. EX-IN ist eine Fortbildung, die dazu befähigt, diese Kenntnisse aus eigener Erfahrung nach einer entsprechenden Qualifikation als Genesungsbegleiter für andere Betroffene einzusetzen. „Weil ich selbst weiß, wie es ist, in einer Krise zu sein, kann ich die innere Sicht des Patienten nachvollziehen, kann in beide Richtungen, also zwischen Patient und professionellen Kräften, übersetzen“, schilderte Johannes Leinen bei der Feierstunde. Der 51jährige sammelte als Genesungsbegleiter praktische Erfahrungen auf einer Akut-Station am Bezirkskrankenhaus Kempten. Wie andere Teilnehmer der EX-IN-Schulung bestätigt er: Das Lernen mit und von anderen, die Auseinandersetzung mit der Krankheit, der Einsatz als Genesungsbegleiter sei auch für ihn selbst wichtig und heilsam.

Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert sprach den Teilnehmern seine Anerkennung aus. „EX-IN“ sei ein „Leuchtturmprojekt“: „Es verschafft erstmals Menschen mit eigener psychiatrischer Erfahrung die Gelegenheit, auf Augenhöhe mit den Profis in Einrichtungen, Diensten oder auch in der Privatwirtschaft tätig werden zu können.“ Der Bezirk Schwaben sei schon ein wenig stolz darauf, „dass wir der erste Kommunalverband in Deutschland sind, der als überörtlicher Träger der Sozialhilfe die Einführung dieser Maßnahme maßgeblich förderte.“ Jährlich werden dafür 40.000 Euro zur Verfügung gestellt. Dadurch finanziert wird unter anderem eine Stelle für die Prozessbegleitung - die Fachkrankenschwester Marion Hess unterstützt die EX-IN-Teilnehmer insbesondere bei der Suche nach Praktikumsplätzen und steht auch während des Praxiseinsatzes als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Durch die allgäu akademie, die als Bildungsträger die Maßnahme durchführe, sei es zudem gelungen, dass der Kurs von der Arbeitsverwaltung anerkannt und zertifiziert werde. Auch nach dem erfolgreichen Abschluss, so Reichert zu den Absolventen, lasse man die Teilnehmer „nicht im Regen stehen“: „Wir haben im Vorfeld betonen müssen, dass wir als Bezirk keine Übernahmegarantie oder Aussicht auf einen beruflichen Neueinstieg geben können - aber wir dort können Wege öffnen, wo es in unseren Möglichkeiten steht.“ So sollen Stellen für Genesungsbegleiter bei den Sozialpsychiatrischen Diensten und Tagesstätten gefördert werden, auch ein zweiter EX-IN-Kurs ist bereits in Vorbereitung (weitere Informationen dazu unter www.bezirk-schwaben.de beziehungsweise www.allgaeu-akademie.de).

Einige der Teilnehmer des ersten Kurses haben auf eigene Initiative bereits eine Zusage und damit neue Perspektiven erhalten. Wie es bei der 38jährigen Tanja Weil lief, ist allerdings noch die Ausnahme: Seit 1994 arbeitet sie bei der Bosch Siemens Hausgeräte GmbH in Dillingen. „2008 erfuhr ich eine starke seelische Erschütterung und wurde krank“, so Tanja Weil. Bei ihrem Arbeitgeber hat jedoch betriebliches Gesundheitsmanagement auch über die gesetzlichen Grundlagen hinaus eine lange Tradition und guten Boden. Denn während ihrer EX-IN-Fortbildung erhielt sie nicht nur große Unterstützung, beispielsweise durch einen Wechsel ihres Schichtdienstes, Bildungsurlaub und Übernahme der Kosten nach erfolgreichem Abschluss, sondern auch eine neue Aufgabe: Sie ist jetzt in der betrieblichen Sozialberatung tätig, unter anderem im Eingliederungsmanagement als Ansprechpartnerin für jene Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls psychischen Belastungen ausgesetzt sind.
Ein Modell des Einsatzes für Genesungsbegleiter in der freien Wirtschaft, das es nach Wunsch von Robert Bock noch viel öfter geben sollte. Der 57jährige Gunzenheimer (Landkreis Donau-Ries) war selbst ganz oben auf der Karriereleiter. „Und dann stürzte ich 2012 durch einen nicht wahrgenommenen Burnout in eine schwere Depression ab, fand mich plötzlich in einer völlig anderen Welt.“ Bock, der von seinem Arbeitgeber auch während des Genesungsprozesses unterstützt wurde, will seine Erfahrungen nun an andere weitergeben. Die EX-IN-Teilnahme war auch für ihn ein wichtiger Baustein: „Das Projekt hat unsere Lebenswege in eine positive Richtung gelenkt.“ Mit anderen Teilnehmern hat er nun eine Arbeitsgruppe gegründet, die dabei ist, Ideen zu entwickeln, „wie wir unser Wissen als Genesungsbegleiter in die freie Wirtschaft und den öffentlichen Dienst übertragen können.“

Johannes Leinen brachte dieses Anliegen aus seiner Sicht während der Feierstunde auf den Punkt: „Für mich ist EX-IN ein ergänzendes Puzzlestück zu bestehenden psychiatrischen System und ein Puzzlestück in meinem eigenen Leben, mit dem ich meine eigenen Krankheits- und Krisenerfahrungen und meine Ressourcen verbinden kann. Doch meine persönliche Inklusion wird erst abgeschlossen sein, wenn meine Tätigkeit als Teilzeit-Kollege nicht ehrenamtlich erfolgt, sondern auch regulär bezahlt und somit alltäglich wird.“
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