Von der Renaissanceruine zum innovativen Museum - Im Herbst 2014 wird in Augsburg das „Fugger und Welser Erlebnismuseum“ eröffnet

Fugger und Welser Erlebnismuseum (Foto: Christine Pemsl)
  Im denkmalgeschützten Renaissancebau im Äußeren Pfaffengäßchen 23 lebte zwischen 1637 und 1642 der Optiker Johann Wiesel – europaweit einer der ersten, der gewerblich Fernrohre baute. Deswegen wurde das Bauwerk „Wieselhaus“ genannt.

Bis 2002 war das Wieselhaus bewohnt, dann schlummerte der ruinöse Altbau im stillen Domviertel vor sich hin. Dass sich hinter der Fassade eines der bedeutendsten profanen Baudenkmäler in der Stadt der Fugger und Welser befand, war für den Laien nur mit viel Fantasie zu erahnen. Im Inneren machten sich Tauben und deren Hinterlassenschaften breit. Das Haus im Besitz des Katholischen Studienfonds drohte zur Ruine zu verkommen. Doch ab dem Jahr 2008 wurde der Renaissancebau – in Augsburg einer der letzten in dieser Qualität erhaltenen – mit hohem Aufwand saniert. Im Herbst 2014 wird aus der Beinahe-Ruine ein formidables Baujuwel geworden sein. Der rundum renovierte Renaissancebau gewährt dann mit dem dort eröffneten „Fugger und Welser Erlebnismuseum“ einen tiefen Einblick in Augsburgs goldenes Zeitalter.

Das goldene Augsburg der Renaissance: Das bedeutete vor allem Reichtum und einen orientalisch anmutenden Luxus. Das Kapital dafür schafften zahlreiche international agierende Familienfirmen in die Stadt am Lech. Geschlechter wie die Argon und Meuting, Langenmantel und Lauginger, Imhof und Ilsung, Rehlinger, Rehm, Reihing und Rembold, Sulzer und Stetten, Herwart und Hoechstetter, Bimmel, Gossembrot und Österreicher – um nur einige der prominenteren zu nennen – sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Die zwei bekanntesten Familien allerdings nicht: Noch heute nennt man Augsburg „Stadt der Fugger und Welser“. Vor allem durch den Transit- und Italienhandel hatte sich ein Kapitalstock gebildet, der dazu führte, dass sich die immer reicheren Augsburger am Bergbau im Salzburger Land, in Tirol, Kärnten und in der Steiermark, in Böhmen, Thüringen und Sachsen, Oberungarn und Kastilien beteiligen konnten. Und als Spanier und Portugiesen die Entdeckung und Eroberung der bekannten Welt betrieben, waren die Augsburger Firmenkassen so prall gefüllt, dass Fugger, Welser und Co. ihre Investments bis nach Afrika, an die Westküste Indiens, in die „Neue Welt“ und bis zu den Molukken ausdehnen konnten. Die Kaiser und Könige aus dem Hause Habsburg, die Könige von Frankreich, England, Portugal und Dänemark und sogar die reichen Medici in Florenz bekamen von den Augsburger Großfinanziers (mit den Fugger ließ sogar der Zar verhandeln) Großkredite gewährt. Für die Päpste in Rom trieben Fugger und Welser europaweit Ablassgelder ein, und die Fugger prägten ein paar Jahre lang sogar die Münzen der Kurie. Die Welser dagegen versuchten von 1528 bis 1556, das heutige Venezuela zu kolonisieren und das legendäre Goldland zu finden. Im Garten eines Herwart – immerhin – blühte 1559 die erste Tulpe des europäischen Kontinents.

Jakob Fugger „der Reiche“ und Bartholomäus V. Welser sind die bekanntesten Vertreter dieser Familienkonzerne. Sie trifft man – in Lebensgröße und beim virtuellen Gespräch – im innovativen Augsburger Museum. Denn das „Fugger und Welser Erlebnismuseum“ zeigt nicht wie üblich kostbare Exponate in Glasvitrinen, sondern bietet etwas mindestens ebenso Wertvolles: Geschichte in einer Aufbereitung, die auch der Nicht-Historiker versteht. Zum Storytelling des Erlebnismuseums gehört zum Beispiel, dass Besucher in die Rolle eines Kaufmanns, Kapitäns oder Piraten schlüpfen können, um den überseeischen Handelsrouten der Augsburger Kaufherrn zu folgen. Das „Fugger und Welser Erlebnismuseum“ erlaubt sich aber auch durchaus den einen oder anderen Vergleich mit der Wirtschaft der Gegenwart. Dass zum Beispiel Eigentum verpflichtet, war für Fugger, Welser und Co. – anders als für viele Wirtschaftskapitäne heute – keine Frage: Das „gemeine Wohl“ (so das reichsstädtische Reglement im 15., 16. und 17. Jahrhundert) stand gesellschaftlich noch hoch im Kurs.

Und die Renaissancearkaden? Die wurden von der verdüsternden Vermauerung befreit. Damit es aber die Besucher des Museums nicht friert wie einst die Bewohner des Hauses, wurden in die Arkadenbögen zart sprossierte Glasfenster eingebaut. Das italienische Flair bleibt so gewahrt, die Wärme im Inneren des „Fugger und Welser Erlebnismuseums“ aber auch.

Fugger und Welser Erlebnismuseum
Augsburg, Äußeres Pfaffengässchen 23
http://fugger-und-welser-museum.com
0

Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.myheimat Lebenswert | Erschienen am 09.07.2014
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.