Neun Zeitzeugen erzählen Bezirksgeschichte

Sarah Scholl-Schneider führte die Interviews durch und ist Herausgeberin des Zeitzeugen-Bandes.
 
Titelbild der neuesten Veröffentlichung des Bezirks Schwaben
Bezirk Schwaben bringt zum 60jährigen Bestehen einen Interviewband mit Akteuren aus Politik und Verwaltung heraus

Augsburg (pm).
Am 27. Juli 1953 wurde die Bezirksordnung für den Freistaat Bayern bekannt gegeben, das heißt, in Bayern wurden die sieben Bezirke gegründet. Am 28. November 1954 fanden dann die ersten freien Wahlen zu den Bezirkstagen in Bayern statt: Damit wurden vor 60 Jahren im Freistaat die Bezirke, die als „Landräte“ 1828 errichtet worden sind, als Höhere Kommunalverbände neu gegründet. An dieses Jubiläum erinnert der Bezirk Schwaben seit dem vergangenen Jahr mit mehreren Veranstaltungen und Aktivitäten. „Der Bezirk Schwaben hat in diesen sechs Jahrzehnten eine enorme Entwicklung gemacht, sowohl in politischer als auch in verwaltungstechnischer Hinsicht, was seine Aufgaben und Zuständigkeiten des Bezirks anbelangt“, resümiert Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Das ist jedoch nicht nur allein eine Sache der politischen Rahmenbedingungen. Denn: „Alles lebt immer von ganz bestimmten Menschen.“

Dieses Zitat ist Titel eines Buches, das der Bezirk Schwaben nun zu seinem 60jährigen Bestehen publiziert. „Bei den Planungen zu unseren Jubiläumsaktivitäten ist uns bewusst geworden, dass es interessant und wertvoll wäre, die Akteure der früheren Zeiten unmittelbar zu Wort kommen zu lassen und von ihnen quasi aus erster Hand zu erfahren, wie es in den Anfängen war“, so Reichert. Im Auftrag des Bezirks führte Professorin Dr. Sarah Scholl-Schneider mehrstündige Interviews mit neun Zeitzeugen durch. Scholl-Schneider, die 2009 am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg promoviert wurde, war bis 2012 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg tätig und ist seither Juniorprofessorin für Kulturanthropologie und Volkskunde an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Unter Mitarbeit von Jennifer Stahl interviewte sie für das Buchprojekt langjährige, ehemalige Bezirksräte, so Rupert Reitberger, Karl Kling und Albert Graf Fugger von Glött sowie Ewald Schmid, die langjährige Personalleiterin des Bezirks, Edeltraud Fischer, Chefsekretärin Gerlinde Schmid und weitere „Urgesteine“ der Bezirksverwaltung.

Das Buch entspringt der Idee, anlässlich des Jubiläums Bezirksgeschichte quasi „von unten“, aus dem Blickwinkel langjähriger Akteure zu betrachten. Es geht dabei nicht um eine lückenlose Darstellung der Geschichte, vielmehr kristallisierten sich aus den persönlichen Erinnerungen unterschiedliche Themenbereiche wie die Arbeit der Bezirksverwaltung, des Bezirkstags, das Aufgabenspektrum des Bezirks, seine Partnerschaften mit Frankreich und der Bukowina oder der technische und personelle Wandel heraus, die durch persönliche Anekdoten, die sonst unbekannt blieben, ein lebendiges Bild zeichnen. So erzählt Rupert Reitberger, mehr als 30 Jahre lang als Bezirksrat aktiv, von den erschütternden Eindrücken, die er von den ersten Fahrten in die rumänisch-ukrainische Partnerregion Bukowina mitbrachte, Gerhard Mayr, lange Jahre geschäftsleitender Beamter in der Sozialverwaltung, erinnert sich, wie die Einführung des Bundessozialhilfegesetzes 1962 die Arbeit in der Verwaltung für Menschen mit Behinderung wesentlich änderte, und Elmar Sedlmayr berichtet unterhaltsam und lebendig von kulturellen Höhepunkten, so beispielsweise der Rettung des Chorgestühls der Kartäuserklause Buxheim. „Diese vielen persönlichen Erinnerungen machen das Buch zu etwas besonderem - denn all diese Erzählungen und Anekdoten sind aus anderen Quellen nicht zu schöpfen, sind weder in Sitzungsprotokollen noch in Verwaltungsakten zu finden“, so Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, der das Buchprojekt mit seinen Mitarbeitern Christine Böhm und Georg Abröll betreute. Das Buch ist neben einem Tagungsband bislang eines der ersten Werke zur jüngeren Bezirksgeschichte.

„Deutlich wird an den Interviews aber vor allem auch das, was die neun befragten Akteure aus Politik und Verwaltung gemeinsam haben“, betont Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, „einmal Bezirk - immer Bezirk. Wer länger für den Bezirk Schwaben gearbeitet hat, der engagiert sich mit Herz und Seele für unsere dritte kommunale Ebene.“ Zwar war es vom engen Handlungsspielraum des ersten Bezirkstags von 1954 bis 1958 bis zu der Aufgabenvielfalt heute mit den Bereichen der Überörtlichen Sozialhilfe, der psychiatrischen Versorgung, der Kultur- und Heimatpflege sowie das Engagement für Jugend und Bildung, Naturschutz und Europabeziehungen ein weiter Weg. Doch nicht nur dem politischen Gremium, dem schwäbischen Bezirkstag, wuchsen weitere Kompetenzen zu. So erfuhr auch die Bezirksverwaltung eine wesentliche Weiterentwicklung - zunächst war die Verwaltung der Regierung von Schwaben zugeordnet, wurde jedoch mit steigender Aufgabenverantwortung nicht nur personell gestärkt, sondern auch von der Regierung verselbständigt. „Für die Politiker und Mitarbeiter, die den Bezirk jahrzehntelang begleitet haben, war diese Weiterentwicklung sowohl Herausforderung als auch Ansporn - dies machen die lebendigen Erzählungen deutlich“, so Reichert.

Das Buch „Alles lebt immer von ganz bestimmten engagierten Menschen“ ist ab Mitte Oktober erhältlich. ISBN: 978-3-934113-12-1, im Buchhandel für 13,50 Euro oder direkt bei der Bezirksheimatpflege des Bezirks Schwaben, Prinzregentenstraße 8, 86150 Augsburg, Telefon 0821 3101-309, E-Mail heimatpflege@bezirk-schwaben.de.
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