Der Anfang und das Ende?
Liebe Leser,
betrachtet man unser Leben, als wäre es ein spannender Film, kommt man nicht umhin, sich ständig zu fragen: "Wie wird die Geschichte enden?" Dabei werden sich die Frauen wohl eher fragen: "Gibt es für das Paar ein Happy End?", während die Männer vielmehr interessiert, ob der Held am Ende als Sieger aus dem Kampf hervorgeht. Denn selbst wenn es nur um eine hypothetische Geschichte geht, wird es bereits deutlich, wie unterschiedlich Männer und Frauen denken und fühlen.
Doch bevor man sich mit dem Ende aller Dinge auseinandersetzt, sollte man zunächst den Anfang betrachten. Ein kluger Mann hatte mal gesagt: "Wenn man den Weg aus den Augen verloren hat, sollte man an den Anfang zurückkehren". Ein guter Wissenschaftler würde an dieser Stelle eine solch interessante Theorie weiter konstruieren: der Anfang unser allen spektakulären Daseins ist unsere Familie. Ich bin die Tochter einer Wissenschaftlerin und deshalb schon allein genetisch gesehen vorbelastet, zwanghaft waghalsige Spekulationen darüber anstellen zu müssen, wo denn die Geschichte anfing und wo wird sie wohl enden…
Denn die Kinder wehren sich stets entschieden dagegen, so zu werden wie ihre Eltern. Auch das ist zwanghaft. Und deshalb bemühen wir uns nach Kräften, anders zu sein und sind fest entschlossen, ein eigenes Leben zu führen und eigene Entscheidungen zu treffen. Im Laufe der Jahre habe ich jedoch gelernt, dass es uns niemals ganz gelingt, sich von den eigenen Eltern zu "emanzipieren". Denn sie haben uns erzogen – zumindest haben es die meisten von ihnen versucht – und deshalb sind wir in gewisser Weise ihre "verbesserten" Abbilder – zumindest glauben die meisten von uns, besser zu sein. Und wenn wir nur einen Moment lang ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir zugeben, dass wir uns öfters als es uns lieb ist wie unsere Eltern benehmen, manchmal vielleicht das Gleiche denken und zuweilen uns sogar anhören wie sie.
Sie schütteln den Kopf und sagen: "Ich? Niemals!"? Denken Sie einen Augenblick doch mal nach… Hatten Sie etwa nie in einer ganz banalen Situation etwas gesagt oder in der Aufregung etwas gerufen und dachten dann plötzlich: "Hallooo! Ich höre mich schon an wie meine Mutter!"? Männer würden zugegebenermaßen dabei wohl eher an ihren Vater denken, sofern sie nicht unter einem Ödipuskomplex leiden. In so einem Fall möchte ich an dieser Stelle Ihnen, meine liebe Leserinnen, raten, bis nächsten Montag nach weiteren Anzeichen dafür zu suchen, dass der Mann an Ihrer Seite möglicherweise "umerziehungstauglich" ist. Wenn Sie sich sicher sind, dass es zutrifft, wagen Sie einen subtilen Versuch: versuchen Sie ihm beizubringen, seine Schuhe im Vorraum in eine Reihe zu stellen. Weisen Sie ihn sanft, aber bestimmt darauf hin, dass solch kleine Aufmerksamkeiten seinerseits Sie zu einer glücklichen Hausfrau machen würden. Wiederholen Sie bei Bedarf ihren Wunsch. Und lassen Sie sich nicht davon irritieren, wenn er Ihnen sagt, Sie hören sich an wie seine Mutter. Denn ironischerweise wird es selbst an dieser Ausnahme bereits deutlich, wie viel wir tatsächlich von unseren Eltern gelernt haben.
Ich neige dazu, zuviel nachzudenken und mit Hingabe hypothetische Überlegungen darüber anzustellen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Aber es ist zugegebenermaßen sehr langweilig, stets nur in der Theorie zu schwelgen. Und deshalb habe ich mich entschieden, auch die praktische Seite dieser Problematik zu betrachten. Eine Art Feldforschung, wenn Sie es so wollen. Nach einigen aufregenden und zuweilen mühsamen Experimenten, die nicht immer zu meiner Zufriedenheit verlaufen waren, konnte ich dennoch genug Beweise dafür sammeln, behaupten zu können, kein Film ist interessanter, spannender und fesselnder als unser eigenes Leben. Darin finden wir jeden Tag Momente, die uns zum lachen, weinen, fürchten oder ekeln bringen. Und jedes Mal denken wir: niemand kann mich verstehen, denn niemand hat das Gleiche erlebt oder gefühlt wie ich!
Doch glauben Sie mir, alles ist schon mal da gewesen und selbst fremde Menschen haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und deshalb habe ich beschlossen, meine Theorien sozusagen dem breiten Publikum vorzustellen. Es gibt eine Menge interessanter Momente, über die wir sprechen könnten. Und es ist in jedem Fall besser, sich mit jemandem zu unterhalten, als sich allein in deprimierender Stimmung zu betrinken. Nicht dass ich es selbst tun würde! Ich habe mich schon längst fürs Reden entschieden. Oder genauer gesagt fürs Schreiben. Und deshalb werde ich ab jetzt jeden Montag in dieser Kolumne mit Ihnen, meine lieben Leserinnen und Leser – denn auch für Männer könnte es dabei sehr lehrreiche Erkenntnisse geben, denke ich – die Fragen der praktischen Dinge des Lebens erörtern und zusammen mit Ihnen die Antwort auf die Frage suchen: "Wo fing alles an und wo wird denn das alles enden?"
Urteilen Sie darüber, stimmen Sie mir zu oder widersprechen Sie mir! Schließlich kann ich ja nicht alles wissen und wie wir alle schon des Öfteren festgestellt haben, auch Wissenschaftler können mal irren. Aber ich denke, es gibt kaum etwas Heilsameres, als bei einem schönen Glas Rotwein in einer fröhlichen Runde heiter, leidenschaftlich und mit einer guten Portion Humor über die Kapricen der Liebe, die Sturheit der Männer, die Frechheiten der Kinder und die Maßlosigkeit der Frauen zu diskutieren, um zusammen hoffentlich etwas daraus zu lernen.
Ich freue mich schon sehr darauf und verbleibe mit herzlichen Grüßen,
Ihre Sophia Sommer




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