In der freien Wild(auto)bahn.

von Sophia Sommer aus Augsburg | am 12.02.2006 | 252 mal gelesen | 0 Kommentare | 0 Bildkommentare | 1 Bild
rien ne va plus, Quelle: PhotoCase.com

Sehr geehrte Leser,

nebst eigener Wohnung (anfangs eher eine Bruchbude, später fast eine uneinnehmbare Bastion, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen), gehört zum Erwachsen- und Selbstständigwerden auch der Führerschein. Dieses erste Indiz für die beginnende Eigenständigkeit ist in der Regel ein Grund zur Freude. Wenn man jedoch soweit ist und die neu erworbene Freiheit versucht auszukosten, erkennt man, dass dies nicht so ohne weiteres möglich ist. Denn spätestens an einem "durchschnittlichen" Montagmorgen stellt man auch ohne meterhohe Schneeverwehungen und Glatteis fest, dass selbst wenn man wollte, könnte man nicht in völliger Sicherheit die popligen 3,2 km bis ins Büro bewältigen. Inspiriert von meiner jüngsten Zwangspause als "passionierte" Autofahrerin, möchte ich Ihnen heute die Tücken des Straßenverkehrs aus dem Blickwinkel eines Opfers darlegen.
Und natürlich nicht zuletzt aus dem Blickwinkel einer Frau.


Dabei müsste man drei Gattungen unterscheiden: Frauen als Beifahrer im Straßenverkehrssystem mit Männern als Fahrer, Frauen als Fahrer im Straßenverkehrssystem mit Männern als Beifahrer und Frauen gegen Männer im Straßenverkehrssystem als solches.
Im ersten Fall tauchen diverse Probleme auf, wie zunächst die Tatsache, die dem männlichen Verhalten grundsätzlich innewohnt, möchte ich behaupten: nämlich, die "Unfähigkeit eigene Fehler zuzugeben".

Als Beispiel folgender Dialog:

Tatort: VW Passat Kombi, Baujahr ist egal, man(n) fährt an einen Ort, wo man niemals zuvor war und man(n) ist sich der weiteren Streckenführung nicht sicher.

SIE: "Schatz, an dieser Konzertankündigung von Enrique Iglesias sind wir schon drei Mal vorbeigefahren!" – wirft dabei die rechte Augenbraue hoch und kuschelt sich in den Beifahrersitz, sich dabei auf das Kommende bereits seit dem letzten Tankstop freuend.

ER: "Das ist zwar das gleiche Konzert, aber verschiedene Litfasssäulen; die kleben doch glatt diese Schwuchtel in der ganzen Stadt auf!" – brummt verächtlich und wird angesichts des exorbitanten Unterschieds zwischen ihm und der "Schwuchtel" noch reizbarer.

SIE: "Und an diesem Supermarkt sind wir auch schon zwei Mal vorbeigefahren. Jetzt sind es drei." – trocken, konzentriert und kaum Ironie verbergend.

ER: "Ja, ja…" – schnaubend – "Schatz, hol' doch mal die Karte aus dem Handschuhfach." – leise, warnend und höchst unzufrieden damit, voraussichtlich eine Niederlage einstecken zu müssen.

Ich erzähle Ihnen knapp, was danach passiert ist: zunächst hatte sie die Karte "falsch zusammengefaltet", dann ihn die richtige Ausfahrt "verpassen lassen" und dann beim Einparken "abgelenkt". Sie hatte vorgeschlagen, jemanden nach dem Weg zu fragen, der sich in der Gegend auskannte (daneben parkte ein Fahrzeug mit einem einheimischen Nummernschild und Menschen, die gerade einem anderen Pärchen den Weg beschrieben). Daraufhin schlug er die Tür zu, ging in die Ecke, pinkelte, kam zurück, setzte sich ins Auto, deutete ihr an, dasselbe zu tun und brauste davon, die Lage kommentierend:
"So blöd bin ich doch nicht. Den scheiß Weg finde ich doch auch allein! Bin doch keine Fra… Oh, Schatz, wirf doch mal einen Blick auf die Karte, ob wir noch auf der B 72 sind?"
Hinzu kommen Auseinandersetzungen um Geschwindigkeit, Pinkelpausen und Musik im Autoradio. Zufolge hat es, dass beide genervt und fast zerstritten am Ziel ankommen, woraufhin der eine rechts und die andere links geht, weil die eine rauchen und der andere die Mädels am Pool anschauen will. Manchmal auch umgekehrt :-)

Wenn jedoch Frauen fahren und die Männer, aus welchem Grund auch immer, auf dem Beifahrersitz sitzen müssen, potenzieren sich die Eskalationen. Wobei ich vielleicht zunächst kurz auf die Voraussetzungen oder Motive für solch eine, aus beiderlei Sicht "bizarre" Konstellation eingehen sollte, nämlich: der Mann ist betrunken, der Mann hat seinen Führerschein verloren (dafür gäbe es auch Tausend Gründe, wie betrunken nach der Party heimfahren, zu schnell fahren, zu nah auffahren, über rote Ampeln fahren oder drängeln bei 230 km/h auf der Autobahn kurz vor einem Stau) oder im Fernsehen kommt kein Fußball, ihm ist langweilig und er meint, seiner "Frau" das Fahren beibringen zu müssen.
Sollte Frau dann am Steuer sitzen, bricht die Hölle los. Es tauchen die gleichen Kommunikations- und Verständigungsprobleme wie im ersten Fall auf, nur wie unter einem Mikroskop. Dabei fahren Frauen aus männlicher Sicht meist zu langsam, überholen zu spät, bremsen zu früh und bleiben an jeder Ecke stehen, aus vollkommen "unwichtigen" Gründen wie Pinkelpause einlegen, Schuhe wechseln, Eis holen, Blumen vom Feld schneiden oder nach dem Weg fragen. Das Ende einer solchen Reise ist haargenau gleich wie im ersten Fall.

Und da das Verhalten von Frauen und Männern in der "freien
Wild(auto)bahn" ein ganz besonders spannendes und leidenschaftliches Phänomen ist, dessen Auswirkungen sich problemlos in fast allen Situationen des alltäglichen Lebens wieder finden lassen, werden wir dieses dann nächsten Montag diskutieren, würde ich vorschlagen.

Behalten Sie die Gefahren bis dahin in Erinnerung,

Ihre Sophia Sommer.

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