Brand in einem Haus mit 400 Innentüren

Mit einem Großaufgebot übten Polizei, Feuerwehr und Rotes Kreuz an der neuen forensischen Klinik in Günzburg den Ernstfall.
  Fast hätte sie es geschafft. Wenige Minuten zuvor war die Patientin der forensischen Klinik von Feuerwehrleuten aus einer verrauchten Station gerettet und ins Freie gebracht worden. Sie nutzte die Gelegenheit und versuchte, sich aus dem Staub zu machen. Doch ein Polizist ist schneller und fängt sie wieder ein. Jetzt steht die junge Frau vor dem Haupteingang der Klinik am Einsatzleitwagen der Feuerwehr, ihre Hände sind mit Handschellen gefesselt. Der Polizeibeamte weicht ihr nicht mehr von der Seite. Überall wuseln Helfer umher, flackert das Blaulicht, hört man das Krächzen der Funkgeräte.
Die junge Frau ist keine Patientin, sondern in Wirklichkeit eine Schülerin der Krankenpflegeschule des Bezirkskrankenhauses (BKH) Günzburg. In der neuen Klink für forensische Psychiatrie und Psychotherapie brennt es nicht, es handelt sich lediglich um eine Übung. Eine Nebelmaschine hat den Rauch künstlich erzeugt. Das Szenario, das sich am Donnerstagabend am und im Klinikneubau abgespielt hat, wirkt dennoch sehr realistisch.
„Heute geht es darum, zu üben – langsam, Schritt für Schritt. Wir wollen sehen, ob die Abläufe funktionieren und wo Schwachstellen sind“, sagt Manfred Czekalla, Kommandant der BKH-Werksfeuerwehr. Er hat sich diese Übung ausgedacht und ist an diesem Abend auch der Einsatzleiter. Fünf bis sechsmal seien seine Mannen von der Werksfeuerwehr schon im Gebäude gewesen. Heute werde das erste Mal in dieser Größenordnung geübt. Das sei wichtig, schließlich soll die neue Klinik für den Maßregelvollzug auf dem BKH-Gelände, die 23 Millionen Euro gekostet hat, im Laufe des Aprils nach und nach in Betrieb gehen.
Donnerstag, Sicherheitszentrale der Forensik, kurz vor 19 Uhr. Es herrscht hektisches Treiben. Monitore sind aufgeschaltet, auf den Bildschirmen sieht man, was die 200 Überwachungskameras in den Gängen der Klinik einfangen, wo Schleusen geöffnet oder geschlossen sind. Ständig klingelt irgendein Handy. Gleich wird Einsatzleiter Czekalla das Startsignal senden. Dann wird die Nebelmaschine in Gang gesetzt und einen der 850 Rauchmelder im Gebäude auslösen. Die Großübung kann beginnen.
Es gibt zwei fiktive Brände in dem 96-Betten-Haus: einen im Erdgeschoss, einen im Untergeschoss. In einem Fernsehraum, in dem sich acht Patienten befinden, bricht ein Feuer aus. Drei Menschen werden schwer verletzt. Wenig später wird auch noch ein Brand in der Arbeitstherapie gemeldet. Dort befindet sich in dem Moment niemand. Allerdings kommt es zu einer starken Rauchentwicklung, wodurch die Patienten im Geschoss darüber in Panik geraten.
Keine leichten Aufgaben für die Einsatzkräfte. Denn sie haben es hier tatsächlich mit Menschen zu tun, die gerettet werden müssen. Diese sind geschminkt, sodass es tatsächlich so aussieht, als seien sie erheblich verletzt. Sie schreien, reagieren unerwartet – wie man das im Ernstfall hier vermuten kann. Fast 20 Frauen und Männer der Krankenpflegeschule und aus der Verwaltung des BKH sowie Pflegepersonal geben die Opfer. Sie machen das sehr gut, heißt es später bei der Manöverkritik.
Die größte Herausforderung für die Einsatzkräfte ist das Klinikgebäude an sich mit seinen fast 1600 Schlössern, 225 Fenstern und Außentüren sowie 397 Innentüren. Denn da kann man nicht einfach so hinein- und durchlaufen. Überall befinden sich Schleusen, geschlossene Türen und Stationen, die mit Schlüsseln und Transpondern geöffnet werden müssen. 90 Türen können elektronisch gesteuert werden. Es gibt einen Sicherheitsdienst, der genau wissen muss, wer sich gerade wo befindet. Bei einem Feuer schnell mal nach draußen rennen oder am Fenster auf Rettung warten – das funktioniert hier nicht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die einzelnen Glieder der Rettungskette ineinander greifen.
Nach und nach treffen die zahlreichen Einsatzfahrzeuge ein. Etwa 20 Helfer der Werksfeuerwehr des BKH Günzburg sind dabei, zehn Feuerwehrleute aus Reisensburg, 30 von der Freiwilligen Feuerwehr Günzburg, drei Vertreter der Feuerwehrinspektion, neun vom Rettungsdienst des Roten Kreuzes sowie zehn Beamte der Polizeiinspektion Günzburg. Als sich die ersten Kräfte mit schwerem Atemschutzgeräten ausgerüstet haben, müssen sie erst einmal warten: Die Tür am Haupteingang lässt sich nicht öffnen.
Nach und nach eilen die Feuerwehrleute nach innen. An der Sicherheitszentrale bekommen sie weitere Anweisungen. Dort befinden sich nicht nur Pläne und Feuerwehr-Laufkarten, sondern auch ein eigener Leitstand für die Floriansjünger, an dem es einen direkten Funkkontakt zur Polizei gibt. Ungewöhnlich für die Kräfte ist, dass sie kein weiteres Material aus ihren Fahrzeugen nach innen nehmen sollen: Im Gebäude befinden sich insgesamt fünf Rollcontainer mit allen wichtigen Gerätschaften: Schläuche, Strahlrohre, Feuerlöscher, Atemschutzflaschen, Vorhänge gegen den Rauch usw. „Auf diese Weise muss keine Tür nach draußen geöffnet werden“, erläutert Kommandant Czekalla.
Gut eine Stunde wird geübt. Das meiste findet im Gebäude statt und damit außerhalb des Sichtfeldes der zahlreichen Schaulustigen, die sich versammelt haben. Es läuft nicht alles glatt. Das war aber auch zu vermuten. „Für uns war die Übung sehr wichtig. Sie gibt gute Erfahrungswerte“, zieht Gerhard Kramer, Regionalleiter Nord, anschließend Bilanz. Die verschiedenen Einsatzleiter werden sich nun zusammensetzen und erarbeiten, was gut und was schlecht gelaufen ist. Kramer: „Wir werden unsere Schlüsse ziehen.“
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