Goethes Faust im Metzgergewand - Aichacher Volkstheater inszenierte pantomimisches Kasperltheater beim Stemmer

 
Heinrich

„Fleisch und Bluat….passt z´samm wia Kopf und Huat…“ Gstanzlsänger und Schweinefaust-Autor Richard Gruber greift in die Saiten seiner Gitarre und eröffnet so zusammen mit seinem singenden Bruder Hans Kriss das Spiel um den zum Vegetarier mutierten Metzgermeister Heinrich Faust, der mittlerweile viermal im Wirtshaus zum Stemmer durch Höhen und Tiefen menschlichen Sehnens wandelte.

Die Idee, Theater beim Stemmer zu machen, ist nicht neu, hatten doch die agilen Aichacher Mimen schon vor drei Jahren im bis auf den letzten Platz gefüllten Lokal Kaiserin Sisi und König Ludwig in „Die Entführung aus dem Abteil“ wieder zum Leben erweckt. Diesmal hatte die Premiere eine besondere Bedeutung, nämlich die Einführung des Wirtshauses zum Stemmer als offizielles Vereinslokal. Zu diesem Anlass kreierte Axel Rehle für die ersten beiden Aufführungen ein wahrhaft mephistophelisches Menue, natürlich passend zum Stück: Da wurde aus dem ersten Gang „Mephistos Aphrodisiakum“ und aus dem Dessert „Gretchens Offenbarung“. Wer sich mit rein geistiger Nahrung begnügen wollte, konnte den Schweinefaust am Stadtfest noch zweimal „pur“ erleben.

Zum Inhalt

Das Witzige an diesem originellen Stück des Hörzhausener Bildhauers Richard Gruber ist, dass in der Inszenierung des Aichacher Volkstheaters Text und Spiel getrennt wurden: In einem überdimensionalen Kasperltheater agieren puppenhaft die Schauspieler, während vier Leser den Personen die Worte in den Mund legen. „Das stumme Spiel erfordert ein hohes Maß an Ausdruckskraft und gestischer Eindeutigkeit,“ so Regisseurin Ingrid Predasch, „im Grunde müssen Leser und Spieler den Text gleichermaßen auswendig können.“
Im schnellen Szenenwechsel durchlebt der sinnsuchende Faust getreu der Goetheschen Vorlage eine Reise durch die Niederungen menschlicher Sinneslust, bis er schließlich durch den jähen Absturz seines Flugsimulators in eine ganz andere Geschichte gerät: Die Gebrüder Grimm lassen grüßen, als die böse Hexe Heinrich in ihr Lebkuchenhaus lockt, wo die bedauernswerte Margarethe alias Gretel in einem Käfig gefangen ist und die illegale Schlachtung ihres Bruders beklagt. Goethe, Grimm, Freischütz, Rolling Stones und bayerische G´stanzl – gekonnt unterlegt vom Dreamteam Richard Bauch (Mundharmonika) und Michael Zott (Bluesgitarre)- eine bunt und frech „zusammengewurschtelte“ Mischung für Liebhaber geistreichen Witzes und grotesker Sprachspielereien.

Vorschau

Noch einmal wird das Aichacher Volkstheater den Schweinefaust im September in Aichachs Partnerstadt Schifferstadt zum Besten geben, bis dahin laufen aber bereits andere Proben: Zum einen studiert die „historische Abteilung“ den Aichacher Gerichtstag von Schorsch Huber erneut ein, um damit anlässlich des Kaiserfestes nach Füssen auf Tournee zu gehen.
Parallel dazu wird bereits eifrig an der Herbstinszenierung gearbeitet. Im November erwartet sie unter der Regie von Ingrid Predasch Der Meteor von Friedrich Dürrenmatt.

Zum Autor

Richard Gruber, geboren 1954 in Apfeldorf am Lech, lebt in Schrobenhausen und arbeitet als Bildhauer zusammen mit seiner Lebensgefährtin Annemarie Mießl in seiner Werkstatt in Hörzhausen.
Als markante Einflüsse nennt er Struwwelpeter, Wilhelm Busch, viel Papier & Stifte, Musik & Singen, sein Ministrantendasein, Grimms Märchen, Comics, das Gymnasium Schongau, Rock und Jazz, Fußball und Eishockey, also alles zusammengenommen eine Melange, die zwangsläufig auf eine Künstlerlaufbahn hinauslaufen musste.
Nach einer Orgelbauerlehre und dem Beginn seiner Hochzeitslader-Karriere gründete er fast zeitgleich mit der Einschreibung an der Münchner Akademie der bildenden Künste zusammen mit befreundeten BildhauerInnen und seinem Bruder Hans Kriss die Schauspielgruppe Bühnenstich. Im Laufe von 15 Jahren entstanden so die Stücke "Der Schweinefaust", „Lodengrün“, „Die Entführung aus dem Abteil“, „Laura von Arabien“, „Die Ankunft des Kaisers von Bottakudien respektive Der Herr von Schneer“, „Der Fluch des Phoenix“ und andere.
Seit 1989 lebt Richard Gruber im Unterland, ist ehrenamtlich im Kunstverein Schrobenhausen und im Berufsverband bildender Künstler tätig, ist seit 2003 Kunstpreisträger der Stadt Schrobenhausen, öffnet regelmäßig seine Werkstatt-Türen für mehrwöchige Ausstellungen mit Theater und Lesungen, beteiligt sich an Kunstausstellungen im In- und Ausland, hat Kunstobjekte im öffentlichen Raum von Schongau bis Ingolstadt geschaffen und ist immer wieder hoch erfreut, wenn sich Menschen ernsthaft mit Kunst, aus welchem Bereich auch immer, auseinandersetzen und dafür begeistern.

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