Kinder und die Stille

Kinder brauchen heute mehr denn je die Stille. Vielfältige Überbeanspruchungen der Sinne erschweren den Zugang zum Kern des Lebens.Stille-Übungen sind daher Einübungen ins wesentliche und reichere Leben.
Höher, schneller, weiter - eigentlich sind sich ja alle einig, dass sich die Dinge nicht weiter in diese Richtung entwickeln können. Und doch: Zumindest den Kindern soll immer noch mehr und Ausgefalleneres geboten werden. Die Medien tun das gern. Und tatsächlich kann die Aufmerksamkeit einer wachsenden Anzahl von Kindern nur noch gewonnen werden, wenn in rascher Abfolge Neues geboten wird. Und dann bei den Elternabenden heißt dann ein Tages-ordnungspunkt Nr. 1: die wachsende Unruhe und Unkonzentriertheit der Kinder. In sich selbst hineinhören wird in einer lärmbedrohten Welt immer wichtiger. Diese Eigenschaft ist deshalb so wichtig, weil nicht nur die äußeren Einflüsse uns prägen, sondern weil vieles in jedem von uns angelegt ist, was sich lohnt, näher betrachtet zu werden. Dabei geht es nicht um Verinnerlichung einer Weltabgeschiedenheit, sondern um das Kennen lernen der Kräfte, Bilder und Visionen, die in uns stecken.
Der Zeit- und Leistungsdruck in unserer heutigen Gesellschaft macht auch vor unseren Kindern keinen Halt. Spätestens mit der Einschulung werden sie verstärkten psycho-physischen Belastungen ausgesetzt, wie z. B. stundenlangem Stillsitzen auf überwiegend schlechten Schulmöbeln, einseitigen Sinnesbelastungen bei hochkonzentrierten Tätigkeiten am Computer, zunehmendem Leistungs- und Notendruck . Aber auch die Freizeitgestaltung überschreitet immer mehr die Bewältigungskapazitäten unserer Kinder. Kinder werden mit dem Auto aus der Schule abgeholt, hektisch wird das Mittagessen eingenommen, schnell die Hausaufgaben erledigt, dann die diversen Nachmittagstermine wie z. B. der Schwimmkurs, die Verabredung mit den Freunden. Auch die Fernsehsendung um 19.00 Uhr darf nicht verpasst werden. Kinder führen teilweise schon einen Terminkalender wie Erwachsene.
"Verplante Kindheit" nennen Wissenschaftler die Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Gut gemeinte Bemühungen, ihnen möglichst viel Abwechslung zu bieten. Hinzu kommen gestresste Eltern, deren Hektik und Unruhe sich auf die Kinder abfärbt. All das trägt im verstärkten Maße dazu bei, dass die für die Gesundheit so wichtige Balance von Anspannung und Entspannung gestört wird. Aufgebaute Spannungen werden immer weniger abgebaut. Die Folge: Viele Kinder klagen immer häufiger gelegentlich über stresstypische Störungen, wie schlechtes Einschlafen, Kopf- und Bauchschmerzen. Dies sind deutliche Warnsignale.
Die Bedeutung der Stille bei Maria Montessori. Die Stille nimmt bei Montessori eine bedeutende Rolle ein. Das Erfahren der Stille gehört für sie schlichtweg zur Bildung. „Gute Atmosphäre, die zur Bildung hilft, bildet sich nicht ohne Stille.“ (Montessori, Helming 1977, S. 71) Stille ist das Fundament des Lernens. Lärm hingegen führt zu Überreizung und verhindert Bildung, indem die Aufmerksamkeit stark nach außen gelenkt wird und keine Besinnung stattfindet. „Hingabe an eine Tun erfolgt aus Sammlung und Stille“ (Montessori, Helming, 1977, S. 71).
Die Stille hat bei Montessori einen sehr hohen Wert: „Trotzdem weiß man, vor allen Dingen, von der erzieherischen Seite her, dass die Stille einen sehr hohen inneren Wert hat, und dass die Menschen, die sich zu vervollkommnen suchen oder die mit ihrer Intelligenz auf ein sehr hohes Niveau gelangen wollen, Künstler oder Dichter, diese Stille haben müssen. Das ist eine Notwendigkeit, ist die Stille wahrhaft eine Notwendigkeit...“ (Montessori, 1994, S. 132 f. ).
Durch ihre Beobachtungen erkannte sie, dass Kinder durchaus Stille wünschen und nicht von Natur aus Lärm machen. 1938 hielt Montessori einen Vortrag in Holland über 'Die Lektion der Stille': „Ich hatte also bemerkt, dass die ganz kleinen Kinder von drei und vier Jahren, und später, dass auch die Kinder von zwei Jahren auf außerordentliche Weise das Schweigen lieben.“ (Montessori, 1998, S. 82).

Manuela Sigl

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